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"Weißer Fleck auf dem Globus"

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Mitten im Kalten Krieg einigten sich die USA und die Sowjetunion gemeinsam mit zehn anderen Staaten 1959 auf Schutz und Frieden für die Antarktis. Der Antarktis-Vertrag hält jetzt schon 60 Jahre - Experten sind jedoch frustriert über fehlende Fortschritte.

Die größte Eiswüste der Erde, größer als ganz Europa, ohne einheimische Menschen, dafür aber mit etlichen Tierarten - das ist die Antarktis. Der südlichste Kontinent wurde Anfang des 19. Jahrhunderts erstmals von Seefahrern gesichtet. Anfang des 20. Jahrhunderts erreichten erstmals Menschen den Südpol. Lange galt die Antarktis weiter als "weißer Fleck auf dem Globus".

Als Erkundungstouren zeigten, wie viel mehr der Kontinent zu bieten hat, wuchs das wissenschaftliche Interesse - und die geostrategischen und wirtschaftlichen Begehrlichkeiten nahmen zu. Eine Gruppe von Wissenschaftlern, zwischen 1957 und 1958 zusammengeschweißt durch ein Internationales Geophysikalisches Jahr, schlug ein Komitee zur Koordination der Polarforschung vor - und erreichte weit mehr als das.

Am Sonntag (1. Dezember) vor 60 Jahren unterzeichneten zwölf Staaten den Antarktis-Vertrag. Darunter waren neben Argentinien, Aus-tralien, Belgien, Chile, Frankreich, Großbritannien, Japan, Neuseeland, Norwegen und Südafrika auch die Sowjetunion und die USA. Sie besiegelten mitten im Kalten Krieg das erste internationale Umweltschutzabkommen nach dem Zweiten Weltkrieg.

Die Vertragsstaaten einigten sich auf die friedliche Nutzung der Antarktis, ein Verbot militärischer Aktivitäten dort und freie internationale Forschungszusammenarbeit. Territorialansprüche Einzelner wurden eingefroren. Über die Jahre kamen zahlreiche Folgeabkommen und 42 neue Vertragsteilnehmer hinzu. Auch Deutschland schloss sich im Jahr 1979 an.

Der Antarktis-Vertrag sei "eines der erfolgreichsten internationalen Regelwerke", heißt es beim in Deutschland dafür zuständigen Umweltbundesamt. Manfred Reinke, der zwischen 2009 und 2017 als erster deutscher Chef des Vertragssekretariats in Buenos Aires war, bezeichnet ihn als "Friedensvertrag".

Aber viele Experten sehen ihn gefährdet - und sind frustriert über fehlende Fortschritte. Der Klimawandel sorgt für fundamentale Veränderungen in den Polarregionen: Eis schmilzt, neue Schifffahrtswege entstehen und immer mehr Bodenschätze, Pflanzen und Tiere kommen in greifbare Nähe. In der Arktis, deren Anrainer sich seit 1996 im Arktischen Rat abstimmen, werden diese trotz Kritik von Umweltschützern schon seit Längerem kommerziell verwertet.

Kaum Fortschritte

Der Antarktis-Vertrag schützt den südlichsten Kontinent bislang weitgehend davor. Aber die Begehrlichkeiten werden größer, und auch die auf Eis gelegten territorialen Ansprüche schwelen weiter, wie der diesjährige Meeresschutzbericht "World Ocean Review" darlegt. Vor allem das forsche Vorgehen Chinas ärgert dabei andere Vertragsstaaten.

Fortschritte beim Schutz der Antarktis gebe es auch deshalb so gut wie keine, sagen Experten. Seit acht Jahren haben es die Teilnehmerstaaten des Antarktis-Vertrags beispielsweise nicht geschafft, sich auf die Schaffung eines großen Meeresschutzgebietes im Osten des Kontinents zu einigen - unter anderem wegen Fischereiinteressen. Russland und China haben erst jüngst wieder solche Bemühungen blockiert. Nicht zum ersten Mal.

Auch der Rückzug der USA aus dem Pariser Klimaabkommen werde wahrscheinlich "erhebliche Auswirkungen" auf das weitere Vorgehen der Antarktis-Vertragspartner haben, prophezeit der russische Polarforscher Walery Lukin. Der 1959 besiegelte Schutzstatus gilt zwar zeitlich unbefristet, die Laufzeit des 1991 beschlossenen zusätzlichen Umweltschutzprotokolls aber endet 2048.

Unverzichtbar für Forschung

Laut Umweltbundesamt handelt es sich dabei um die schärfsten und umfangreichsten Regeln, die jemals für eine Region der Erde international erarbeitet wurden. Darin verankert ist etwa das Verbot, Rohstoffe abzubauen.

Für die Forschung sind die um den Südpol gelegenen Land- und Meeresgebiete unterdessen längst unverzichtbar: Wissenschaftler sammeln dort Unmengen an Daten - etwa zu Wetter, Luftqualität, Ozonloch und Magnetfeld. Dutzende Forschungsstationen gibt es inzwischen, beispielsweise die vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) betriebene "Neumayer-Station III", in der ganzjährig Wissenschaftler leben und arbeiten.

Die Bedingungen dort beschreibt das Institut als "beschwerlich": Zwischen Mitte November und Ende Januar geht die Sonne nicht unter, zwischen Mitte Mai und Mitte Juni lässt sie sich dagegen nicht blicken. Der Kälterekord seit Bestehen der Station liegt bei minus 50,2 Grad, gemessen im Juli 2010.

Bei der Arbeit dort geht es nicht nur um unseren Planeten, sondern auch um Grundlagen für einen längeren Aufenthalt im All. Deutsche Forscher haben in der Antarktis zum Beispiel allerlei Gemüse in einem Gewächshaus gezogen - als Testlauf für künftige Weltraum-Missionen, etwa zum Mars. Foto: dpa

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