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Dass jemand für uns da ist

  • Burkhard Bräuning
    vonBurkhard Bräuning
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Die Sonne macht ihr eigenes Ding. Sie geht auf, sie scheint, sie geht unter. Manchmal ist sie nicht zu sehen, aber sie ist immer da. Auch am Ostermorgen wird sie die Szenerie beleuchten - den Nebel in den Flussauen, die frühen Vögel, die Blüten an den Bäumen, den Tau im Gras. Es wird hell werden. Kinder werden nach Ostereiern und Geschenken suchen. Vielleicht im Haus, im Garten oder im Park.

Ostern ist ein fröhliches Fest. In guten Zeiten. Heute und morgen und am Montag und vermutlich noch an vielen Tagen haben wir keine gute Zeit. Corona verändert die Welt. Das Virus verändert den Alltag. Es verändert unsere Arbeit. Es verändert die Menschen. Es ist eine bleierne Zeit. Wir lassen uns treiben und hoffen, dass es irgendwann vorbei ist.

Was unser ganzes Leben lang normal war, so normal, dass wir gar nicht mehr darüber nachgedacht haben, wurde völlig auf den Kopf gestellt. Es ist ernst. Und deshalb sollten wir uns verabschieden von all den seltsamen, den rätselhaften Begleiterscheinungen wie dem Hamstern von Klopapier. Es hat keinerlei Relevanz, keine Bedeutung. Er treibt uns nur den Blutdruck nach oben. Wir haben doch ganz andere Sorgen, existenzielle. Es geht um unsere Gesundheit, um unsere Jobs. Es geht darum, ob wir Mensch bleiben - oder abstumpfen, verrohen. Oder ob uns das alles ganz egal ist.

Ich habe zuletzt viel gelesen über das Alleinsein und die Einsamkeit. Was das mit uns macht. Vor einigen Tagen habe ich mich bei den vielen Anbietern im Internet nach einem Film umgeschaut, in dem es zwar nicht vor allem, aber eben auch um dieses Thema geht. Ich stolperte über den Titel "Wind River". Kam mir bekannt vor. Ich schaute mir den Trailer an und dachte: Der Film bietet offenbar das, was ich jetzt brauche. Weites Land, Berge, Schnee, einen Hauch von Einsamkeit, ein wenig Doku, ein bisschen Thriller, eine Portion Gesellschaftskritik und starke Charaktere. Nach fünf Minuten wusste ich: Das schaue ich mir bis zum Ende an. Und ich werde nicht dabei einschlafen.

Es geht in dem Film um Menschen, die keine Perspektive haben, die entwurzelt sind und denen man ihre Identität geraubt hat. Die Filmmusik verstärkt noch die große Traurigkeit, die einen beim Schauen des Filmes überkommt. Und ich musste an all die vielen Menschen denken, die jetzt einsam sind. Nicht allein, richtig einsam. Und vor allem an die, die nun einsam sterben. Weil nicht mal mehr die engsten Angehörigen bei ihnen sein dürfen. Das ist auch eine Form von Brutalität, es ist vor allem menschenunwürdig. Tausende Frauen und Männer - und ja, auch Kinder - sterben in diesen Tagen ganz für sich allein - in kleinen Zimmern, auf einer Intensivstation. Niemand hält ihre Hand, niemand spricht lange mit ihnen, niemand tröstet sie. Was das bedeutet, mag man sich gar nicht vorstellen. Das Personal ist nicht gefühllos, die Frauen und Männer haben schlicht keine Zeit. Sie geben in jeder Hinsicht ihr Bestes.

Viele von uns können Ostern auf eine immer noch ganz passable Art und Weise gestalten. Denn wir sind gesund. Wir haben Eltern, Kinder, Freunde, Kollegen. Menschen, die wir mögen und die uns mögen. Dass wir nicht all das tun dürfen, was uns gefällt, was uns wichtig ist, kann ja kein Problem sein. Aber einsam zu sein, das ist richtig bitter.

Kein Ostern ohne Karfreitag. Ostern beginnt mit Schmerz, mit Abschied und Tod. Der Film "Wind River" endet mit einem Dialog zwischen zwei Männern, bei denen Schmerz, Abschied und Tod noch ganz frisch, ganz nah sind. Einer sagt: "Möchtest du noch ein wenig mit mir hier sitzen und sie vermissen?" "Ja, ich gehe nirgendwohin." Das ist es, was viele Menschen jetzt vermutlich brauchen. Dass jemand da ist, der Zeit für sie hat. Der bleibt. Der den Schmerz mit ihnen aushält und ihn erträglich macht. Auch mit zwei Metern Abstand ist das möglich.

Und das Wort Toilettenpapier möchte ich in den nächsten Monaten nicht mehr hören und nicht mehr lesen. Weil es den Blick verstellt für das, was jetzt wirklich zählt.

" Verlag und Redaktion wünschen allen Leserinnen und Lesern ein gesegnetes Osterfest

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