Der Gouverneur von New York, Andrew Cuomo (l.), begrüßt das Lazarettschiff "USNS Comfort" im New Yorker Hafen. Das Schiff sei zur Entlastung der Krankenhäuser gedacht, habe 1000 Betten und zwölf Operationssäle und könne innerhalb der kommenden 24 Stunden die ersten Patienten aufnehmen, teilten die lokalen Behörden mit. FOTO: DPA
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Der Gouverneur von New York, Andrew Cuomo (l.), begrüßt das Lazarettschiff "USNS Comfort" im New Yorker Hafen. Das Schiff sei zur Entlastung der Krankenhäuser gedacht, habe 1000 Betten und zwölf Operationssäle und könne innerhalb der kommenden 24 Stunden die ersten Patienten aufnehmen, teilten die lokalen Behörden mit. FOTO: DPA

Bulldozer mit Herz

  • vonThomas J. Spang
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Andrew M. Cuomo (62) zeigt in der Corona-Krise als Gouverneur von New York, was der Präsident vermissen lässt: Führung, Klarheit und Anteilnahme. Seine Briefings sind für viele Amerikaner Pflichtfernsehen geworden.

Der Gouverneur mit dem Image eines Kontrollfreaks und Bulldozers zeigt Herz. In Anbetracht der humanitären Katastrophe, die sich in New York abspielt, strahlt Cuomo so viel Wärme aus, dass selbst frühere Gegner Trost bei ihm suchen. "Einige schmachten nach seinen täglichen Briefings wie nach Chianti und Fleischklößchen", preist die Star-Kolumnistin der "New York Times", Maureen Dowd, den Führungsstil des Demokraten. Cuomo lässt das überschwängliche Lob, das ihm heute entgegenschlägt, genauso an sich abperlen wie die harsche Kritik, die seine inzwischen neunjährige Amtszeit als Gouverneur von New York begleitetet. Bei den Linken der Partei hat sich der Zentrist wegen seines raubeinigen Pragmatismus unbeliebt gemacht. Die Rechten mögen ihn nicht, weil er progressive Politik macht.

Jetzt hängen alle an seinen Lippen, wenn er bei seinen täglichen Briefings über das Epizentrum der Corona-Krise in den USA informiert - wenn er desillusioniert, räsoniert, appelliert und zuweilen auch rebelliert. Etwa, als er dem Präsidenten ins Stammbuch schrieb, nicht genügend für dessen Heimatstadt zu tun.

"Sie erwarten ein Schulterklopfen dafür, uns 400 Beatmungsgeräte zu schicken?", empörte sich Cuomo in einer Direktheit, die mit der Trumps konkurrieren kann. Das sei viel zu wenig angesichts der 30 000 Maschinen, die er benötige. "Suchen Sie die Menschen aus, die sterben müssen, weil Sie nur 400 geschickt haben." Der unermüdliche Macher mit den dunklen Ringen unter den Augen handelt, wo andere zögern. Während der New Yorker Bürgermeister Bill de Blasio vor Reportern noch das Für und Wider von Schulschließungen debattierte und anschließend ins YMCA-Sportstudio verschwand, ordnete Cuomo diese beherzt an. Wie er auch die nicht lebensnotwendigen Geschäfte schloss und Kontaktregeln aufstellte.

Kontrastprogramm zu Trump

Die Corona-Richtlinien benannte er liebevoll nach seiner 88-jährigen Mutter Matilda. Bei einem Briefing erzählte er freimütig, wie er seine Schwestern bekniete, die Enkelkinder nicht mehr zur "Granny" zu bringen. Sie sei eine "zuckersüße" Person, die, wie andere Senioren, "sehr anfällig für das Virus ist". Unterdessen wurde Cuomos Bruder Chris, bekannter CNN-Moderator, positiv auf das Coronavirus getestet.

Cuomo empörte sich über die von einigen Republikanern geäußerte Idee, die Alten zu opfern, um die Wirtschaft zu retten. "Meine Mutter ist nicht entbehrlich." An anderer Stelle sprach er über seine Ängste um eine seiner drei Töchter, die mit Covid-19 in Kontakt kam, und wie er sich selbst mit Fakten über ihr Risiko beruhigen musste. "Ich verstehe die Ängste, die Menschen haben." Wohl auch wegen der fehlenden Empathie Trumps schalten die Amerikaner nun bei Briefings des Gouverneurs ein. Er füllt das Vakuum, das ein mit sich selbst beschäftigter Präsident hinterlässt. Gelegentlich ist im Hintergrund ein Bild seines legendären Vaters Mario zu sehen, der - wie er selbst - drei Amtszeiten den Bundesstaat regierte.

Cuomo liefert das Kontrastprogramm zu Trump, der in der gleichen Nachbarschaft von Queens aufwuchs. Beides Kinder erfolgreicher Söhne europäischer Einwanderer, die zu Hause aber sehr unterschiedliche Werte lernten. Während Trump mit seinem Vater schwarze Mieter diskriminierte, half Cuomo seinem, ein nationales Wohnungsprogramm für Amerikas Obdachlose aus der Taufe zu heben.

An Regeln halten sich beide Politiker nicht. Doch der Präsident bricht sie lediglich, um seine eigenen Interessen zu verfolge. Für den Gouverneur ist es dagegen ein Weg, der Bürokratie in den Hintern zu treten, Politikziele umzusetzen.

Cuomo versteht es in der Krise, Trump richtig anzupacken. Er vermischt unverblümte Kritik mit Lob, das der Narzisst so dringend braucht. Weil er weiß, wie schwach seine Einschaltquoten im Vergleich wären, wies der Präsident das Weiße Haus an, darauf zu achten, dass sich seine Briefings mit der Corona-Task-Force nicht mit denen des Gouverneurs überschneiden.

Cuomo rief, und Freiwillige kamen

Nichts illustriert die Verschiedenheit der beiden New Yorker mehr als ihre Haltung zur Krise. Trump lehnt jegliche Verantwortung für das Herunterspielen der Pandemie, das Test-Desaster, die späte Reaktion, die fehlende Vorbereitung ab. Cuomo dagegen lässt sich zur Rechenschaft ziehen. "Wenn jemand unzufrieden ist, einen anderen beschuldigen möchte, - schieben Sie es auf mich." Das verschafft dem Gouverneur im Epizentrum der US-Corona-Krise Glaubwürdigkeit. Und guten Willen. Bei Ankunft des Krankenhausschiffs "USS Comfort" bat der Gouverneur um Verstärkung durch Ärzte und medizinisches Personal aus Teilen Amerikas, die bisher wenig von der Pandemie betroffen sind. Cuomo rief, und viele Freiwillige kamen. Er wünsche sich, dass der Präsident nicht bloß über einen Krieg gegen einen unsichtbaren Feind spricht, sondern auch so handelt. "Lasst uns Gemeinsamkeit, Gegenseitigkeit und Einigkeit zeigen, wie sie das Land in Jahrzehnten nicht gesehen hat."

Der Gouverneur geht mit gutem Beispiel voran und gilt nun einigen als Wunschkandidat der Demokraten für den Präsidentschaftswahlkampf im November. "Wenn wir Joe Biden durch ihn ersetzten könnten, wäre dies ein echter Gewinn", meint etwa der Satiriker Bill Maher. Cuomo winkt ab. Er unterstütze seinen alten Freund Joe. Der habe "die Erfahrung und Kapazität" Amerika zu führen. Er selbst habe für eine Weile anderes zu tun.

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