Österreich führt zum Schutz vor einer weiteren Ausbreitung des neuartigen Coronavirus Stichprobenkontrollen für Einreisende aus Italien ein - hier auf der Brenner-Autobahn. FOTO: DPA
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Österreich führt zum Schutz vor einer weiteren Ausbreitung des neuartigen Coronavirus Stichprobenkontrollen für Einreisende aus Italien ein - hier auf der Brenner-Autobahn. FOTO: DPA

Tag eins in der Schutzzone

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Im Kampf gegen das Coronavirus ändert Italiens Regierung den Kurs. Jetzt werden nicht mehr Teile gesperrt. Stattdessen soll das ganze Land anders als bisher leben. Die Meinungen dazu sind geteilt.

Auf einem Markt in Rom, im Gassenviertel Trastevere, stehen zwei Frauen und klönen - fast wie an einem normalen Dienstag. Allerdings halten sie über einen Meter Abstand - Sicherheitsabstand wegen des Coronavirus. Sie müssen auf die Distanz lauter sprechen. Doch was soll’s? Ab heute fühlt sich ganz Italien anders an als vorher.

Denn Montagabend hat Ministerpräsident Giuseppe Conte eine extreme Maßnahme verkündet, um die Ausweitung der neuen Lungenkrankheit Covid-19 doch noch zu stoppen: Ganz Italien sei nun eine Art "Schutzzone", sagt er. Der 55-jährige parteilose Jurist setzt in seiner Rede nicht mehr auf Begriffe wie abgeriegelte "rote Zone" oder Sperrzone. So waren die rigiden Einschränkungen der freien Bewegung im Norden Tage zuvor weithin genannt worden. Wirklich abgeriegelt waren auch diese großen Gebiete wie die Lombardei nicht gewesen. Nun sollen alle rund 60 Millionen Bürger, von Ausnahmen wie dem Weg zur Arbeit abgesehen, zu Hause bleiben. Wer mit der Bahn in einen anderen Ort will, muss - etwa wie am Bahnhof Termini in Rom - an einem Kontrollpunkt eine Selbsterklärung zu den Gründen ausfüllen.

Die Regierung fordert die Bürger zudem auf, einen Meter Sicherheitsabstand zu ihren Mitmenschen zu halten. Im Supermarkt, in der Apotheke, in der Bar. Gestern hingen in vielen Läden in der Hauptstadt Zettel, um die Kunden darüber zu informieren. An einem kleinen Schinken- und Käsegeschäft im bei Touristen beliebten Viertel Trastevere ist eine von zwei Türen mit rot-weißem Plastikband gesperrt. Auf dem Zettel steht, dass maximal acht Kunden zeitgleich eintreten dürfen. Gerade sind es weniger.

"Dunkelste Stunde"

Die neuen Vorschriften gelten von den Alpen bis in die Stiefelspitze, unabhängig davon, wie hoch die Infektionsraten in der eigenen Region sind. Und zunächst bis 3. April. Je mehr Infizierte und Tote der Zivilschutz bei der allabendlichen Liveschalte im Fernsehen meldete, desto eindringlicher klangen die Appelle der Politiker. Am Montag stieg die Zahl der Infizierten in Richtung 10 000 Menschen, die Zahl der Toten auf bald 500. Der Großteil der Maßnahmen, um das Virus einzudämmen, griff bisher offensichtlich nicht. In schneller Folge hatte Rom zuletzt neue Dekrete erlassen: Schulschließungen, Einschränkung der Bewegungsfreiheit in den stark betroffenen Gebieten im Norden, Stopp für Kinos und Theater überall. Am Montag dann bezeichnet Ministerpräsident Conte die Coronavirus-Epidemie als "dunkelste Stunde" für Italien. Damit erinnert er an historische Worte des britischen Premiers Winston Churchill von 1940 während des Kampfes gegen die Nazis im Zweiten Weltkrieg. In seiner Ansprache am Abend, als er die "zona protetta" ankündigt, sagt er, die Italiener seien im Kampf gegen das Virus nicht mehr gespalten in Gebiete. Zum Beispiel nicht in den reichen Norden, aus dem einige geflüchtet waren zu Verwandten weiter im Süden, wo die Lage noch entspannter war. Es gebe ab jetzt nur noch ein Italien.

Außenminister Luigi Di Maio von der Fünf-Sterne-Bewegung appelliert gestern auf Facebook, sein Land werde nie aufgeben. "Lasst es uns der Welt beweisen, lasst es uns allen beweisen."

Auf vielen Straßen Roms, Mailands und in anderen Städten ist es an Tag eins der "Schutzzone" noch ruhiger als an den Vortagen. Touristen, die sich sonst im Zentrum Roms drängeln, sind eher vereinzelt beim Fotografieren zu beobachten. In Bussen und Straßenbahnen herrscht mittags Leere.

Auf Bürgersteigen tragen Männer und Frauen mehr und größere Einkaufstaschen nach Hause. Ein Blick in die Läden und Supermärkte zeigt: Die meisten Regale sind voll. Schlangen an den Kassen gibt es auch deshalb, weil viele bewusst mehr Abstand voneinander halten. Vielerorts gibt es Sorge und Angst, aber keine Panik.

Kritik an der Taktik

Manche kritisieren die Salamitaktik der Verantwortlichen. Der Zeitungsverkäufer Mauro Cervone in Rom meint: "Entweder schließt man ganz oder gar nicht. Man macht keine halben Sachen. ... Sie sollten Maßnahmen wie in China ergreifen." Nicht nur das Land ist nur halb zu, auch Bars und Restaurants dürfen tagsüber von sechs bis 18 Uhr ihre Gäste bedienen - wenn der Abstand zwischen den Kunden reicht.

Annamaria Gentile, die ihren Hund ausführt, findet die Maßnahmen der Politiker gut. Nur ihren Landsleuten traut sie nicht ganz: "Wir sind ja schließlich Italiener: viele Worte, wenig Taten." Auf dem Markt von Trastevere versuchen viele Händler und Käufer - soweit es geht - Distanz zu halten. Und noch mehr Menschen als am Vortag tragen Schals und Masken vor dem Mund.

Auch am Flughafen Rom Fiumicino ist es am Morgen eher leerer als gewöhnlich. "Die Leute hier wahren Abstand, das ist mir aufgefallen", sagt ein Berlin-Reisender. "Die Stimmung ist gedämpft, alle wissen Bescheid." Wenig später mehren sich die Zeichen, dass die noch drastischeren Maßnahmen von außen kommen: Der Billigflieger Ryanair streicht sein komplettes Flugprogramm nach Italien. Und Österreich erschwert die Einreise aus Italien.

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