Bidens Siegeszug

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Joe Biden setzt ein Ausrufezeichen hinter seinen Siegeszug vom Super-Dienstag. Bei den Vorwahlen in Michigan und fünf anderen Bundesstaaten zog er Bernie Sanders beim Rennen um die Präsidentschaftsnomierung davon.

Die Stimmung in der Wahlkampfzentrale des Kandidaten wirkt gespenstisch, obwohl es etwas zu feiern gab. Joe Biden trat aus Sorge vor einer Verbreitung des COVID-19-Virus nicht vor seine Anhänger, um einen weiteren Wahlsieg zu feiern. Der ehemalige Vizepräsident sprach stattdessen an der Seite seiner Frau Jill kurz nach 23 Uhr im "National Constitution Center" von Philadelphia vor einer Schar an Journalisten und ein paar Mitarbeiter aus der Zentrale, die sich hinter ihm mit "Biden"-Schildern aufgestellt hatten.

"In diesem Moment, in dem so viel Angst dieses Land erfasst hat, und wo es so viel Angst rund um die Welt gibt, brauchen wir amerikanische Führung", sagte der demokratische Präsidentschaftsbewerber, der zu dieser Stunde bereits drei von sechs Bundesstaaten gewonnen hatte. Darunter den wichtigen Wechselwähler-Staat Michigan, den Bernie Sanders vor vier Jahren gegen Hillary Clinton mit einem großen Überraschungssieg für sich verbuchen konnte. Was dem linken Kandidaten 2016 neuen Rückenwind verlieh, könnte diesmal der Anfang vom Ende seiner Aussichten auf eine Mehrheit an Delegierten für den Wahlparteitag der Demokraten im Juli sein. Nicht weniger als das signalisierte Biden, der nicht mehr wie ein Wettbewerber auftrat, sondern wie einer, der die Nominierung bereits gesichert hat und nun versuchen muss, die Anhänger des Verlierers einzubinden. "Ich möchte Bernie Sanders und seinen Anhängern für ihre unerschöpfliche Energie und Leidenschaft danken", appellierte Biden an den linken Flügel der Demokraten. "Wir teilen ein gemeinsames Ziel und zusammen werden wir Donald Trump schlagen und bringen diese Nation zusammen."

Präsidiale Rede

Analysten sprachen von einer präsidialen Rede Bidens, der gedämpft, aber entschlossen vor die Kameras trat. Vor allem zuversichtlich, dass ihn Sanders im Rennen um die Delegierten nur noch mithilfe eines Wunder einholen kann. Bereits früh am Dienstagabend stand fest, dass Biden die Südstaaten Mississippi und Missouri und das im November gegen Trump so wichtige Michigan gewonnen hat.

Er holte eine überwältigende Mehrheit der afroamerikanischen Wähler, setzte sich mit großem Abstand bei den weißen Wählern in den ländlichen Gebieten und den Vororten und mit kleinerem bei den Nicht-Akademikern durch. Sanders konnte seine Koalition aus jungen Wählern unter 30 Jahren und weit links stehenden Demokraten nicht erweitern.

Später in der Nacht konnte Biden Idaho seiner Siegesliste hinzufügen. Allein in dem kleinen Bundesstaat North Dakota sah es nach einem sicheren Sieg für Sanders aus. Im liberalen Bundesstaat Washington an der Westküste sowie in Idaho wird er sich die Stimmen wohl mit Biden teilen müssen. In Mississippi drohte Sanders an der 15-Prozent-Hürde zu scheitern. Damit fielen dort alle Delegeirten Biden zu.

Für eine Mehrheit beim Parteitag in Milwaukee werden 1991 Stimmen benötigt. Nach Stand der Auszählung liegt Biden mit 846 Delegierten vor Sanders mit 684. Bei den Vorwahlen am kommenden Dienstag in Arizona, Florida, Illinois und Ohio hatte der demokratische Sozialist vor vier Jahren verloren und liegt in den Umfragen auch diesmal zum Teil weit abgeschlagen hinter Biden. Danach steht der Südstaat Georgia auf dem Kalender, in dem "Onkel Joe" ebenfalls die Nase vorn hat.

Nach Einschätzung von Analysten warten auf beide Kandidaten nun schwierige Entscheidungen. Sanders muss sich überlegen, wie lange er noch weitermachen will, während Biden sich etwas einfallen lassen muss, wie er die Jungen und Linken einbinden kann. Dass sich das Blatt so zugunsten Bidens wenden würde, hätte vor elf Tagen noch kein ernst zu nehmender Wahlstratege für möglich gehalten. Es war allgemein erwartet worden, dass Sanders nach dem "Super-Dienstag" mit mindestens 150 Delegierten in Führung liegt. Die Panik vor einem Durchmarsch des linken Rebellen führte zu einer Sammlung der Moderaten und Zentristen hinter Biden. Der Ausstieg des Milliardärs Michael Bloombergs, der nun den früheren Vizepräsidenten unterstützt, machte den Weg frei für den Siegeszug zum Wahlparteitag.

Vergangenen Sonntag deutete Sanders bereits an, dass er diesmal nicht wie gegen Clinton bis zum bitteren Ende kämpfen werde. "Ich bin kein Masochist, der in einem Rennen bleibt, dass nicht gewonnen werden kann", sagte er in einem Interview auf ABC. "Wir sehen, was die Zukunft bringt."

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