Nach mehr als drei Jahrzehnten in Haft trifft Jens Söring am Flughafen ein. Der heute 53-Jährige war in den USA wegen Mordes an den Eltern seiner damaligen Freundin verurteilt worden. Erst vor einigen Wochen wurde entschieden, ihn auf Bewährung freizulassen. FOTO: DPA
+
Nach mehr als drei Jahrzehnten in Haft trifft Jens Söring am Flughafen ein. Der heute 53-Jährige war in den USA wegen Mordes an den Eltern seiner damaligen Freundin verurteilt worden. Erst vor einigen Wochen wurde entschieden, ihn auf Bewährung freizulassen. FOTO: DPA

In der neuen alten Heimat

  • vonDPA
    schließen

Mehr als sein halbes Leben saß Jens Söring in Haft - die meiste Zeit in den USA. Jetzt ist der 53-Jährige nach Deutschland zurückgekehrt. Doch in der Freiheit warten neue Herausforderungen auf ihn.

Jens Söring steigt am Frankfurter Flughafen in den Aufzug. "Baujahr 1987. Das war ein Jahr nach meiner Verhaftung", sagt er trocken. Dicht zusammengedrängt mit Journalisten, Fotografen und Filmteams geht es zum Konferenzsaal im Airport Center, wo ihn seine Freunde und Unterstützer erwarten. Kurz darauf: Großer Jubel und Applaus. Söring ist überwältigt. "Ich freu mich so sehr, nach 33 Jahren, sechs Monaten und 25 Tagen endlich, endlich hier in Deutschland zu sein." Über drei Jahrzehnte - also mehr als sein halbes Leben - saß der in den USA wegen Doppelmordes verurteilte Mann in Haft.

"Ich muss hier psychologisch und emotional ankommen in Deutschland. Ich habe dieses Land drei Jahrzehnte nicht mehr gesehen", sagt der 53-Jährige. Und in der Tat: Als Jens Söring 1986 verhaftet wurde, war dieses Land ein anderes. Deutschland trennte eine Mauer, Helmut Kohl war Bundeskanzler und das Internet noch nicht verbreitet. Wie wird sich Söring in einer völlig veränderten Welt zurechtfinden? "Er muss nicht resozialisiert werden, sondern sozialisiert werden. Er muss Lebenstechniken und Verhaltensweisen lernen, um in dieser Gesellschaft draußen zu überleben", sagt Kriminologe Bernd Maelicke. "Das ist wie bei einem kleinen Kind - zu lernen, wie ist das mit den Verkehrsregeln, mit dem Internet, mit Smartphones."

Die Geschichte Sörings nimmt 1984 ihren Anfang: Der deutsche Diplomatensohn kommt an die University of Virginia, wo er seine erste große Liebe, die Kanadierin Elizabeth Haysom, trifft. Im März 1985 werden deren Eltern in ihrem Haus in Virginia mit zahlreichen Messerstichen ermordet.

Fall polarisiert noch immer

Als Söring und Haysom unter Verdacht geraten, fliehen sie. Ein Jahr nach dem Mord fliegen die beiden in London wegen Scheckbetrugs auf. Sie werden verhaftet und an die USA ausgeliefert. Haysom wird wegen Anstiftung zum Mord zu zweimal 45 Jahren Haft verurteilt, Söring bekommt zweimal lebenslang.

Der spektakuläre Fall ist nach wie vor rätselhaft - und polarisiert. "Die Schuldfrage ist meines Erachtens bis heute nicht abschließend geklärt", sagt Transatlantik-Koordinator Peter Beyer. "Es sind immer noch viele Fragen offen." Der ehemalige US-amerikanische Strafverteidiger Andrew Hammel dagegen zweifelt nicht an Sörings Schuld. "Bei der Beweislage wäre Söring zweifelsohne auch in Deutschland für schuldig befunden worden", schrieb er kürzlich in der "FAZ".

Seine Unterstützer wollen den 53-Jährigen auf dem Weg in sein neues Leben begleiten. Sie haben eine Wohnung, ein Handy und Kleidung besorgt. Über den Jahreswechsel wird der Ex-Häftling aber erst einmal in den Urlaub fahren. Danach will er durch das Land reisen und schauen, wo er sich niederlassen möchte.

"Bitte geben Sie mir etwas Ruhe, um mit meinen Freunden zu sein und um hier anzukommen", sagt er am Dienstag, als er vor die Presse tritt. Zudem zitiert ihn der Freundeskreis auf Twitter mit folgenden Worten: "Ich bin so gespannt, wie sich Deutschland verändert hat. Und ich will unbedingt durchs Brandenburger Tor gehen!" Petra Hermanns, die Sprecherin des Unterstützerkreises, beschreibt den 53-Jährigen als "sehr sympathischen, charismatischen, humorvollen sowie klugen und empathischen Menschen".

Nach Ansicht von Kriminologe Maelicke muss Söring seinen jahrzehntelangen Aufenthalt im US-Gefängnis erst einmal verarbeiten. "Das ist mit der schlimmste Knast, den man sich vorstellen kann, da ist Gewalt, da sind Drogen, das sind Vergewaltigungen." Mit diesen Eindrücken müsse er ein Leben lang leben.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare