Zu der Zeremonie an der Neuen Wache, der zentralen Gedenkstätte für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft, versammelten sich die Repräsentanten der deutschen Verfassungsorgane. Zu den Teilnehmern zählten Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU), Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Bundesratspräsident Dietmar Woidke (SPD) und der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle. FOTO: AFP
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Zu der Zeremonie an der Neuen Wache, der zentralen Gedenkstätte für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft, versammelten sich die Repräsentanten der deutschen Verfassungsorgane. Zu den Teilnehmern zählten Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU), Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Bundesratspräsident Dietmar Woidke (SPD) und der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle. FOTO: AFP

Das einsame Gedenken

  • vonDPA
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Immer am 8. Mai gedenkt Deutschland des Endes des Zweiten Weltkriegs und der Befreiung von der NS-Gewaltherrschaft durch die Alliierten. Der 75. Jahrestag sollte besonders begangen werden. Die Corona-Krise durchkreuzt die Pläne. Ein besonderes Gedenken wird es trotzdem.

Vertreter von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft, Diplomatisches Korps, Jugendliche aus aller Welt - insgesamt 1600 Gäste, versammelt vor dem Reichstagsgebäude zu einem Staatsakt. So hatte sich Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier den 8. Mai, das Erinnern an das Ende von Krieg und nationalsozialistischem Terror vorgestellt. Dann kam die Corona-Krise, machte die Pläne zunichte. Am Ende wird es ein fast schon einsames Gedenken der fünf höchsten Repräsentanten des deutschen Staates. Deutschland müsse an diesem Tag allein gedenken, sagt Steinmeier später. "Aber: Wir sind nicht allein! Das ist die glückliche Botschaft des heutigen Tages!"

Um 12 Uhr fahren die gepanzerten Wagen vor der Neuen Wache am Boulevard Unter den Linden in Berlin vor. Die zentrale Gedenkstätte der Bundesrepublik für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft ist weiträumig abgesperrt. Kein anderes Auto ist auf der sonst stark befahrenen Straße unterwegs, kein Fußgänger ist zu sehen. Die aus den Limousinen zuerst aussteigenden Sicherheitsbeamten tragen Mundschutz, nicht so der Bundespräsident, Kanzlerin Angela Merkel (CDU) sowie die Präsidenten von Bundestag, Bundesrat und Bundesverfassungsgericht, Wolfgang Schäuble (CDU), Dietmar Woidke (SPD) und Andreas Voßkuhle.

Steinmeier betritt den Innenraum als Letzter. Ein kurzes Zunicken - mehr geht nicht in den Zeiten von Corona. Vor der Plastik "Mutter mit totem Sohn" von Käthe Kollwitz liegen bereits fünf Kränze. Die fünf Vertreter des Staates richten die schwarz-rot-goldenen Schleifen, verharren in Stille, der Trompeter Lorenz Jansky spielt "Der gute Kamerad". Auf dem menschenleeren Platz davor steht das Rednerpult mit Bundesadler, an das Steinmeier schließlich tritt - Merkel, Schäuble, Woidke, Voßkuhle mit Sicherheitsabstand zu seiner Linken und Rechten.

"Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, liebe Freunde in Europa, liebe Partner und Verbündete rund um die Welt" - so beginnt Steinmeier. Es schmerzt ihn sichtlich, dass die Angesprochenen so fern sind. "Wir Deutsche begehen den Tag unter uns, und das ist notwendig", sagte Richard von Weizsäcker in seiner berühmten Rede vom 8. Mai 1985. Steinmeier wollte ihn bewusst mit jenen begehen, denen Deutschland das Wiedererlangen der Freiheit nach zwölf Jahren Diktatur, die Rückkehr in die Völkerfamilie, die Einbindung in Europa verdankt.

Reden zum 8. Mai - sie können wichtige Akzente setzen, neue Orientierung geben, scharfe Kontroversen auslösen. Von Weizsäcker hat diese Erfahrung wie kein anderer mit seinem Diktum "Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung" gemacht. Das besondere Problem Steinmeiers: Durch den geänderten Rahmen kann er nicht 30 oder 40 Minuten reden, wie er es bei einem Staatsakt gemacht hätte. Am Ende sind es 15.

Steinmeier knüpft bewusst an von Weizsäcker an, zitiert dessen Satz vom "Tag der Befreiung" und befindet, man müsse diesen heute "neu und anders lesen". "Damals war dieser Satz ein Meilenstein im Ringen mit unserer Vergangenheit. Heute aber muss er sich an unsere Zukunft richten. "Befreiung ist nämlich niemals abgeschlossen, und sie ist nichts, was wir nur passiv erfahren, sondern sie fordert uns aktiv, jeden Tag aufs Neue."

Der Blick in die Zukunft - darauf kommt es Steinmeier an. Sicher: Er bekennt sich zur deutschen "Verantwortung für millionenfachen Mord und millionenfaches Leid". Und er zieht daraus den Schluss: "Man kann dieses Land nur mit gebrochenem Herzen lieben." Aber schon bei den Gedenkveranstaltungen im Januar in Israel und Polen zur Befreiung des deutschen Konzentrationslagers Auschwitz hatte er deutlich gemacht, dass es gilt, aus der Vergangenheit die richtigen Lehren für die Zukunft zu ziehen. Dies sind für ihn im Wesentlichen drei: Es darf keinen Schlussstrich unter das Erinnern an die Verbrechen und die Opfer geben. Deutschland trägt eine besondere Verantwortung für den Zusammenhalt Europas. Und: Die Demokraten dieses Landes müssen entschieden gegen die Rückkehr von Hass, Gewalt und neuem Nationalismus kämpfen.

Vor der Neuen Wache in Berlin hört sich das so an: "Wer einen Schlussstrich fordert, der verdrängt nicht nur die Katastrophe von Krieg und NS-Diktatur. Der entwertet auch all das Gute, das wir seither errungen haben - der verleugnet sogar den Wesenskern unserer Demokratie." Deutschlands Einsatz für Europa müsse sich auch in der Corona-Krise bewähren: "Wir müssen als Europäer denken, fühlen und handeln. Wenn wir Europa, auch in und nach dieser Pandemie, nicht zusammenhalten, dann erweisen wir uns des 8. Mai nicht als würdig."

Und in Fremdenfeindlichkeit und Demokratieverachtung, die sich auch in Deutschland wieder ausbreiten, sieht Steinmeier - wie schon im Januar - die "alten bösen Geister in neuem Gewand". Seine Mahnung: "Der 8. Mai war nicht das Ende der Befreiung - Freiheit und Demokratie sind vielmehr sein bleibender Auftrag, unser Auftrag!"

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