Brutstätten für das Virus

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Tausende Menschen sitzen weltweit in überfüllten, schlecht belüfteten Gefängniszellen. Viele von ihnen können sich weder regelmäßig die Hände waschen noch genügend Abstand zu anderen Häftlingen einhalten. Es ist der perfekte Nährboden für das Coronavirus.

Das neue Coronavirus hat auch den Strafvollzug erreicht. In Haftanstalten weltweit geht die Angst um vor einer Infektion mit SARS-CoV-2. Enge, schlecht belüftete Zellen könnten zu Brutstätten werden. Tausende Gefangene - vor allem solche, die wegen kleiner Delikte einsitzen - wurden deshalb vorzeitig freigelassen oder verbüßen ihre Strafen jetzt im Hausarrest. In Ländern mit schlechten Haftbedingungen kam es zu Krawallen und Fluchtversuchen, teilweise mit Verletzten und Toten. Elf Millionen Häftlinge gibt es schätzungsweise auf der Welt. Viele von ihnen sitzen in überfüllten Gefängnissen oder haben wenig bis gar keinen Zugang zu Warmwasser, Seife und medizinischer Versorgung. "Körperlicher Abstand und Selbstisolation sind unter solchen Bedingungen praktisch unmöglich", mahnte zuletzt Michelle Bachelet, UN-Hochkommissarin für Menschenrechte. Ihr Appell an Staaten weltweit in der Corona-Krise: "Vergesst nicht diejenigen hinter Gittern."

Länder, wo das Virus Häftlinge besonders hart treffen könnte:

In Ägyptensind die Gefängnisse laut Menschenrechtlern hoffnungslos überfüllt. Amnesty International zufolge sitzen dort derzeit Tausende Aktivisten, Journalisten und Regierungskritiker hinter Gittern. Gefangene berichten, dass Aufseher ihnen Seife oder Toilettenpapier wegnehmen. Gute Durchlüftung und Tageslicht gebe es selten, schreibt die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch. Mehr als 3000 Menschen wurden nach Protesten im vergangenen September festgenommen.

Auch in Libyenwerden Human Rights Watch zufolge Tausende willkürlich festgehalten. Dass inzwischen rund 450 Gefangene freigelassen wurden, um in überfüllten Einrichtungen Platz zu schaffen, dürfte die Umstände kaum verbessern. Vor allem ein Covid-19-Ausbruch unter den Tausenden Migranten, die in Internierungslagern einsitzen, hätte Experten zufolge verheerende Folgen.

Überhaupt sind die meisten Gefängnisse in Afrika notorisch überfüllt - auch südlich der Sahara. Das Chikurubi-Gefängnis in Simbabweetwa ist berüchtigt für eine chronische Überbelegung seiner Zellen. In dem Krisenstaat mit seiner Mangelwirtschaft wurden in der Vergangenheit nicht nur schlechte hygienische Verhältnisse kritisiert, sondern auch ein Mangel an medizinischer Versorgung.

In der Türkeihat die Regierungspartei AKP ein Gesetz zur vorzeitigen Entlassung von bis zu 90 000 der insgesamt 300 000 Inhaftierten auf den Weg gebracht. Die Haftzeiten von Verurteilten im offenen Vollzug und Risikogruppen sollen wegen des Coronavirus in Hausarrest umgewandelt werden, etwa bei Inhaftierten ab 65 Jahren und Schwerkranken. Ausgenommen wären Gefangene, die etwa wegen Gewalt gegen Frauen, Mordes und Terrorverbrechen einsitzen. Wegen Terrorvorwürfen sitzen auch viele Journalisten und Regierungskritiker im Gefängnis und wären damit von der Regelung ausgenommen. Anwälte und Menschenrechtler kritisieren das scharf.

Im Iran- einem der vom Virus am stärksten betroffenen Länder - hat die Corona-Krise bereits zu einer Amnestie für 10 000 Gefangene und einem Hafturlaub für 85 000 Häftlinge geführt. Dabei geht es um Kleinkriminelle und einige politische Gefangene. Der Bruder des iranisch-amerikanischen Geschäftsmannes Siamak Namazi, der im Iran in Haft sitzt, hat die Bedingungen als "jenseits von schrecklich" bezeichnet. Bis zu 25 Menschen teilten sich dort eine kleine Zelle.

In Thailandsollen Gerüchte um einen Corona-Ausbruch einen Aufstand ausgelöst haben. Das Gefängnis in der Provinz Buriram im Nordosten war demnach so zerstört, dass 2000 Häftlinge umziehen mussten.

In Brasilientürmten über 1300 Häftlinge aus dem halboffenen Vollzug, nachdem ihnen wegen des Coronavirus vorübergehend der Freigang gestrichen wurde. Die Behörden befürchteten, die Gefangenen könnten das Virus bei ihrer Rückkehr einschleppen. Nach den USA und China ist Brasilien das Land mit der der höchsten Zahl an Gefangenen weltweit.

Die USAhaben mit rund 2,3 Millionen Häftlingen die höchste Gefangenenrate weltweit. Mehrere Bundesstaaten erwägen dort, etwa Insassen mit geringen Reststrafen freizulassen.

In Europa hat etwa Italienvorzeitig Häftlinge entlassen oder in Hausarrest geschickt. Das Land ist mit mehr als 105 000 Infektionen mit am stärksten vom Virus betroffen. Anfang März kam es dort zu Aufständen in 27 Haftanstalten mit mehreren Toten und Verletzten.

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