Oppositionsführerin Nancy Pelosi zerreißt unmittelbar nach der Ansprache von US-Präsident Donald Trump demonstrativ eine Kopie des Redetextes. Auf die Frage eines Reporters, warum sie das getan habe, sagte sie: "Weil es angesichts der Alternativen die höfliche Variante war." FOTO: AFP
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Oppositionsführerin Nancy Pelosi zerreißt unmittelbar nach der Ansprache von US-Präsident Donald Trump demonstrativ eine Kopie des Redetextes. Auf die Frage eines Reporters, warum sie das getan habe, sagte sie: "Weil es angesichts der Alternativen die höfliche Variante war." FOTO: AFP

Gespaltenes Amerika

  • vonDPA
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Donald Trump inszeniert sich bei der "State of the Union"-Rede als Retter der USA. Der Präsident versucht erst gar nicht, Gemeinsamkeiten mit den Demokraten zu suchen. Speakerin Nancy Pelosi rächt sich auf ihre Art.

Gemächlich schreitet der Präsident auf das Podium im Kongress, von dem er gleich seine Rede zur Lage der Nation halten wird. Er genießt den Jubel seiner Partei, die ihn nach einem Impeachment-Prozess ohne Zeugen und Beweismaterial im Senat mit ihrer Mehrheit freisprechen wird. Der Präsident fühlt sich obenauf.

In seiner Vorstellung hat Trump das bei seiner Amtseinführung in düstersten Farben beklagte "große Gemetzel", also den Niedergang Amerikas, beendet und das Land in kürzester Zeit einer neuen, strahlenden Zukunft entgegengeführt. So steht es über der 80 Minuten langen Rede zum Auftakt des Wahljahres: "Die großartige amerikanische Wiederkehr" ("The Great American Comeback").

Der Präsident überreicht, wie im Protokoll vorgesehen, die Redetexte an Vizepräsident Mike Pence und Speakerin Nancy Pelosi. Die nimmt die Mappe an und streckt ihm höflich die Hand entgegen. Trump ignoriert sie verächtlich und dreht sich den Abgeordneten aus dem Repräsentantenhaus und des Senats zu. Ein glatter Affront gegen die Speakerin, die Gastgeberin des Präsidenten im Kongress ist, und diesen formal einladen muss, die rituelle "State of the Union"-Rede zu halten.

Der Ton war gesetzt, der letzte Zweifel beseitigt, was nun folgen würde. Trump enttäuschte nicht. Er hielt eine Rede, in der er nach übereinstimmender Ansicht von Analysten nicht einmal den Versuch unternahm, Gemeinsamkeiten mit den Demokraten zu suchen. Die saßen mit grimmigen Minen versteinert auf ihren Plätzen als der Präsident verkündete, "die Lage der Nation ist stärker als jemals zuvor".

Stärker, größer, besser. Es mangelte nicht an Übertreibungen in den Ausführungen Trumps. Er beschwor eine boomende Wirtschaft mit Rekordbeschäftigung, brummenden Fabriken und steigenden Löhnen. Alles Dank seiner Steuerreform und den Handelskonflikten um NAFTA und China. Die Republikaner riss es von den Stühlen.

"Vier weitere Jahre" skandierten sie als Trump den (imaginären) Bau seiner "langen, großen und sehr starken Mauer" an der Südgrenze beschwor, den Umgang mit Flüchtlingen und Einwanderern verteidigte, seine restriktive Abtreibungspolitik anpries und vor einer "sozialistischen Übernahme" des Gesundheitssystems warnte.

Gute Umfragewerte

"In nur drei kurzen Jahren haben wir die Mentalität des amerikanischen Niedergangs zerschlagen", plusterte sich Trump auf. Und fügte in einer Mischung aus Drohung und Versprechen hinzu: "Wir werden niemals, jemals dahin zurückkehren." So spricht einer, der sich unverwundbar fühlt und seiner Wiederwahl im November entgegensieht.

Grund für Optimismus hat Trump allemal. Gallup bescherte ihm am Vorabend seines Freispruchs die besten Umfrageergebnisse seiner Amtszeit. 49 Prozent der Amerikaner sind zufrieden mit der Arbeit des Präsidenten. Die Demokraten bereiteten ihm mit dem Auszähldesaster bei den ersten Vorwahlen in Iowa eine Steilvorlage. Inzwischen gibt es zwar Zahlen, die den jungen Bürgermeister aus Indiana, Pete Buttigieg, und Senator Bernie Sanders vorn, Elizabeth Warren knapp dahinter und Joe Biden weit abgeschlagen auf dem vierten Platz sehen. Ein vollständiges Ergebnis liegt aber noch immer nicht vor. Egal, wer bei den Demokraten das Rennen macht, der Herausforderer Trumps wird es schwer haben, sich gegen den Amtsinhaber zu behaupten.

In seiner vom Teleprompter abgelesenen Rede ergriff Trump nicht eine einzige neue Initiative. Außenpolitik geriet zur Nebensache. Unerwähnt blieben ein paar unangenehme Wahrheiten. Die bittere Spaltung des Landes, die massiven Probleme im Gesundheits- und im Bildungswesen, die allerorts bröckelnde Infrastruktur, die Klimakrise, die Spannungen mit Amerikas traditionellen Verbündeten oder der Ansehensverlust der USA in der Welt oder das vierte Impeachment in der Geschichte.

Am Ende der Rede schlug die Stunde der Speakerin. Pelosi zerriss hinter dem Präsidenten genüsslich das Manuskript, das er ihr zu Beginn achtlos in die Hand gedrückt hatte. Seite für Seite vor laufender Kamera.

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