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Corona und die Folgen: „Schlachthöfe: Tödlich für Tiere und Arbeiter“, meint ein Peta-Aktivist - im Fokus stehen bei vielen aber nationale Ressentiments.

Comeback für ein altes Problem

„Einheimische“ und „Rumänen und Bulgaren“: Neue Corona-Phase - mit schlimmen Gefahren?

  • Florian Naumann
    vonFlorian Naumann
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Nicht nur Armin Laschet sieht in einer neuen Corona-Phase auf einmal einen Konflikt zwischen „Einheimischen“ und „Rumänen und Bulgaren“. Doch die Fakten sprechen eine andere Sprache. Eine Analyse.

  • Das Coronavirus* ist in Deutschland weitgehend eingedämmt - doch an einigen Hotspots wütet die Pandemie weiter.
  • Einmal mehr scheint die Lage Ressentiments zu befeuern, sowohl in der Politik als auch in der Bevölkerung.
  • Im Fall Tönnies gibt es allerdings wohl keine Indizien dafür, dass Staatsangehörigkeit oder Reisen eine Rolle beim Ausbruch spielen.

Düsseldorf/Berlin - Die Corona-Pandemie ist, so scheint es, in eine neue Phase eingetreten: Nicht mehr ganze Länder werden überrollt - stattdessen wütet das Virus jetzt, Mitte Juni, in Europa vor allem in einzelnen „Hotspots“. Meist erreichen sie nicht einmal Stadtgröße: Es geht offenbar um einzelne Wohnhäuser, einzelne Wirtschaftsbetriebe, einzelne Partynächte.

Die Entwicklung scheint nun auch (wieder) das Sprechen und das Denken zu verändern. Womöglich, weil die Pandemie aktuell weniger als eine allgemeine Naturgewalt erscheint - und die Suche nach konkreten Verantwortlichen relevant wird.

Coronavirus: Laschet sorgt für Eklat - Vorwürfe an „Rumänen und Bulgaren“ wohl nicht haltbar

Ein Beispiel lieferte am Mittwoch (17. Juni) Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet* (CDU): Auf die Frage einer Reporterin nach einem Zusammenhang zwischen den von Laschet mitverantworteten Corona-Regeln des Bundeslandes und dem Massenausbruch in einer Tönnies-Fabrik bei Gütersloh wies Laschet einen Einfluss der geltenden Maßnahmen zurück. "Das sagt darüber überhaupt nichts aus, weil Rumänen und Bulgaren da eingereist sind und da der Virus herkommt", behauptete er.

Auch angesichts des Umstandes, dass die beiden südosteuropäischen Länder zusammen bislang weniger Corona-Fälle verzeichnet haben als NRW, muss sich Laschet nun den Vorwurf anhören, er habe vor allem Verantwortung auf gesellschaftlich schwächere Gruppen abwälzen wollen. Hinzu kommt, dass bis zum 15. Juni eine Quarantäne-Pflicht bei Einreisen aus Rumänien galt. 

Der Anwärter auf die Kanzlerkandidatur der Union ruderte zurück - und nahm dann doch die Arbeitsbedingungen in den Betrieben ins Visier. Der Eindruck eines Spiels mit Ressentiments bleibt, wie auch einige User auf Twitter bemängeln.

Corona: Fall Tönnies befeuert offenbar Ressentiments - doch alle sind betroffen

Allerdings scheinen entsprechende Vermutungen auch in der Bevölkerung vor Ort zu grassieren. In der ZDF-Nachrichtensendung „heute“ äußerten sich am Donnerstag (18. Juni) auch Anwohner des Tönnies-Werks in Rheda-Wiedenbrück besorgt. In teils bemerkenswerter Wortwahl.

„Die gehen weiter zum Netto, zum Aldi und zum Kaufland und kaufen dort ein und dort gibt es mit der einheimischen Bevölkerung, sag ich mal, ‘ne hohe Schnittmenge“ - „das macht ein mieses Gefühl“, sagte ein vom Sender befragter Passant. Eine Virologin erklärte dem Sender unterdessen, es sei unwahrscheinlich, dass sich Angestellte des Schlachtereibetriebes etwa bei Heimatbesuchen angesteckt hätten.

Dass es aber nicht ausschließlich um die Unterscheidung „Einheimische“ und „Zugereiste“ geht und somit der Fokus auf „Fremde“ sogar zur medizinischen Gefahr werden könnte, verdeutlichte am Freitagabend eine Maßnahme des Landkreises Gütersloh: Bei Tönnies müssen nun sämtliche Mitarbeiter am Standort Rheda-Wiedenbrück in Quarantäne. Das betreffe auch die Verwaltung, das Management und die Konzernspitze, teilte der Kreis mit - inklusive des schwer in der Kritik stehenden Gesellschafters Clemens Tönnies

Corona und die Folgen: „Hier zerbricht etwas“ - Grenzen spielen in Europa wieder eine Rolle

Eine „unvernünftige“ Tendenz zur Frontenbildung entlang von Staatsgrenzen hatte am Donnerstag auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in ihrer Regierungserklärung eingeräumt. Sie spielte auf die unabgesprochene Schließung von Staatsgrenzen zu Beginn der Corona-Pandemie an. Diese hatten Virologen schon damals als zum gegebenen Zeitpunkt nicht (mehr) sinnvoll gerügt.

Trotzdem griff das Phänomen international um sich: Dänische Experten etwa zeigten sich über ihre eigene Regierung verwundert - es könne sich nur um ein rein politisch motiviertes Signal handeln, hieß es. An den Grenzen innerhalb der EU, auch in Deutschland, meinen einige Beobachter aber weiterhin negative Auswirkungen feststellen zu können. „Hier zerbricht etwas“, klagte eine „Tagesthemen“-Kommentatorin.

Corona-Infektionen: Sorglosigkeit und widrige Verhältnisse als größte Gefahr?

Klar scheint, dass nicht etwa Nationalitäten oder die Ziehung von Staatsgrenzen die Schlüsselrolle bei der Ausbreitung des Virus* spielen. Sondern eben der Pandemie-Lage nicht angepasste Verhaltensweisen - geschehen sie nun aus (teils damals nachvollziehbarer) Sorglosigkeit, wie im „Corona-Drehkreuz Ischgl“, aus dem offenbar gerade wohlhabendere Mitteleuropäer und auch Deutsche das Virus importierten, bei Starkbier-Festen und Familienfeiern in Deutschland. Oder aufgrund offenbar widriger Arbeitsumstände wie im Fall Tönnies, deren Konsequenzen nun auch die Firmen-Bosse treffen.

Spannend könnte dabei auch bleiben, welche Auswirkungen die Reise-Saison haben wird. Mehrere Politiker warnen bereits vor großen Auslands-Trips - aber auch beim Urlaub in der Heimat könnten Gefahren drohen. Corona kennt eben keine Grenzen. Nur Menschen. Und Fehler.

fn

*Merkur.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

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