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Gleis 7 des Hauptbahnhofs Frankfurt: Ein achtjähriger Junge wurde hier am 29. Juli von einem Mann vor einen einfahrenden ICE gestoßen und getötet. Viele Augenzeugen mussten das miterleben. Experten sagen, dass ein solches Ereignis Menschen lange Zeit verfolgen kann.

"Extrem belastende Bilder"

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Viele Menschen haben den tödlichen Stoß am Frankfurter Hauptbahnhof aus nächster Nähe miterlebt. "Das kann einen sehr lange verfolgen", sagt ein Experte. Wen trifft es besonders und was schützt vor posttraumatischen Störungen?

Eine Attacke wie der tödliche Stoß am Frankfurter Hauptbahnhof kann innerhalb von Sekunden passieren. Doch die Bilder bleiben bei den Betroffenen oft ein Leben lang im Kopf. Wie kann man mit diesen traumatischen Erlebnissen am besten umgehen?

Rückblick: Zahlreiche Menschen warten am Montag, kurz vor 10 Uhr, an Gleis 7. Es ist Ferienzeit in Hessen. Ein Achtjähriger aus dem Hochtaunuskreis will gemeinsam mit seiner Mutter in den Urlaub aufbrechen. Der einfahrende ICE ist auf dem Weg nach München, doch plötzlich werden beide in das Gleisbett gestoßen. Die Frau kann sich gerade noch zur Seite retten, ihr Sohn wird von dem ICE erfasst und stirbt. Eine ältere Dame, die ebenfalls attackiert wurde, bringt sich in Sicherheit, ohne auf die Gleise zu stürzen. Die Polizei nimmt einen Tatverdächtigen, einen dreifachen Familienvater, fest.

"Das sind schon extrem belastende Bilder", sagt Traumaexperte Georg Pieper. Viele Augenzeugen fragten sich später: Hätte ich das verhindern können? Hätte ich irgendwas machen können? "Das kann natürlich völlig unberechtigt sein. Aber das sind sogenannte irreale Schuldgefühle, die können unglaublich quälend sein. Das kann einen sehr lange verfolgen", sagt der Psychotherapeut, der auch Angehörige und Betroffene der ICE-Katastrophe von Eschede betreut hat. Bei dem Unglück 1998 waren 101 Menschen gestorben.

Von der Deutschen Bahn fordert er, eine Hilfsgruppe einzurichten. "Mit solchen Nachbearbeitungsgruppen haben wir gute Erfahrungen gemacht." Die unmittelbar in einen derartigen Zwischenfall Hineingezogenen könnten sich dort - natürlich freiwillig - sortieren, austauschen und ein Stück besser von dem Vorfall distanzieren, um Traumafolgestörungen zu verhindern. "Die Deutsche Bahn sollte sich auch nicht vorwerfen lassen, sie habe da nichts getan", sagt Pieper.

Nach dem Vorfall hat die Bahn eine Telefonnummer eingerichtet, über die Betroffene eine psychologische Betreuung in Anspruch nehmen können. Dort meldeten sich bis Mittwochmittag 20 Menschen. "Wir werden weiterhin Sorge tragen, dass den Leuten, die sich melden, geholfen wird", sagt eine Sprecherin des Konzerns. Ob es auch eine Nachbearbeitungsgruppe - wie nach dem Eschede-Unglück - geben soll, war zunächst nicht bekannt.

Dramatisch für die Mutter

Aber wie erkennt man eine traumatische Störung? Dass man in den ersten Tagen und Wochen nach dem Erlebten angespannt und schreckhaft ist und schlecht schläft, ist völlig normal, sagen Experten. "Wenn die Symptome länger als vier Wochen dauern, sprechen wir von einer posttraumatischen Belastungsstörung", erklärt Psychotherapeut Pieper. "Damit darf man Menschen nicht alleinelassen." Nicht darüber Reden zu können, sei der größte Risikofaktor für spätere langwierige Störungen.

Am dramatischsten sei das Erlebte sicher für die Mutter. "Wir wissen aus der Traumaforschung: Der Verlust des eigenen Kindes ist das Allerschlimmste, was einem Menschen passieren kann." Da gelte es, Dinge zu finden, die einen halten. Sonst finde man kaum mehr einen Sinn im Leben.

Auch Amelie Thobaben, Mitglied des Bundesvorstandes der Deutschen Psychotherapeuten-Vereinigung, sagt: "Dieses Schicksal ist enorm schwer zu verarbeiten." Die Ereignisse seien "ganz besonders unfassbar", weil sie von Menschenhand ausgelöst wurden und nicht etwa durch eine Naturkatastrophe oder einen Unfall.

Zu Beginn müsse man der Mutter helfen, den Alltag zu bewältigen, indem man diesen auf das Nötigste reduziere. "Alles andere ist in der ersten Zeit Überforderung." Zugleich gehe es darum, "das Unfassbare auszuhalten". Erst später könne man "irgendwann" das Trauma psychotraumatherapeutisch bearbeiten - "da sprechen wir von Jahren". Und was ist mit dem betroffenen Lokführer oder der betroffenen Lokführerin? Die Bahn nehme ihre Verantwortung gegenüber Mitarbeitern, die während der Arbeit traumatischen Erlebnissen ausgesetzt sind, sehr ernst, heißt es am Mittwoch bei der Bahn. Lokführer, die arbeitsunfähig sind, erhalten ein alternatives Jobangebot im Konzern. Das Unternehmen versuche, Betroffenen so gut wie möglich zu helfen und sie psychologisch zu betreuen.

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