Jagd auf den Chefberater

  • vonJochen Wittmann
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Britische Medien haben die Jagd auf den Chefberater des Premierministers Boris Johnson eröffnet. Dominic Cummings soll gegen die strengen Auflagen der Selbstisolierung verstoßen haben, als er Ende März zusammen mit seiner ebenfalls an Covid-19 erkrankten Ehefrau von London aus zum rund 400 Kilometer entfernten Durham reiste. Cummings ist zwar nur ein ungewählter politischer Berater, übt aber als einer der engsten Mitarbeiter von Boris Johnson mehr Einfluss aus als mancher Kabinettsminister. Nach seiner Missachtung der Quarantäneregeln rufen Oppositionspolitiker ebenso wie Medienkommentatoren nach Cummings‹ Rücktritt, umso mehr, als am Wochenende bekannt wurde, dass er weitere Male gegen die Lockdown-Regeln der Regierung verstoßen haben soll.

Das Büro des Premierminsters sowie mehrere Kabinettsminister stellten sich am Wochenende demonstrativ hinter Cummings. Er habe die Sorge für seinen vierjährigen Sohn sicherstellen wollen, lautete das Argument. Deshalb sei er zum Hof seines Vaters in der Grafschaft Durham gefahren, um sich dort in einem Nebengebäude mit Frau und Kind zu isolieren und von Familienmitgliedern versorgt zu werden. Sein Verhalten verstoße nicht gegen die Quarantäneregeln.

Hochumstrittene Figur der Politszene

Cummings’ Kritiker bestreiten das. Die Anweisung der Regierung an die Bevölkerung sei klar gewesen: Wer Symptome hat, muss zu Hause bleiben und darf nicht reisen: "Seinen Wohnsitz zu verlassen, um in einem anderen Haus zu bleiben, ist nicht gestattet." Es dürfe nicht eine Regel für die Bevölkerung geben und eine andere für hochgestellte Regierungsmitarbeiter.

Der Druck auf Cummings wurde größer, als zwei britische Sonntagszeitungen berichteten, dass der Chefberater auch danach mehrere Male die Ausgangsbeschränkungen verletzt haben soll. Am 12. April sei er in Barnard Castle, einem Ort rund 40 Kilometer von Durham entfernt, gesehen worden, meldete der "Observer". Und der "Sunday Mirror" trieb einen Zeugen auf, der den 48-Jährigen beim Ausflugsort Houghall Woods gesehen haben will. Das soll am 19. April gewesen sein, fünf Tage nachdem Cummings aus seiner Selbstisolierung wieder zurück nach London gekommen war. Cummings selbst bestreitet diese Vorwürfe. Eine Blitzumfrage des Instituts YouGove fand heraus, dass 68 Prozent der Briten denken, dass er die Regeln gebrochen hat. Gestern riefen nicht nur Oppositionspolitiker, sondern auch mehrere Mitglieder der konservativen Regierungspartei, darunter der einflussreiche Hinterbänkler Steve Baker, nach seinem Rücktritt.

Im Streit um Cummings verbirgt sich mehr als nur ein Gezerre um Corona-Regeln. Denn der 48-Jährige ist eine hochumstrittene Figur der britischen Poltikszene. Zwar fungiert Cummings nur als Berater und wurde nie in ein Amt gewählt. Doch Boris Johnson hat ihn zu einem seiner engsten Mitarbeiter gemacht, der in der Downing Street den Beamtenapparat koordinieren und überwachen soll. Cummings hat das Büro neben dem von Johnson bekommen, was seinen Status unterstreicht: An ihm kommt keiner vorbei, er ist de facto der Stabschef der Downing Street. Er hat sich seine Sporen in der "Vote Leave"-Kampagne verdient, die für den Austritt aus der EU stritt. Unter Brexit-Fans hat er fast mythischen Status, weil ihm der Sieg im Referendum zugeschrieben wird. Sogar ein Hollywood-Film porträtiert den genialen Wahlkämpfer (gespielt von Benedict Cumberbatch). jwi

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