Rede an die Nation: Der britische Premierminister Boris Johnson appelliert an die Vernunft seiner Landsleute. FOTO: AFP
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Rede an die Nation: Der britische Premierminister Boris Johnson appelliert an die Vernunft seiner Landsleute. FOTO: AFP

Der Chef ist zurück

  • vonDPA
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Drei Wochen lang war er durch seine Covid-19-Erkrankung außer Gefecht gesetzt, aber am Montag meldete sich Boris Johnson wieder zum Dienst. Der britische Premierminister trat am Morgen vor die Tür zur Nummer 10 Downing Street, und richtete sich mit einer Ansprache an die Nation. Man stehe der größten Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg gegenüber, sagte Johnson, aber es gebe Anzeichen, dass der Höhepunkt der Corona-Infektionen vorbei sei. "Dies ist der Moment, wo wir begonnen haben, das Virus niederzuringen", rief er, "aber es ist auch der Moment des maximalen Risikos." Denn wenn jetzt der Lockdown gelockert würde, könnte es zu einem zweiten Anstieg und "einer neuen Welle von Tod und Krankheit und ökonomischen Desaster" kommen. Deshalb, so forderte Johnson die Briten auf, sollten sie Geduld haben und weiterhin die Regeln der Ausgangsbeschränkungen und sozialen Distanzierung beachten.

Mit einer Rede Winston Churchills, seines großen Vorbilds, konnte sich Johnsons Ansprache nicht messen. Doch sie dürfte eine gewisse emotionale Wucht haben. Die Botschaft war klar: Der Chef ist zurück und vorerst wird es keine Rückkehr zur Normalität geben. Während der Rest Europas Lockerungen ausprobiert, bleibt in Großbritannien fast alles dicht, und der Lockdown deprimiert die Menschen. Doch Regierungsminister wollen noch nicht einmal über eine Exit-Strategie diskutieren, um nicht die Bleib-daheim-Doktrin zu verwässern. Freilich steuert Großbritannien den traurigen Spitzenplatz unter den Corona-Verlierern an und dürfte das am schlimmsten betroffene Land in Europa werden. Am Wochenende überschritt man die Marke von 20 000 Corona-Opfern. Dabei soll die Dunkelziffer noch um 40 Prozent höher liegen, weil in den amtlichen Zahlen nur die im Krankenhaus Verstorbenen berücksichtigt sind.

Immerhin scheint sich die Kurve der Neuinfektionen abzuflachen, was eines der wenigen positiven Zeichen ist, und Boris Johnson erlaubte, von einem baldigen "Ende der ersten Phase" zu sprechen. Doch auch das wird nicht so schnell der Fall sein und noch mindestens zehn Tage auf sich warten lassen. Erst am 7. Mai will die Regierung entscheiden, ob die bisher getroffenen Maßnahmen weiter in Kraft bleiben. Dann könnte vielleicht eine Phase zwei beginnen, in der, so Johnson, man "allmählich die ökonomischen und sozialen Einschränkungen verfeinert und Schritt für Schritt den Motor dieser gewaltigen britischen Wirtschaft anschmeißt". Doch bis auf Weiteres heißt es für die Briten: zu Hause bleiben. Jochen Wittmann

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