Im Kreuzfeuer der Kritik: Dominic Cummings. FOTO: DPA
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Im Kreuzfeuer der Kritik: Dominic Cummings. FOTO: DPA

Dominic Cummings wird zur Hassfigur

  • vonJochen Wittmann
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Es werden immer mehr. Bischöfe, Polizeipräsidenten, Epidemiologen, konservative Unterhausabgeordnete, von der Opposition und den anderen üblichen Verdächtigen in linkslastigen Medien gar nicht zu sprechen: Sie alle protestieren. Der Chor der Empörung über das Verhalten von Dominic Cummings erreicht mittlerweile eine ohrenbetäubende Lautstärke. Der Grund: Der Chefberater des britischen Premierministers hatte die Quarantäneregeln missachtet, aber weigert sich beharrlich, von seinem Posten zurückzutreten.

Sein Boss Boris Johnson hatte noch am Sonntagabend in einer Pressekonferenz versucht, seinen engsten Mitarbeiter zu retten. Cummings habe "verantwortungsvoll, gesetzestreu und mit Integrität" gehandelt". Ein Sturm der Entrüstung antwortete. "Auf welchem Planeten leben die?", titelte am Montag das normalerweise regierungstreue Massenblatt "Daily Mail".

Cummings wird vorgeworfen, gegen die Ausgangsbeschränkungen verstoßen zu haben, als er Ende März mit Frau und Kind von London ins über 400 Kilometer entfernte Durham zu seinen Eltern fuhr. Damals waren sowohl er als auch seine Frau an Covid-19 erkrankt und hätten der offiziellen Weisung - die Cummings selbst mitformuliert hatte - folgen sollen: "Bleibt zu Hause!" Die Entschuldigung des 48-Jährigen lautete: Er ging ihm um das Wohl seines vierjährigen Sohnes Cedd, für den er die Betreuung sicherstellen wolle, falls seine Eltern dazu nicht mehr in der Lage gewesen wären. In Durham habe man sich in einem Nebengebäude isolieren können und konnte dort von der Schwester von Cummings unterstützt werden.

Die Erklärung fand wenig Verständnis. Die Anweisung, zu Hause zu bleiben, insbesondere im Fall einer Infektion, war unmissverständlich und wurde von der großen Mehrheit der Briten auch peinlichst genau befolgt. Dabei mussten viele Opfer bringen. Brautpaare kamen nicht zusammen, Väter verpassten die Geburt ihres Kindes, Großeltern mussten auf ihre Enkel verzichten. Es gab tragische Fälle wie den des 13-jährigen Ismail Abdulwahab, der allein und ohne den Beistand von Familienangehörigen im Krankenhaus verstarb. Kein Wunder also, dass die Empörung der Briten über Cummings, der sich selbstherrlich über die Quarantäneregeln hinwegsetzte, groß ist.

In seinem Fall kommt hinzu, dass er eine hochumstrittene Figur ist. Cummings hatte im Referendum über den EU-Austritt Großbritanniens an der Seite von Boris Johnson die Vote-Leave-Kampagne geleitet. Er gilt als genialer Wahlkämpfer mit machiavellianischen Zügen. Seine Verachtung des Establishments hat ihm Feinde in allen Lagern eingebracht und seine Arroganz ist legendär. Er profilierte sich als Kämpfer gegen die Eliten, der auf der Seite des kleinen Mannes steht. Genau das fällt ihm jetzt auf die Füße. Sein Verhalten demonstriert, dass es eine Regel für Normalbürger und eine andere für Privilegierte wie Cummings gibt

Es hat politische Beobachter überrascht, wie zäh Premierminister Boris Johnson an seinem Chefberater festhält. Und es hat Johnsons Parteigenossen entsetzt, wie nonchalant er Warnungen in den Wind schlägt, wie schädlich die Causa Cummings werden kann. Nicht nur für die Konservativen selbst, denen das Stereotyp von Arroganz und snobistischem Anspruchsdenken anhaftet. Sondern gefährlich auch für das Land. Denn im Kampf gegen Corona ist die Bereitschaft der Briten, sich den offiziellen Anweisungen zu fügen, von zentraler Bedeutung. Jochen Wittmann

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