Heinrich Schmutterer
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Heinrich Schmutterer

"Kontrollieren, nicht ausrotten"

  • vonGerd Chmeliczek
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Sie kommen in Massen und hinterlassen ein Bild der Zerstörung: Ostafrika wird derzeit von einer gewaltigen Heuschreckenplage heimgesucht. Ganze Landstriche sind kahlgefressen, Millionen Menschen von einer Hungersnot bedroht. Ein heimischer Experte sagt: Bei der Bekämpfung der Wüstenheuschrecke müssen umweltverträgliche Wege eingeschlagen werden.

Die Wüstenheuschrecke ist ein Tier, das besondere Beachtung verdient", sagt Prof. em. Heinrich Schmutterer. Der 93-Jährige aus Krofdorf-Gleiberg hat lange Jahre das Gießener Universitätsinstitut für Phytopathologie und Angewandte Zoologie geleitet und das Insekt sehr intensiv erforscht - auch vor Ort. "Die Lebensbedingungen in Ostafrika sind ohnehin schon hart. Eine Heuschrecken-Invasion, wie wir sie aktuell beobachten, verschärft die Situation für die Menschen dort enorm", erklärt er.

In Gießen habe man Grundlagenforschung und angewandte Forschung betrieben, die über die Grenzen der Universitätsstadt hinaus Beachtung gefunden habe. "Wir wissen ziemlich viel über die Heuschrecke, trotzdem tun wir uns mit der Bekämpfung weiterhin sehr schwer. Sie kommt immer wieder." Und er fügt an: "Es geht darum, die Heuschrecke besser zu kontrollieren, nicht darum, sie auszurotten." Man müsse versuchen, die Zahl der Heuschrecken mit umweltverträglichen Mitteln auf eine beherrschbare Größe zu reduzieren.

Im Moment erlebe man den schlimmsten Ausbruch seit rund 25 Jahren. Doch wie kommt es immer wieder so solchen Riesenschwärmen, die bis zu 60 Kilometer lang und 40 Kilometer breit werden können? "Normalerweise leben die Wüstenheuschrecken nicht in Schwärmen, sondern einzeln, ganz ungesellig", erklärt Schmutterer. Gebe es allerdings starke Niederschläge wie zuletzt in Ostafrika, dann erwache die Vegetation und die Tiere finden zusammen. "Sie stimulieren sich gegenseitig durch Berührung und mit chemischen Stoffen." Auch das Glückshormon Serotonin werde ausgeschüttet, was ebenfalls eine wichtige Rolle spiele.

"Ein Teufelskreis für die dortigen Länder", ergänzt Schmutterer. Bei Trockenheit wachse nur wenig, bei kräftigem Regen rotten sich die Heuschrecken zusammen, vermehren sich und vernichten die Lebensgrundlage vieler Menschen.

Die Heuschrecken lassen sich vom Wind tragen und können so bis zu 150 Kilometer am Tag zurücklegen. "Die Tiere wiegen etwa zwei Gramm und können genauso viel auch pro Tag fressen. Das klingt im ersten Moment nicht besonders imposant, Fallen aber Hunderte Millionen Heuschrecken über einen Landstrich her, fressen sie alles kahl. Anschließend ziehen sie weiter. Nicht umsonst werden sie in der Bibel als eine der zehn Plagen geführt."

Doch wie kann man gegen solche Schwärme vorgehen? "Das Problem ist, dass zwischen solchen Plagen mitunter eine lange Zeit vergehen kann. Und in dieser Zeit wird zu wenig getan. Man ist nicht vorbereitet, man beobachtet sie wohl zu wenig", kritisiert der Gießener Forscher. Am effektivsten sei es, wenn man die Heuschrecken schon im Larvenstadium bekämpfe. "Wenn sie erst einmal fliegen, wird es bedeutend schwieriger."

Es sei ein technisches und vor allem auch ein finanzielles Problem. "Entwicklungsländer, die ja vorwiegend betroffen sind, haben kein Geld, um sich logistisch auf so etwas vorzubereiten. Sie brauchen zum Beispiel Hilfe in Form von Flugzeugen, damit großflächig Bekämpfungsmittel ausgebracht werden könnten." Allerdings haben die synthetischen Insektizide oft den unerwünschten Nebeneffekt, dass viele nützliche Tiere und auch Menschen ebenfalls zu Schaden kommen können, Daher wurde - speziell auch in Gießen - an einer für die Natur verträglicheren Variante geforscht.

"Es gibt nur ganz wenige Pflanzen, die nicht auf dem Speiseplan der Wüstenheuschrecke stehen", erläutert Schmutterer. Eine davon ist der Niembaum. Das Mahagoni-Gewächs enthalte Stoffe, die auf das Hormonsystem der Larven wirkten. In der Folge könnten sich die Tiere nicht häuten und sterben schließlich. "Allerdings ist es nicht möglich, innerhalb einer kurzen Zeit große Mengen des Wirkstoffs Azadirachtin bereitzustellen." Ein andere Variante sei in England erforscht worden, dort sei man der Heuschrecke erfolgreich mit parasitischen Pilzen auf den Panzer gerückt.

"Es gibt also umweltfreundliche Präparate, die aber nicht rechtzeitig und in entsprechend großer Menge bereit stehen", betont der Forscher. Aktuell arbeite man daran, den Niembaum durch Züchtungen anzupassen. "Er ist noch kein Plantagenbaum." Große Pflanzungen gebe es mittlerweile unter anderem in Indien, Brasilien und in Südchina. Aber die Produktion des Wirkstoffs müsse auch ökonomisch sinnvoll sein. Eine Synthese des kompliziert gebauten Wirkstoffs wäre zu teuer

Ein Präparat, dass im Zusammenhang mit diesen Forschungen schon vor Jahren entwickelt wurde, nennt sich "NeemAzal" und wurde von der Lahnauer Firma Trifolio auf den Markt gebracht - mit mehreren Einsatzmöglichkeiten. So zum Beispiel im Ökolandbau zur Bekämpfung des Kartoffelkäfers.

Schmutterer plädiert dafür, sich auf solche umweltverträgliche Bekämpfungsmittel, deren Wirksamkeit nachgewiesen wurde, mehr als bisher zu konzentrieren, mehr Arbeit in die Entwicklung und Produktion zu stecken. Sie müssten in ausreichenden Mengen vor Ort gelagert werden, um nicht wieder von einer solchen Plage überrascht zu werden. "Da muss sich jemand drum kümmern", fordert der Forscher. Massive finanzielle Unterstützung vor Ort sei notwendig, damit sich die Menschen in den betroffenen Ländern künftig selbst helfen könnten. Damit spricht er zum Beispiel die Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) an, von der die Bekämpfung der Heuschrecke koordiniert wird, "Die Pilze zum Beispiel lassen sich günstig auf Reisstroh züchten, die Sporen lassen sich lange lagern. Die Vereinten Nationen könnten deutlich mehr tun."

Denn ein Resultat dieser Entwicklung könnte sein, dass die Menschen in Afrika ihre Länder verlassen, weil sie sich vor Ort schlicht nicht mehr ernähren können.

Die Wüstenheuschrecken könnten in den kommenden Monaten Ernten in großem Ausmaß zerstören, warnte dieser Tage die Integrated Food Security Phase Classification (IPC). Sie wird unter anderem von der UN unterstützt und gibt eine global genutzte Klassifizierung für Nahrungsmittelunsicherheit. Rund 13 Millionen Menschen in Äthiopien, Kenia, Somalia, Uganda und Südsudan seien bedroht.

Verdammen sollte man die Tiere trotzdem nicht, sagt Schmutterer. Die eiweiß- und fettreichen Heuschrecken seien schließlich auch als Nahrungsmittel einsetzbar. "Meine Studenten haben sie probiert und für gut befunden, obwohl es einige Überwindung gekostet hat", sagt er und lacht. Die Heuschrecke sei einer der wichtigsten Kandidaten für die Produktion als Nahrungsquelle. Mit einer Lkw-Ladung Weißkohl ließen sich viele Tausend dieser Heuschrecken züchten.

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