Filigrane Turnerin: Eine Gottesanbeterin
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Die Gottesanbeterin könnte eines der Insekten sein, das in 30 Jahren in und um Gießen wohnt. (Symbolbild)

Evolution und Erwärmung

Die Gottesanbeterin kommt: Welche Tierarten wohnen 2050 in Mittelhessen?

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Wenn man ein Jubiläum feiert, schaut man auch nach vorne. Spannend wäre es zum Beispiel, mal zu erfahren, wie sich die Tierwelt in Mittelhessen bis zum Jahr 2050 entwickelt. Prof. Dr. Hans-Peter Ziemek vom Institut für Biologiedidaktik Uni Gießen schaut weit in die Zukunft.

Gießen – Aktuell leben wir nicht nur in Zeiten eines ständig voranschreitenden Klimawandels, sondern erleben auch das größte Artensterben der Erdgeschichte. All dies geschieht nicht mit lautem Getöse. Eher leise verschwinden Tierarten um uns herum. Dieser Verlust hat sich in den letzten Jahren vor allem beim starken Rückgang der Insekten gezeigt.

Aber es treten auch Arten wieder auf, die schon lange nicht mehr in der Region vorkamen. Entweder von uns Menschen aktiv gefördert oder in einer von menschlichen Aktivitäten unbeeinflussten Ausbreitung. Besonders auffallende Beispiele der vergangenen Jahre in der Region Mittelhessen waren der Weißstorch, der Uhu, der Kolkrabe, die Wildkatze und der Biber. Eine dieser Arten hat sich dabei ohne Hilfe des Menschen wieder bei uns etabliert. Die Auflösung erfolgt am Ende des Artikels. Stellen Sie aber schon einmal Vermutungen an.

Welche Tierarten wohnen 2050 in Mittelhessen? – Tigermücke keine Seltenheit mehr

Diese genannten Arten sind optimal an unser derzeitiges Klima angepasst. Was wird uns nun aber in der Zukunft erwarten? Zum Beispiel, wenn wir das Jahr 2050 betrachten? Welche Tierarten werden dann in Mittelhessen vorkommen? Welche Auswirkungen wird die Erhöhung der Durchschnittstemperaturen durch den Klimawandel auf die Lebensgemeinschaften haben? Werden dann zu den Arten, die durch verstärkte Anstrengungen des Natur- und Artenschutzes zurückkehrten, auch ganz andere Tierarten auftreten? Die bisher vielleicht in wärmeren Regionen Europas siedelten und nun ihr Verbreitungsareal erweitern?

Wagen wir also den Zeitsprung zu einem Tag im Juni 2050. In der »Gießener Allgemeinen Zeitung« wird über eine wichtige Maßnahme zur Verhinderung der Ausbreitung der Tigermücke berichtet. Alle Bewohnerinnen und Bewohner in der Region sollen regelmäßig auch kleinste Wasseransammlungen in ihrer Umgebung kontrollieren und jede Insektenlarve melden. Zur Bekämpfung der Larven verteilt das Umwelt- und Klimwandelfolgenamt der Stadt Gießen kostenlos Tabletten. Diese bis zu einem Zentimeter große Mückenart wird in 30 Jahren schon lange in unserer Region etabliert sein. Sie kam ursprünglich in Asien vor. Durch die Globalisierung erreichte sie vor 30 Jahren Europa. Sie ist einer der gefährlichsten Überträger von hochansteckenden Viren, beispielsweise des Zika-Virus, des Chikungunya-Virus und des Dengue-Virus.

Bei der schon stattgefundenen Erwärmung in den vergangenen Jahren hat sich die wunderschön gezeichnete Mücke schon nach und nach in Europa ausgebreitet. Im Jahr 2018 wurde das erste Exemplar in einer Wohnanlage in Frankfurt entdeckt. Und die Ausbreitung geht weiter.

Welche Tierarten wohnen 2050 in Gießen und Umgebung? – Viele Änderungen bei Insekten möglich

Bei der Suche nach den Mückenlarven wird den Mittelhessen an vielen Gewässern die Feuerlibelle (Crocothemys erythraea) begegnen. Signalrot gefärbte Männchen mit bis zu sieben Zentimetern Flügelspannweite fliegen am Gewässerrand auf und ab und warten auf vorbeikommende Weibchen. Die Art kam ursprünglich in Afrika und im Mittelmeerraum vor. Bei den höheren Durchschnittstemperaturen der vergangenen Jahre konnte sie die Alpen überwinden und sich in Süddeutschland festsetzen. Sie breitet sich seitdem kontinuierlich nach Norden aus.

Und in trockeneren Gebieten rings um Gießen wird man in 30 Jahren regelmäßig Gottesanbeterinnen begegnen. Diese Art der Fangschrecken wird im weiblichen Geschlecht bis zu acht Zentimetern lang. Die Männchen bleiben deutlich kleiner. Eigentlich lebten sie in Afrika, breiteten sich im Mittelmeerraum und in Asien aus. Einzelvorkommen gab es in Mitteleuropa, beispielsweise am sonnenverwöhnten Kaiserstuhl in Baden-Württemberg. Die sich erhöhenden Durchschnittstemperaturen verändern diese Situation grundsätzlich. Diese Insekten werden sich in den kommenden Jahrzehnten auch nördlich der Alpen flächendeckend ausbreiten.

Und das sind nur einige Beispiele für neue Mitbewohner in Mittelhessen, basierend auf aktuellen Studienergebnissen und Sichtungen. Dazu werden viele Arten kommen, deren Auftreten wir jetzt noch nicht vorhersagen können. Generell werden es wärmeliebende Tiere sein, die sich mit den zukünftig steigenden Temperaturen und der größeren Trockenheit in der Region um Gießen arrangieren können. Sie werden neue Krankheiten mitbringen, aber auch die biologische Vielfalt der Lebensgemeinschaften erhöhen.

Ob sie aber der in Mitteleuropa immer weitergehenden Zerstörung von Lebensräumen, der Vergiftung der Böden und der ungehemmten Ausbeutung von Ressourcen standhalten können, wird von unserem Verhalten und dem unserer Nachkommen abhängen. Denn die Erhöhung der Durchschnittstemperaturen ist nur einer der Faktoren, die das Leben auf diesem Planeten grundsätzlich verändern.

Vorhersage bei Wirbeltieren für 2050 schwierig – Heute ist der Kolkrabe zurück

Zurück zum Anfang. Da wurden Vertreter der Säugetiere und der Vögel genannt. Leider gibt es keine aktuellen Studien, die hier sichere Vorhersagen ermöglichen. Warum eine Vorhersage für die Ausbreitung von Wirbeltierarten schwierig ist, soll am Beispiel des Kolkraben beschrieben werden. Diese Vogelart war in Westdeutschland fast ausgestorben. Sie wurde ausgerottet, speziell um sie als potenzielle Bedrohung für Weidetiere auszuschalten. Nach 1989 wanderten die Kolkraben wieder eigenständig zurück in ihre früheren Lebensräume und kamen letztlich auch in Mittelhessen an. Heute gehören sie wieder zur heimischen Fauna. Diese Dynamik konnte aber nicht vorhergesehen werden.

Daher wären Mutmaßungen zu neuen tierischen Mitbewohnern in Gießen und Umgebung im Jahr 2050 rein fiktiv. Eins ist aber sicher: Das Leben wird einen Weg finden.

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