Nicolas, ein 47-jähriger geschiedener Vater aus Frankreich (r.), darf im Rahmen des Programms "Mein Papa kommt" kostenlos bei der Familie Halt übernachten, wenn er seine drei Kinder in München besucht. FOTO: DPA
+
Nicolas, ein 47-jähriger geschiedener Vater aus Frankreich (r.), darf im Rahmen des Programms "Mein Papa kommt" kostenlos bei der Familie Halt übernachten, wenn er seine drei Kinder in München besucht. FOTO: DPA

Ein Sofa für getrennte Eltern

  • vonDPA
    schließen

Zieht ein Elternteil nach einer Trennung weg, wird es mit regelmäßigen Besuchen oft schwierig. Und teuer. Das Besuchsprogramm "Mein Papa kommt" vermittelt kostenlose Schlafplätze. Und nebenbei noch Freundschaften.

Wenn Nicolas aus Frankreich alle paar Wochen in München vor der Tür steht, flötet ihm meistens ein kindliches "Salut" entgegen. Die Kinder, die den dreifachen Familienvater da so fröhlich in seiner Landessprache begrüßen, sind allerdings nicht seine eigenen, sondern die seiner Gastfamilie. Die Familie Halt lässt den geschiedenen 47-Jährigen alle paar Wochen kostenlos mehrere Tage bei sich wohnen. Damit er seine drei eigenen Kinder sehen, mit ihnen in deren Heimatstadt Zeit verbringen, und auch Alltag mit ihnen leben kann.

"Diese Riesengroßzügigkeit von Victoria und Tassilo ist etwas ganz Besonderes", sagt Nicolas, während er am großen Holztisch im Wohnzimmer der Gasteltern sitzt. "Ohne ihre Fähigkeit, mir mit viel Herz ihre Türe aufzumachen, könnte ich meine drei Kinder unmöglich so regelmäßig sehen. Und noch dazu sind wir mittlerweile gut befreundet." Victoria und Tassilo Halt nicken zustimmend.

Nicolas, der in Paris lebt, gehört zu den rund 1500 geschiedenen Elternteilen, die über das bundesweite Besuchsprogramm "Mein Papa kommt" einen regelmäßigen Schlafplatz im Wohnort ihrer Kinder gefunden haben. Gegründet wurde das Programm 2008 von der Religionspädagogin Annette Habert, Träger ist das Sozialunternehmen Flechtwerk 2+1 aus München.

Alltag mit den Kindern leben

"Eltern, die einen Schlafplatz suchen, melden sich auf unserer Web-Seite an", erklärt Habert das Prinzip. "Dann versuchen wir aus unserem Netzwerk von etwa 1450 Gastgebern einen passenden zu finden und stellen den Kontakt her." Die Übernachtungen sind kostenlos, die Mitgliedschaft im Netzwerk kostet zwölf Euro pro Monat.

Auch wenn die Gastgeberkartei über die Jahre größer geworden ist, Habert und ihr Team sind stets auf der Suche nach neuen Unterkünften. In ihrer Kartei hat Habert Rentner, Eltern, Elternteile, die selbst Gastfamilien in Anspruch nehmen, aber auch Familien mit kleinen Kindern. So wie die Halts aus München.

An deren Türe klingelt Nicolas seit etwas mehr als einem Jahr ein- bis zweimal pro Monat jeweils donnerstags nach vorheriger Absprache. Und bleibt bis Montagvormittag. Mit seinen drei Kindern geht er dann ins Kino, auf den Fußballplatz oder macht Radeltouren. Manchmal übernachten die Kinder dann auch mit in seinem Gästezimmer. Am nächsten Morgen wachen Papa und Kinder zusammen auf und können gemeinsam Frühstücken.

Habert weiß, wie wichtig es für die Scheidungskinder ist, mit beiden Eltern alltägliche Dinge zu erleben. Neben den Schlafplätzen vermittelt die Pädagogin auch Spielzimmer und telefonische Erziehungsberatung. "Unter anderem geben wir Tipps zum Thema: Wie skype ich mit einem Zweijährigen?" Immer mehr Väter nutzen laut Habert auch dieses Angebot.

Dass Habert meist von Vätern spricht, kommt nicht von ungefähr: 90 Prozent in ihrem Netzwerk sind Papas. Denn der weitaus größte Teil der Kinder lebt nach der Trennung der Eltern bei der Mutter. Und wenn sich Eltern vor Gericht um das Sorgerecht streiten, gewinnen nach wie vor meistens die Frauen.

Für Victoria und Tassilo ist das Programm die "perfekte Möglichkeit, etwas Gutes zu tun, ohne viel Zeit und Aufwand". "Ich muss einfach nur die Türe aufmachen", sagt Victoria Halt. "Wir haben mit unserer großen Wohnung so viel Glück und Platz, da war es naheliegend, jemanden aufzunehmen, der das Angebot gut gebrauchen kann. Auf Nicolas und seine Kinder freuen wir uns wirklich jedes Mal."

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare