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Hepatitis-Fälle bei Kindern: Das müssen Sie wissen

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Von: Tanja Banner

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Ungeklärte Hepatitis-Fälle
Ungeklärte Hepatitis-Fälle bei Kindern werden weltweit untersucht. Bei etwa zehn Prozent der Kinder war eine Lebertransplantation nötig. (Symbolbild) © Westend61/Imago Images

Welche Ursache steckt hinter der ungewöhnlichen Häufung von Hepatitis-Fällen bei Kindern? Ein Überblick des aktuellen Wissensstandes.

Frankfurt – Die Warnung kam zuerst aus Großbritannien: Eine ungewöhnliche Häufung von Hepatitis-Fällen bei vorwiegend kleinen Kindern werde im Land untersucht, meldete die britische Gesundheitsbehörde UKHSA Mitte April. Die europäische Gesundheitsagentur ECDC forderte Kliniken in der EU daraufhin dazu auf, ungewöhnliche Hepatitis-Fälle bei Kindern den Gesundheitsämtern zu melden.

Mittlerweile sind zahlreiche weitere Fälle weltweit bekannt. Eine ECDC-Mitteilung von Ende April kommt auf fast 200 betroffene Kinder, Mit Stand 1. Mai waren bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) Berichten zufolge 228 Hepatitis-Fälle bekannt, weitere 50 wurden untersucht. Doch was ist an den Hepatitis-Erkrankungen so ungewöhnlich? Welchen Vermutungen geht die Forschung nach und auf welche Symptome sollten Eltern bei ihren Kindern achten? Ein Überblick über den aktuellen Wissensstand:

Was ist eine Hepatitis und warum sind die Fälle bei Kindern so ungewöhnlich?

Eine Hepatitis ist eine Leberentzündung, die durch eine Reihe von Ursachen ausgelöst werden kann. Dazu zählen unter anderem toxische Substanzen wie Alkohol oder bestimmte Medikamente. Die wichtigsten Ursachen sind jedoch Viren, die die Virushepatitis A bis E auslösen können. Tatsächlich wurden bei den erkrankten Kindern jedoch keine Hepatitis-Viren nachgewiesen, was die Fälle ungewöhnlich macht.

Graham Cooke, Professor für Infektionskrankheiten am Imperial College in London, betont: „Leichte Hepatitis ist bei Kindern nach einer Reihe von Virusinfektionen sehr häufig, aber das, was im Moment zu beobachten ist, ist etwas ganz anderes. Bei den Kindern kommt es zu schwereren Entzündungen, die in einigen Fällen zum Versagen der Leber führen und eine Transplantation erforderlich machen.“

Welche Symptome haben die Kinder, die an einer Hepatitis erkrankt sind?

Viele der betroffenen Kinder, hatten zu Beginn der Hepatitis-Erkrankung Magen-Darm-Symptome (Erbrechen, Durchfall, Bauchschmerzen), gefolgt von einer Gelbsucht (Gelbfärbung der Haut oder der Augen). Außerdem wiesen sie sehr hohe Leberenzymwerte auf, was ein Zeichen für eine Entzündung oder Schädigung der Leber ist. „Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind an Hepatitis erkrankt, ist äußerst gering“, betont Meera Chand, Direktorin für klinische und neu auftretende Infektionen der Gesundheitsbehörde UKHSA in einer Mitteilung. „Wir erinnern jedoch weiterhin daran, auf die Anzeichen einer Hepatitis zu achten – insbesondere auf die Gelbsucht, die am einfachsten als Gelbfärbung des Weißen in den Augen zu erkennen ist – und einen Arzt zu kontaktieren, wenn sie besorgt sind.“

Wo wurden die ungewöhnlichen Hepatitis-Fälle gemeldet und wie geht es den Kindern?

In Großbritannien sind bisher die meisten ungewöhnlichen Hepatitis-Fälle bei Kindern bekannt geworden. Mittlerweile gibt es aber auch Fälle in Deutschland, Österreich, Belgien, Dänemark, Frankreich, Irland, Israel, Italien, Japan, den Niederlanden, Norwegen, Polen, Rumänien, Spanien und den USA, berichtet die ECDC.

Die meisten der Kinder sollten sich vollständig erholen, heißt es bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) – allerdings waren einige Hepatitis-Fälle sehr schwer. Knapp zehn Prozent der gemeldeten Fälle führten dazu, dass die Kinder eine Lebertransplantation benötigten. Laut Angaben der WHO sind die betroffenen Kinder zwischen einem Monat und 16 Jahren alt. Bisher gab es einen Todesfall in den USA, in Indonesien werden derzeit die Todesfälle dreier Kinder untersucht.

Was verursacht die ungeklärten Hepatitis-Fälle bei Kindern?

Bisher ist der Grund für die ungewöhnlichen Hepatitis-Fälle bei Kindern unklar, doch die beteiligten Medizinerinnen und Mediziner konnten bereits einige mögliche Ursachen ausschließen:

Derzeit vermuten Forschende ein Adenovirus hinter den ungeklärten Hepatitis-Infektionen. Adenoviren kommen häufig vor, sie verursachen häufig Erkältungs-Symptome, sie werden jedoch in der Regel nicht mit Leber-Entzündungen bei gesunden Kindern in Verbindung gebracht. Von den 169 Fällen, welche die WHO in einem aktuellen Bericht auflistet, hatten jedoch mindestens 74 der Kinder eine Adenovirus-Infektion. 18 der Kinder seien mit dem Adenovirus-Typ 41 infiziert gewesen, der normalerweise Magen-Darm-Beschwerden und Atembeschwerden verursacht.

In Großbritannien steigt nach Angaben der WHO die Zahl der Adenovirus-Infektionen. Bei 75 Prozent der bestätigten Hepatitis-Fälle in Großbritannien wurde ein Adenovirus nachgewiesen, berichtet die britische Gesundheitsbehörde in einer Mitteilung und ergänzt, dass es gerade in der Altersgruppe bis vier Jahren einen merklichen Anstieg von Adenovirus-Infektionen gebe.

Hepatitis-Fälle bei Kindern: Steckt ein Adenovirus dahinter?

Doch die Erklärung, das Adenovirus könne für die Infektionen verantwortlich sein, passt nicht zu hundert Prozent: Nicht alle Kinder wurden positiv auf das Virus getestet. Dazu kommt, dass das Adenovirus zwar Hepatitis verursachen kann, jedoch kommt das Symptom am häufigsten bei immungeschwächten Personen vor – und die Kinder waren zuvor gesund. Gibt es einen neuen Adenovirus-Stamm, der Hepatitis-Infektionen verursacht oder entstanden die Infektionen durch ein Adenovirus, das mit einem anderen Risikofaktor zusammenwirkt? Forschende untersuchen derzeit zahlreiche Szenarien; unter anderem wird auch nach Gemeinsamkeiten bei den Kindern gesucht – waren sie etwa einer toxischen Belastung ausgesetzt oder alle in der gleichen Region auf Reise?

Es sei auch möglich, dass die Adenovirus-Infektion, die bei vielen Kindern entdeckt wurde, in die Irre führt, berichtet die New York Times – und zitiert Richard Malley, einen Spezialisten für Infektionskrankheiten am Bostoner Kinderkrankenhaus: „Jemand könnte mit dem Adenovirus infiziert sein und dann eine Hepatitis entwickeln, die auf etwas anderem beruht. Für einen Kausalitätsnachweis braucht man wirklich viele Daten, die wir einfach nicht haben.“

Hat die Corona-Pandemie etwas mit den Hepatitis-Fällen zu tun?

Das Coronavirus hat vermutlich nicht direkt etwas mit den ungewöhnlichen Hepatitis-Fällen bei Kindern zu tun, da nur eine geringe Zahl der Patientinnen und Patienten positiv auf Corona getestet wurde. Trotzdem kann ein Zusammenhang bisher nicht komplett ausgeschlossen werden – das Coronavirus hat bereits öfter mit neuen Symptomen überrascht. Fachleute können sich jedoch vorstellen, dass die Pandemie indirekt etwas mit den Leber-Infektionen zu tun hat. Der Kindergastroenterologe Burkhard Rodeck erklärt es so: „Wahrscheinlicher ist, dass mit den Lockerungen in Großbritannien zunehmend Kinder und Jugendliche in relativ kurzer Zeit aus der Isolation kommen und auf einmal vielen Keimen ausgesetzt sind, mit denen sie zuvor aufgrund diverser Lockdown- oder anderer Maßnahmen nicht in dieser Fülle zuletzt in Kontakt gekommen sind.“

Die Corona-Maßnahmen könnten die Kinder anfälliger für Viren gemacht haben, vermutet auch die britische Gesundheitsbehörde. Doch eine Bestätigung für diese Theorie gibt es bisher noch nicht. „Wir stehen noch am Anfang“, betont Richard Malley gegenüber der New York Times. Es sei schwer vorherzusagen, ob die Hepatitis-Infektionen häufiger vorkommen werden, „oder ob es nur ein kleiner Ausrutscher in unserer Geschichte der Infektionskrankheiten im Jahr 2022 ist.“ (Tanja Banner)

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