US-Vizepräsident Mike Pence (l.) und Präsident Donald Trump während eines Briefings über das Coronavirus im Roosevelt- Raum im Weißen Haus. FOTO: DPA
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US-Vizepräsident Mike Pence (l.) und Präsident Donald Trump während eines Briefings über das Coronavirus im Roosevelt- Raum im Weißen Haus. FOTO: DPA

Immun gegen Wahrheiten

  • vonThomas J. Spang
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Donald Trump verbreitet seine eigenen Theorien über das Coronavirus und spielt die Gefahr herunter. Die US-Regierung verliert kostbare Zeit.

Als die Physiotherapeutin einer Klinik in Seattle alle Anzeichen einer Erkrankung mit dem Coronavirus verspürte, versuchte sie sich testen zu lassen. Nicht nur weil sie an einer chronischen Bronchitis leidet und deshalb besonders gefährdet ist, sondern auch wegen der Patienten, mit denen sie täglich arbeitet. Viele von diesen sind über 65 Jahre alt und gehören damit auch einer Risikogruppe an. Zumal der Großraum Seattle mit 30 bestätigten Corona-Fällen ein "Epizentrum" der Pandemie in den USA ist.

In den sozialen Medien berichtete die Frau, wie schwierig es sich gestaltete, getestet zu werden. Sie habe zwei Hausärzte angerufen. "Einer sagte mir, er und seine Kollegen wüssten nicht, wo Tests verfügbar seien." Der andere habe ihr geraten in die Notaufnahme eines Krankenhauses zu gehen. Auch dort sei sie weitergereicht worden.

Das Problem liegt auf der Hand. Es gab in den USA bisher nicht genügend Labore und Test-Kits, Corona-Verdachtsfälle zu untersuchen. US-Präsident Donald Trump machte dafür und für die fehlenden Laborkapazitäten am Mittwoch ohne einen Funken an Wahrheit seinen Vorgänger Barack Obama verantwortlich.

Während Südkorea bis Dienstag in "Drive-thru"-Kliniken 121 000 Menschen mit Symptomen testete, unterzogen die Amerikaner im selben Zeitraum genau 472 Personen einem Test. Dass die Infektionsfälle in den Statistiken in den USA geringer ausfallen, sagt weniger über die tatsächliche Verbreitung des Virus aus, als um das Wissen darüber. Denn wo nicht getestet wird, so Experten, dauere es sehr viel länger, bis die Infektionsraten in den Statistiken auftauchen.

Die Verantwortung dafür trägt die US-Regierung, die es versäumte, die Zeit seit den ersten Erkrankungen in China zu nutzen, ihre Behörden auf den Ernstfall vorzubereiten. Stattdessen tut US-Präsident Trump sein Bestes, die Gefahren herunterzuspielen. In einem Telefoninterview mit seinem Lieblingsmoderator Sean Hannity auf FOX ging Trump am Mittwochabend so weit, die Schätzungen der Sterblichkeitsrate durch die WHO anzuzweifeln. "Ich denke, 3,4 Prozent ist wirklich eine falsche Zahl", verkündete der Präsident, der die Sorge vor der Verbreitung des Virus auf einer Kundgebung in South Carolina vergangene Woche als einen "Betrug" seiner Gegner und der Medien bezeichnet hatte. "Eine Menge Leute haben das sehr mild. Ihnen geht es sehr schnell besser. Sie gehen nicht einmal zum Doktor", erklärte Trump in "Hannity’s" Show, warum die WHO falschliege.

Viele Diskrepanzen

Trump äußerte sich am selben Tag, an dem das Repräsentantenhaus 8,3 Milliarden Dollar an Notfallmitteln zur Eindämmung der Pandemie genehmigte. Statt die Öffentlichkeit aufzuklären, tut der Präsident so, als sei der Virus ein Problem in anderen Teilen der Welt. Bei einem Treffen mit den Managern besorgter Fluggesellschaften erklärte Trump, "eine Menge Leute machen jetzt Geschäfte daheim. Sie fühlen sich sicher".

Zu dieser Illusion trägt die amerikanische Gesundheitsbehörde CDC bei. Wer auf ihre Web-Seite geht, stellt schnell eine Diskrepanz fest. Am Donnerstagmorgen berichtet die Regierungsbehörde von 80 bestätigten Fällen an Infektionen mir dem COVID-19-Virus mit neun Todesfällen in 13 Staaten. Laut "New York Times" ist die Zahl der Infizierten mit 160 mindestens doppelt so hoch mit insgesamt elf Toten und Krankheitsfällen bereits in 17 Staaten. Weil bisher nur spärlich getestet wurde, dürften selbst diese Zahlen nach Ansicht von Experten weit unterhalb der tatsächlichen Verbreitung des Corona-Virus in den USA liegen. Eine von Vizepräsident Mike Pence koordinierte "Arbeitsgruppe" bemüht sich nach massiver Kritik aus Expertenkreisen nun, mehr Test-Kits in Umlauf zu bringen. Norman Ornstein von der konservativen Denkfabrik American Enterprise Institut sieht die CDC als "Gefangenen" eines Präsidenten, "der sich für die Gesundheitskrise nur mit Blick auf den Aktienmarkt und seine eigenen Umfragewerte interessiert". Er verspiele die Glaubwürdigkeit der Regierung.

Trump sieht das anders. Vergangene Woche verkündete er auf der ersten Pressekonferenz zum Thema, irgendwann werde das Virus so magisch verschwinden wie es gekommen sei. Zudem werde es nicht lange dauern, bis eine Impfstoff zur Verfügung stehe. An dieser Stelle intervenierte der Chef des National Institutes of Health, Anthony Fauci, der selbst ein Spezialist für Infektionserkrankungen ist. "Der ganze Prozess dauert mindestens ein bis eineinhalb Jahre."

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