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Rassistische Motive: Ein 43-jähriger Deutscher tötete in Hanau neun Menschen mit ausländischen Wurzeln. Anschließend erschoss er auch seine Mutter und dann sich selbst. FOTOS: DPA/ZENTRUM FÜR MEDIEN UND INTERAKTIVITÄT

Allgegenwärtige Diskriminierung

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Affenlaute im Fußballstadion, Beleidigungen auf offener Straße gegen Menschen mit dunkler Hautfarbe - und in letzter Konsequenz die mörderische Tat. Wie zuletzt in Hanau mit neun Todesopfern, die einen Migrationshintergrund hatten. Rassismus zeigt in Deutschland immer ungenierter sein aggressives Gesicht.

Selbst ein so gewiefter Politiker wie FDP-Chef Christian Lindner tappte schon in die Falle des Alltagsrassismus. Seine Äußerung, man könne in der Schlange beim Bäcker nicht unterscheiden, ob vor einem ein gebrochen Deutsch sprechender Mensch eine hoch qualifizierte Fachkraft oder ein illegal eingereister Ausländer sei, sorgte er vor zwei Jahren für Aufsehen. Wie alltäglich sind rassistische Verhaltensweisen und Sprache? Fragen anlässlich des heutigen Welttags gegen den Rassismus an Prof. Dr. Dorothée de Nève, geschäftsführende Direktorin des Instituts für Politikwissenschaft an der Gießener Justus-Liebig-Universität.

Wie definiert man Rassismus?

Rassismus ist eine Haltung, die Menschen anhand bestimmter Merkmale, zum Beispiel biologischer oder ethnischer Merkmale, Sprache oder Religion, unterscheidet. Auf der Basis dieser Unterscheidung wird dann eine Gruppe als vermeintlich überlegen und als Norm wahrgenommen, während die andere Gruppe als unterlegen und minderwertig bezeichnet wird.

Wo zeigt sich dies?

Diese Abwertung kann sich auf alle Lebensbereiche beziehen, von der Kultur und Religion bis hin zur intellektuellen und ökonomischen Leistungsfähigkeit. Ausgangspunkt ist eine Ideologie, ein Gedankenkonstrukt. Es geht bei dem Phänomen keineswegs ausschließlich um Rassentheorie, sondern um ein sehr viel umfassenderes Konzept der Unterscheidung zwischen überlegenen und unterlegenen Menschen. Dahinter steckt also auch eine Machtfrage.

Rassismus ist ja untrennbar auch mit der deutschen Kolonialvergangenheit verbunden. Hat die Geschichte tatsächlich einen so langen Atem oder steckt in uns allen einfach ein Stück Rassismus?

Ohne Frage, die koloniale Vergangenheit wirft ihren Schatten bis in die Gegenwart. Vielen ist die koloniale Vergangenheit Deutschlands ohnehin nicht so präsent, da darüber in der deutschen Öffentlichkeit vergleichsweise wenig gesprochen wird. Hinzukommt aus meiner Sicht indes noch ein weiterer Aspekt - die ausbeuterischen Strukturen der Gegenwart gegenüber dem globalen Süden. Mit Handelsabkommen, fragwürdigen entwicklungspolitischen Maßnahmen und verantwortungslosem Handeln von Unternehmen schreiben wir diese koloniale Geschichte heute fort.

Wie zeigt sich Rassismus in der heutigen Gesellschaft?

Wir sollten zumindest zwei Ebenen unterscheiden: Zum einen gibt es institutionellen Rassismus. Dabei handelt es sich um Formen der Ausgrenzung zum Beispiel in der Verwaltung oder Polizei, die durch bestimmte Verfahren und Mechanismen bewusst oder unbewusst entstehen. Dies führt zu einer Ungleichbehandlung. Durch den Rechtsruck in der Parteienlandschaft werden außerdem rassistische Diskurse im politischen Wettbewerb intensiviert und institutionalisiert. Diese Form des institutionellen Rassismus unterscheidet sich vom Alltagsrassismus, der von einzelnen Personen ausgeht. Dabei handelt es sich um praktisches Verhalten, das zwischen einem konstruierten "Wir" in Abgrenzung zu dem "Anderen" ausgeht.

Können Sie da ein Beispiel nennen?

Ein Beispiel hierfür ist diese rassistische Angst, die Christian Lindner beim Einkauf beim Bäcker beschrieben hat. Es geht um eine zutiefst antipluralistische Haltung, die andere Menschen als irritierend bzw. störend brandmarkt. In der Praxis zeigt sich dieser Alltagsrassismus in einem erschreckenden Ausmaß in den Anfeindungen, denen Menschen mit Migrationshintergrund ausgesetzt sind, wenn sie in der Öffentlichkeit sichtbar werden und sich gesellschaftspolitisch engagieren, sei dies als Journalistinnen oder als Kommunalpolitiker.

Und wie viel unbemerkter Rassismus ist dabei, also diskriminierende Äußerungen, die man als solche eigentlich gar nicht so empfindet?

Sicherlich gibt es viele rassistische Verhaltensweisen im Alltag, die eventuell gar nicht böse gemeint sind und der eigenen Naivität und Unreflektiertheit geschuldet sind. Das beobachten wir etwa, wenn Menschen andere Personen, die irgendwie anders aussehen, fragen, wo sie herkommen. Wenn sie dann die Antwort erhalten, dass die Person aus Deutschland kommt, aber hartnäckig nachfragen, wo jemand "wirklich" herkomme.

Ein anderes Beispiel für abwertende Sprache?

Diskriminierende Äußerungen fanden sich auch in vielen Statements nach dem Terroranschlag in Hanau. Hier wurde vielfach von einem "fremdenfeindlichen" Anschlag gesprochen. Die Opfer in Hanau werden damit als "Fremde" klassiert, also Personen, die eigentlich nicht hierher gehören. Wenn wir Rassismus in unserer Gesellschaft bekämpfen wollen, dann geht es genau darum, zunächst diese Sensibilisierung für die vielfältigen Formen der Unterdrückung zu stärken.

Die AfD ist bekannt für verbale Grenzüberschreitungen gerade gegenüber Menschen mit ausländischen Wurzeln. Beispielsweise bei Alice Weidels Formulierung über "alimentierte Messermänner und andere Taugenichtse". Berechtigte Kritik oder Rassismus?

Die AfD hat als Partei eine rassistische Agenda, was sich etwa in den programmatischen Forderungen zum Islam und zu Muslimen zeigt. Sie nutzt außerdem eine rassistische Sprache und inszeniert den Tabubruch als strategisches Ins-trument. Es ist wichtig, dass wir verstehen, dass Rassismus ein genuiner Bestandteil rechter Propaganda ist und rassistische Äußerungen nicht als freie Meinungsäußerungen, sondern als antidemokratische Haltung zu deuten sind.

Mit dieser Haltung steht die AfD aber nicht alleine in der Gesellschaft?

Bei aller berechtigten und notwendigen Kritik an der AfD müssen wir erkennen, dass die AfD nicht die einzige Partei ist, die Rassismus verbreitet. Rassismus findet sich auch in anderen Parteien. Es gibt außerdem einen Schulterschluss der AfD mit zivilgesellschaftlichen Organisationen, etwa mit Abtreibungsgegnern, fundamentalistischen Christen und PEGIDA.

Inwieweit hat dieser Rassismus die Mitte der Gesellschaft erreicht?

Wir sollten uns nichts vormachen: Es gibt in unserer Gesellschaft vermutlich nur sehr wenige Personen, die vollkommen frei von Vorurteilen und stereotypen Wahrnehmungen sind. Personen halten sich selbst vielleicht für sehr weltoffen und super tolerant. Doch wenn sich das eigene Kind für einen Partner oder eine Partnerin mit Migrationshintergrund entscheidet, dann tauchen plötzlich dubiose Ängste auf, die ihren Ursprung in rassistischen Argumenten haben. Der entscheidende Punkt ist also, wie wir unser Verhalten selbstkritisch reflektieren und verändern. Rassismus ist in unserer Gesellschaft allgegenwärtig. Was sich aktuell indes verändert hat, ist der politische Wettbewerb. Und die Grenzen des Sagbaren haben sich offenkundig verschoben.

Bezeichnungen wie Neger, Mohr oder Zigeuner galten vor 20, 30 Jahren noch als "unproblematisch". Heute sind sie tabu. Wie kam diese Veränderung?

Na ja, dass der Neger-Begriff je unproblematisch war, wage ich zu bezweifeln. Wir sollten nicht aus der Tatsache, dass Dinge üblich sind, schließen, dass sie auch okay sind. Dieser Sprachgebrauch zeigt doch vielmehr, wie tief der Rassismus in unsere Gesellschaft gedrungen ist, wenn wir Lieder wie "Zehn kleine Negerlein" singen. Bis sich ein sprachliches Bewusstsein gesamtgesellschaftlich ändert, ist ein langer Weg zurückzulegen. Wir sehen das ja nicht nur in Bezug auf Rassismus, sondern auch im Kontext von Sexismus. Das gilt erst Recht, wenn wir nicht mehr nur erwarten, dass bestimmte Dinge nicht mehr gesagt werden - was etwa der Vorwurf der Sprachpolizei suggeriert. Es ist ein langer Prozess, bis sich auch die Haltungen hinter der Sprache nachhaltig verändern. Der erste Schritt besteht darin, den Rassismus zu erkennen. Der zweite in der Veränderung der eigenen Sprache. Und der dritte und schwierigste Schritt ist die Veränderung der rassistischen Einstellungen.

In der klassischen Literatur findet man sie immer noch. Teilweise wurden sie auch ersetzt. Berechtigte Modernisierung oder sollte man das Original nicht als historisches Dokument so belassen?

Das ist eine schwierige Frage, die sich in erster Linie an Sprachwissenschaftler und Historiker richtet. Ich als Politikwissenschaftlerin gehe klar davon aus, dass die Sprache unser Denken und unsere Wahrnehmung prägt. Insofern ist es wichtig, dass wir auch bei der Veränderung der Sprache ansetzen, um etwas zu bewegen. Wenn wir rassistische Statements in einem literarischen oder künstlerischen Kontext als solche stehen lassen, dann ist es wichtig, dass wir das entsprechend rahmen, um die Distanzierung von rassistischen Grundinhalten erkennbar zu machen.

Hängen Rassismus und Diskriminierung von Menschen aufgrund anderer Merkmale wie Geschlecht oder sexuelle Orientierung miteinander zusammen?

Die Studien zur gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit bestätigen dies sehr eindeutig. Es gibt eine starke Überschneidung von Rassismus, Homophobie und Sexismus. Das zeigt eben deutlich, dass es um eine antipluralistische Haltung geht. Gegen wen sich diese richtet, ist bisweilen austauschbar. Das zeigt sich übrigens auch bei der AfD: In der Anfangsphase der Partei spielte der Islam kaum eine Rolle. Gehetzt wurde insbesondere gegen die Griechen. Das Feindbild hat sich geändert. Die Mechanismen der Ausgrenzung und die rhetorischen Strategien sind jedoch gleich geblieben.

Die AfD relativierte den Massenmord von Hanau kürzlich als Tat eines Wahnsinnigen und bestritt einen rassistischen Hintergrund. Schließt Psychopathie Rassismus aus?

Diese Relativierungsstrategie ist kein Spezifikum der AfD. Auch andere Parteien und Politiker neigen oft dazu, politische Gewalttaten als Akte kranker Menschen zu deuten. Im vorliegenden Fall ist das seitens der AfD natürlich besonders perfide, liegt doch ein Bekennerschreiben vor, dass eben diese rassistische Haltung nahelegt. Um Ihre Frage präzise zu beantworten: Es handelt sich klar um eine rassistische Tat, was man allein schon an der Auswahl der Opfer erkennen kann - und zwar ganz unabhängig davon, ob der Täter eventuell auch noch psychische Probleme hatte.

Wie ist die Gesellschaft gefordert, Rassismus entgegenzutreten?

In der Vergangenheit haben wir vor allem auf zwei Karten gesetzt: Strafrecht und politische Bildung. Das sind zwei gute, effektive Instrumente. Was wir gegenwärtig indes zusätzlich benötigen, sind aktive politische Gegenstrategien, mutige Gegenreden, organisierten Widerstand gegen jegliche rassistischen Tendenzen in unserer Gesellschaft. Das ist nicht nur eine Aufgabe des Staates. Hier sind alle Bürger und alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens gefragt, ihren eigenen Beitrag zur aktiven Bekämpfung von Rassismus zu leisten..

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