In der Besuchsbox: Die 92-jährige Heimbewohnerin Elfriede Liebscher unterhält sich mit Sachsens Gesundheitsministerin Petra Köpping (SPD) in einem besonders ausgestatteten Raum im Altenpflegeheim Matthias-Claudius-Haus. Zur Einhaltung der Sicherheitsstandards in Pflegeheimen während der Corona-Pandemie mussten bisher die Bewohner auf Besuche verzichten. Mit dieser Box ist nun eine visuelle und akustische Kontaktaufnahme mit Verwandten und Angehörigen möglich. FOTO: DPA
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In der Besuchsbox: Die 92-jährige Heimbewohnerin Elfriede Liebscher unterhält sich mit Sachsens Gesundheitsministerin Petra Köpping (SPD) in einem besonders ausgestatteten Raum im Altenpflegeheim Matthias-Claudius-Haus. Zur Einhaltung der Sicherheitsstandards in Pflegeheimen während der Corona-Pandemie mussten bisher die Bewohner auf Besuche verzichten. Mit dieser Box ist nun eine visuelle und akustische Kontaktaufnahme mit Verwandten und Angehörigen möglich. FOTO: DPA

Das immunologische Alter

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Gerade bei älteren Menschen verläuft Corona schwerer oder endet tödlich. Werden also in der Pandemie in jüngeren Gesellschaften weniger Menschen sterben? Nicht unbedingt.

In Pflegeheimen herrscht Besuchsverbot und Enkel bleiben zu Hause - Omis Gesundheit zuliebe. Während jüngere Menschen eine Infektion mit dem neuen Coronavirus oft kaum bemerken, kann es Ältere schwer treffen. Deshalb liegt der Schluss nahe: In Staaten mit vergleichsweise vielen Alten gibt es mehr Tote. Doch so einfach ist es nicht.

Demografieforschern zufolge spielt die Altersstruktur einer Bevölkerung bei Corona tatsächlich eine große Rolle. Wenn zwei Gesellschaften generell ähnlich und vergleichbar sind, etwa was Gesundheitsstandards und die Sterblichkeitsrate angeht, werden in einer älteren Gesellschaft mehr Menschen an Covid-19 sterben als in einer eher jüngeren, sagt Mikko Myrskylä, Direktor des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung in Rostock.

Doch gerade das Beispiel Deutschland zeigt, dass die Altersstruktur nicht zwingend die größte Rolle spielt: Wir leben in einer der greisesten Gesellschaften der Welt, rund ein Viertel der Bevölkerung ist 65 Jahre oder älter. Die Sterberate ist hierzulande verglichen mit der in europäischen Nachbarstaaten - die eine recht ähnliche Altersstruktur haben - aber deutlich niedriger, zumindest derzeit noch.

Ein Grund für die vielen Corona-Toten in Italien und Spanien sei, dass dort häufig mehrere Generationen in einem Haus leben, sagt Myrskylä. Ältere Menschen seien so viel stärker einem Infektionsrisiko ausgesetzt als etwa in Deutschland, wo sie in der Regel getrennt von Kindern und Enkelkindern leben. Gérard Krause, Epidemiologe am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig, hält diese Erklärung zwar für plausibel, sie lasse sich aber noch nicht beweisen.

Eine weitverbreitete Annahme ist auch, dass in Ländern wie Italien die Dunkelziffer bei den Infizierten - nicht aber bei den Toten - wesentlich höher ist als in der Bundesrepublik. Das führt zu einer vermeintlich höheren Sterberate. Auch eine unterschiedliche Belastung der Gesundheitssysteme wird als Grund angeführt.

Wie viele Menschen in einer Gesellschaft an dem neuartigen Coronavirus sterben, hängt von verschiedenen Faktoren ab, da sind sich die Experten einig. Den größten Einfluss habe generell, wie viele Menschen einer Gesellschaft insgesamt mit dem Virus infiziert sind, sagt Myrskylä. Betrachtet man die Infizierten, hänge die Zahl der Todesfälle neben dem Alter auch von beispielsweise der Gesundheitsversorgung ab. Verschiedene Studien geben zudem Hinweise darauf, dass es möglicherweise einen Zusammenhang zwischen Luftverschmutzung und schwereren bis tödlichen Covid-19-Verläufen gibt.

Distanz, Hygiene und Intensivbetten

Gilt denn, dass in Ländern mit durchschnittlich jüngerer Bevölkerung weniger Menschen an Corona sterben? Vor allem in afrikanischen Ländern sind die Gesellschaften im Durchschnitt oft eher jung. In Nigeria etwa sind den Daten des US-Geheimdienstes CIA zufolge nur gut drei Prozent der Bevölkerung 65 Jahre alt oder älter. Maximilian Gertler von Ärzte ohne Grenzen glaubt, dass die oftmals eher junge Bevölkerung vorübergehend ein Puffer sein kann. Es gebe aber weitere Faktoren, die einen viel stärkeren Einfluss auf die Entwicklung der Pandemie auf dem afrikanischen Kontinent hätten. So sei mehr Distanz beispielsweise in großen Armenvierteln keinesfalls so umsetzbar wie hierzulande, der Zugang zu sauberem Wasser sei teilweise nur an Brunnen außerhalb der eigenen Wohnung möglich. Auch das Arbeiten von zu Hause sei für einen Großteil der Menschen - Wanderarbeiter, Händler, Taxifahrer - keine Option. Zudem mangle es oft an Desinfektionsmitteln, Seife und Schutzmaterial, es gebe zu wenig medizinisches Personal, sagt der Epidemiologe vom Tropeninstitut der Berliner Charité. "Ganz zu schweigen von Intensivkapazitäten - die sind quasi nicht vorhanden." Auch Vorerkrankungen und Risikofaktoren wie Diabetes, Fettleibigkeit oder Nikotinkonsum seien vor allem in städtischen Gebieten vieler afrikanischer Länder wie etwa Ghana, Ruanda oder Nigeria durchaus keine Seltenheit mehr.

Auch der Epidemiologe Krause hält Aussagen oder Voraussagen für Länder mit jüngerer Bevölkerung für schwierig, denn: "Es geht bei Covid-19 nicht nur um das absolute Alter in Jahren, sondern auch um das immunologische Alter." So spielten etwa andere Erkrankungen oder Infektionen, der Ernährungs- und gesamtgesundheitliche Zustand oder Rauchen eine Rolle. "Diese Umstände könnten sich in manchen Ländern auf einen 60-Jährigen so auswirken wie auf einen 80-Jährigen in Europa."

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