Reaktionen zur Hamburg-Wahl 2020

Pressestimmen zur Bürgerschaftswahl: „FC St. Pauli die einzigen Braunen, die in Hamburg gewinnen“

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FDP und insbesondere AfD bangen nach der Hamburg-Wahl um den Bürgerschaftsverbleib, die CDU fällt historisch zurück: Die Reaktionen auf die Wahl fallen indes vernichtend aus.

  • Am Sonntag, den 23. Februar 2020, stand die Bürgerschaftswahl in Hamburg auf der politischen Agenda.
  • Ersten Hochrechnungen zufolge hat das Thüringen-Debakel Spuren hinterlassen.
  • CDU, FDP und AfD scheinen abgestraft zu werden.

Hamburg - Nach den ersten Hochrechnungen zur Bürgerschaftswahl in Hamburg zeichnet sich in der Hansestadt ein deutliches Bild ab. Während sich Grüne und insbesondere die SPD zufrieden zeigen dürfen, müssen CDU, FDP und AfD wohl empfindliche Stimmverluste hinnehmen. Aller Voraussicht nach kassiert die CDU ihr schlechtestes Landesergebnis seit 70 Jahren. FDP und insbesondere die AfD müssen gar um den Verbleib in der Bürgerschaft zittern. 

Bei vielen Beobachtern ist die Ursache für das schlechte Abschneiden der drei Parteien mit der Thüringen-Krise indes schnell gefunden: „Die schweren Verluste für CDU, FDP und AfD zeigen, wie sehr die Wählerinnen und Wähler den Tabubruch vom 5. Februar auch an der Wahlurne bestrafen“ kommentierte etwa die Thüringer Linken-Chefin Susanne Hennig-Wellsow. Dieser Tenor ist auch bei den nationalen Pressestimmen zu erkennen, die sich darüber hinaus auch mit dem Verhalten der SPD-Führung im Wahlkampf beschäftigen - und dabei kein gutes Bild von Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans zeichnen.

„Hamburger Abendblatt“ über die Bedeutung des Ergebnisses der SPD: Die SPD kann noch gewinnen. Das ist die gute Nachricht für die neuen Vorsitzenden Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans. Die schlechte: Sie haben zum Sieg von Peter Tschentscher ungefähr so viel beigetragen wie zum Triumph des FC St. Pauli im Volksparkstadion - also nichts. Die Hamburger SPD hatte ihrer neuen Parteispitze aus dem eigenen Wahlkampf konsequent heraus gehalten. Der Plan ging auf.

Hamburg-Wahl 2020: SPD siegt, doch wie „sollte Parteispitze zu denken geben“

„Nürnberger Nachrichten“ zum Abschneiden der SPD: Die Hamburg-Wahl erlaubt wegen ihres stark kommunalen Charakters weniger Rückwirkungen auf den Bundes-Trend als andere Landtagswahlen. Aber dass ein Amtsinhaber trotz der Krise seiner Partei im Bund vielleicht auch deshalb so gut abschnitt, weil er auf Besuch von Berliner SPD-Prominenz verzichtete - das sollte Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans zu denken geben.

Hamburg-Wahl 2020: Union in der Krise - „Führungslosigkeit in der CDU muss zügig beendet werden“

„Allgemeine Zeitung“ (Mainz) zum Ergebnis der CDU: Für die Union ist der Einbruch in Hamburg ein eindeutiges Signal dafür, dass sie die Führungslosigkeit in der CDU zügig beenden muss.

„Ostthüringer Zeitung“ (Gera) über das Abschneiden der CDU und die Zustände in Thüringen:  Das für die CDU desaströse Wahlergebnis in Hamburg sollte Warnung genug sein. Entweder die Bundes-CDU präsentiert eine trag- und mehrheitsfähige Lösung für die Thüringer Verhältnisse. Bisher gab es da nur unbrauchbare Vorschläge. Oder sie lässt die thüringische Landespartei endlich mal in Ruhe. Da Aschermittwoch naht, wäre hilfsweise auch ein Schweigegelübde bis Ostern wünschenswert.

Hamburg Wahl 2020: AfD droht Rauswurf aus der Bürgerschaft - hämischer St.-Pauli-Vergleich 

„taz“ über das Ergebnis der AfD mit Blick auf den Derby-Sieg des FC St. Pauli beim Hamburger SV: „Die einzigen Braunen, die in Hamburg gewinnen.“ (Der FC St. Pauli spielt traditionell in braunen Trikots, Anm. d. Red.)

„Südwest Presse“ (Ulm) über das schwache Abschneiden der AfD: Die AfD dagegen erfährt zum ersten Mal nach längerer Zeit, dass es auch abwärts gehen kann. Die 20-Prozent-plus-Ergebnisse der vergangenen Landtagswahlen haben ihren Traum beflügelt, demnächst eine reale Machtoption zu haben. Erfurt, die Debatte um ihre Rolle bei der politischen Verrohung im Land, zuletzt der Schock nach Hanau, haben zunächst einmal ein Stoppsignal gesetzt. Das ist ermutigend, auch wenn die Besonderheiten einer Stadtgesellschaft wie Hamburg nicht einfach übertragbar sind.

„Tages-Anzeiger“ (Zürich):

„2015 war das Hamburger Landesparlament das erste im Westen gewesen, in das die damals zwei Jahre junge Partei einzog. Nun wäre es fast das erste geworden, aus dem die AfD wieder hinausfliegt. Der wichtigste Grund für den Beinahe-Absturz war dabei nicht an Elbe und Alster zu suchen, sondern in Hessen. Am späten Mittwochabend hatte ein Deutscher in Hanau neun Menschen mit ausländischen Wurzeln erschossen, nach Ansicht der Behörden aus „rassistischen Gründen“. Gemäß einer aktuellen Umfrage finden rund 60 Prozent der Deutschen, die AfD trage eine Mitverantwortung für rechtsextremistische Gewalt. (...)

Auch die miserablen Ergebnisse von FDP und CDU wurzelten in einem Ereignis, das mit Hamburg nichts zu tun hatte. Am 5. Februar hatten die beiden Parteien zusammen mit der AfD einen FDP-Mann zum Ministerpräsidenten von Thüringen gewählt - entgegen ausdrücklicher Verbote der jeweiligen Bundesleitungen. Für dieses kopflose Manöver erhielten CDU und FDP in Hamburg die Quittung.“

as mit Material der dpa

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Rubriklistenbild: © Screenshot taz

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