Der Afroamerikaner George Floyd fleht um Hilfe. Doch das Knie eines weißen Polizeibeamten bleibt ihm unerbittlich im Genick. Kurze Zeit später ist er tot. FOTO: DPA
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Der Afroamerikaner George Floyd fleht um Hilfe. Doch das Knie eines weißen Polizeibeamten bleibt ihm unerbittlich im Genick. Kurze Zeit später ist er tot. FOTO: DPA

"Ich kann nicht atmen"

  • vonThomas J. Spang
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Tera Brown will nach dem Tod ihres Cousins nicht zur Tagesordnung übergehen. Wie in etwa 99 Prozent der Fälle, wenn meist schwarze Amerikaner Opfer von Polizeigewalt werden. Die Verantwortlichen müssten wegen Mordes angeklagt werden, verlangt die junge Frau bewegt im US-Fernsehen. "Denn das war ein Mord." Glücklicherweise habe jemand das Geschehen aufgezeichnet, sagt sie auf CNN, "damit die ganze Welt nun Zeuge ist". Auch auf den Straßen von Minneapolis forderten Hunderte Demonstranten Gerechtigkeit.

Das von einem Passanten aufgenommene Video vom gewaltsamen Ende George Floyds auf einer Straße in Minneapolis im US-Bundesstaat Minnesota ist so schockierend, dass es mitten in der Covid-19-Pandemie an dem Gewissen der Nation rüttelt. Darauf zu sehen ist, wie ein Beamter zehn Minuten lang mit seinem Knie im Nacken des 46-jährigen Mannes sitzt, den die Polizei wegen Betrugs gesucht hatte.

Obwohl Floyd schon Blut aus der Nase läuft und Augenzeugen den Beamten drängen, von dem Mann auf dem Boden abzulassen, zeigt sich der Beamte ungerührt. Auch die drei Polizisten, die mit vor Ort waren, taten nichts, dem Schwarzen zu helfen.

Sechs Jahre nach dem Tod Eric Garners in Polizeigewalt in New York verhallte derselbe Hilferuf eines anderen Schwarzen in Minneapolis ungehört. "Ich kann nicht atmen" waren auch die letzten Worte Floyds. Die Sanitäter brachten seinen reglosen Körper ins Krankenhaus, wo nur noch der Tod festgestellt werden konnte.

"Schwarz zu sein in Amerika, darf kein Todesurteil sein", verurteilt der Bürgermeister von Minneapolis, Jacob Frey, den brutalen Einsatz. "Dieser Polizist hat im fundamentalsten menschlichen Sinn versagt", fügt Frey emotional hinzu. "Das war bösartig. Und es war unakzeptabel." Binnen 48 Stunden nach dem Vorfall vom Montag waren alle vier beteiligten Polizisten ihren Job los, kündigte die Bundespolizei FBI Ermittlungen an und gingen aufgebrachte Menschen auf die Straße.

Der demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden verlangte "Gerechtigkeit" für Floyd und dessen Familie. "Sein Leben bedeutet etwas", twitterte Biden unter Anspielung auf das Motto der "Black Lives Matter"-Bewegung, die in Reaktion auf die grassierende Polizeigewalt in den USA entstanden war. Ein Problem, das bis heute nicht gelöst ist, wie ein Blick in die Statistik belegt.

Im Jahr 2019 haben Polizisten im Einsatz laut dem "Mapping Police Violence"-Projekts genau 1099 Menschen getötet. Es gab im letzten Jahr nur 27 Tage, an denen niemand ums Leben kam. Afroamerikaner werden dabei gemessen an ihrem Anteil an der Bevölkerung doppelt so häufig zu Opfern wie weiße US-Bürger. Und nur in den allerseltensten Fällen kommt es zu Strafverfahren gegen die Verantwortlichen.

Zuletzt hatte in den USA ein Video aus dem Bundesstaat Georgia für Aufsehen gesorgt - ein verstörendes Handyvideo zeigte, wie der schwarze Jogger Ahmaud Arbery (25) offenbar von weißen Männern angegriffen und dann erschossen wurde. Nach der Tat im Februar hatte es zwei Monate gedauert - bis zur Veröffentlichung des Videos - bis es in dem Fall erste Festnahmen gab.

Vorfall in New York

Wie schnell es zu Spannungen zwischen schwarzen und weißen Amerikanern kommen kann, hatte diese Woche auch ein Vorfall in New York gezeigt. Ein afroamerikanischer Hobby-Vogelbeobachter hatte eine weiße Frau im Central Park gebeten, den Parkregeln entsprechend ihren Hund anzuleinen, wie ein Video zeigte, das die Schwester des Mannes auf Twitter veröffentlichte. Die Frau lehnte dies jedoch ab, rief die Polizei an und sagte, ein afroamerikanischer Mann bedrohe sie. Das Video wurde schnell millionenfach angesehen. Die Frau wurde daraufhin von ihrem Arbeitgeber, einer Investmentfirma, rausgeschmissen. Afroamerikaner als bedrohlich darzustellen, gilt in den USA als typisches rassistisches Stereotyp. tsp/dpa

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