Labour-Chef Jeremy Corby bei der Vorbereitung einer Wahlkampfrede. Foto: Joe Giddens/PA Wire/dpa
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Jeremy Corbyn steht schon lange in der Kritik.

Großbritannien

Antisemitismus-Vorwürfe: Labour suspendiert Ex-Parteichef Corbyn

Die Labour-Partei setzt die Parteimitgliedschaft ihres früheren Chefs Jeremy Corbyn bis auf weiteres aus. Grund sind verharmlosende Äußerungen Corbyns zu einer unabhängigen Untersuchung zu Antisemitismus.

London - Die britische Labour-Partei hat ihren ehemaligen Parteichef Jeremy Corbyn wegen Antisemitismus-Vorwürfen suspendiert. Die Entscheidung sei angesichts verharmlosender Äußerungen Corbyns über eine unabhängige Untersuchung zu Antisemitismus in der Oppositionspartei getroffen worden, teilte ein Labour-Sprecher mit. „Angesichts seiner heutigen Äußerungen und seines Versäumnisses, sie später zurückzunehmen, hat die Labour-Partei Jeremy Corbyn bis zum Abschluss der Untersuchung suspendiert“, erklärte die Partei.

Eine Untersuchungskommission hatte zuvor festgestellt, dass die britische Oppositionspartei Antisemitismus in den eigenen Reihen zugelassen habe. Es habe Schikanen und Diskriminierungen gegeben, teilte die britische Kommission für Gleichheit und Menschenrechte (EHRC) in London mit. Die EHRC deckte mehrere Fälle auf, in denen die Führungsriege um Corbyn die Beschwerden jüdischer Mitglieder ignoriert oder herunterspielt habe. Besonders in der Kritik steht in dem Bericht der Alt-Linke Jeremy Corbyn, der von 2015 bis 2020 Chef der Partei war. Im April 2020 wurde der 71-Jährige von Keir Starmer abgelöst.

Corbyn kündigte an, er werde die Suspendierung anfechten. Er akzeptiere nicht alle Ergebnisse des Berichts und kündigte an, „entschieden“ gegen seine Suspendierung vorzugehen. Er sprach von einer politisch motivierten Entscheidung gegen ihn. Er sei „immer entschlossen gewesen, alle Formen des Rassismus zu beseitigen“. Er bedauere aber, dass der Wandel so lange gedauert habe. „Jeder Antisemit ist einer zu viel, aber das Ausmaß des Problems wurde auch aus politischen Gründen von unseren Gegnern innerhalb und außerhalb der Partei sowie von einem Großteil der Medien dramatisch überbewertet“, fügte er hinzu.

Parteichef Keir Starmer bat indessen die jüdische Gemeinde um Entschuldigung. „Es ist mir nicht leicht gefallen, diesen Bericht zu lesen“, sagte Starmer, der von einem „Tag der Schande“ für Labour sprach. Er erkenne die Ergebnisse des Berichts vollständig an. „Diejenigen, die das Problem leugnen, sind Teil des Problems“, sagte Starmer. „Ich kann Ihnen versprechen: Ich werde handeln. Nie wieder wird Labour Sie im Stich lassen“, versprach er und entschuldigte sich erneut bei der jüdischen Gemeinde in Großbritannien. Er hatte sich bereits im April entschuldigt, als er das Amt von Corbyn übernahm.

Seit Jahren werfen Kritiker den britischen Sozialdemokraten antisemitische Tendenzen - etwa in Beiträgen in sozialen Medien - vor. Mehrere Abgeordnete verließen aus Protest die Partei. 2018 räumte Corbyn ein, dass Disziplinarverfahren gegen antisemitische Parteimitglieder zu langsam und zaghaft betrieben worden seien.

Corbyn stand auch selbst häufig in der Kritik. So hatte er sich geweigert, sich bei Juden für antisemitische Tendenzen in seiner Partei zu entschuldigen. Kritiker warfen dem Alt-Linken auch eine einseitige Unterstützung der Palästinenser im Nahostkonflikt vor. Noch bevor er Labour-Chef wurde, bezeichnete er laut britischen Medien die im Gazastreifen herrschende Hamas, die unter anderem von der EU als Terrororganisation eingestuft wird, als „Freunde“. (FR/dpa/afp)

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