Nico Schack träufelt CBD-Öl in einen Cappuccino. Der Wirkstoff aus Cannabis ist ebenso gehypt wie umstritten. FOTO: DPA
+
Nico Schack träufelt CBD-Öl in einen Cappuccino. Der Wirkstoff aus Cannabis ist ebenso gehypt wie umstritten. FOTO: DPA

Heilsversprechen mit Hanf

  • vonDPA
    schließen

Der Wirkstoff aus Cannabis soll beruhigen und - so wird etwa im Internet behauptet - bei allerlei Beschwerden helfen. All das ohne Rausch und ohne Rezept vom Arzt. Produkte mit Cannabidiol (CBD) boomen. Experten haben Bedenken.

Behutsam träufelt Nico Schack mit einer Pipette etwas Öl in den Kaffee. Der Preis der Tasse hat sich damit gerade fast verdoppelt. Im "Café Canna" in Berlin-Prenzlauer Berg kann man sich sein Heißgetränk für 1,80 Euro Aufpreis mit einem ebenso gehypten wie umstrittenen Wirkstoff aus - legalem - Nutzhanf versetzen lassen. Es geht um Cannabidiol, kurz CBD. High werde man davon nicht, versichert der Betreiber. Ausgleichend und eher beruhigend solle der Kaffeezusatz wirken.

Noch dürfte wohl eher eine der anderen Wirksubstanzen von Cannabis bekannter sein: Tetrahydrocannabinol (THC), für den Rauscheffekt der Droge verantwortlich. Der Psychiater Kurosch Yazdi, Leiter der Suchtabteilung am Kepler-Uni-Klinikum im österreichischen Linz, beschreibt CBD "ein Stück weit als Gegenteil von THC": Es habe kein Suchtpotenzial und beeinträchtige das Fahrvermögen nicht.

Wunderarznei?

Gewonnen wird CBD in Europa aus Sorten, die maximal 0,2 Prozent THC enthalten dürfen. Warum CBD auch ohne Rauschwirkung gefragt ist? Ein Grund sind die angeblichen Wirkungen gegen diverse Leiden, über die auch Promis wie US-Star Kim Kardashian und Influencer berichten. Gegen Stress, Ängste und Regelschmerzen oder zum schnelleren Einschlafen soll es nützlich sein. Auf manchen Internet-Seiten wird mit CBD angereichertes Öl wie eine Wunderarznei angepriesen: "Hilft gegen Diabetes (Typ 2)". Solche Werbeaussagen für Nahrungsergänzungsmittel sind aber verboten.

Zehn Milliliter eines solchen Öls können um die 80 Euro kosten. Noch 2018 ging CBD-Kaffee zum Entspannen als New Yorker Trend durch die Medien. Seit einer Weile verzeichnen Experten einen Boom auch in Deutschland: Öle, Kapseln, Gummibärchen, Kaugummi oder Kosmetik - alle möglichen Waren werden mit dem Zusatz beworben. Es sei ein wuchernder Markt, Zahlen zu Herstellern und Händlern hierzulande kenne wohl niemand, sagt ein Branchenkenner.

Nach Beobachtung der Verbraucherzentralen ist das Internet der Hauptumschlagplatz, wie Wiebke Franz von der Verbraucherzentrale Hessen erklärt. Dabei ist die rechtliche Lage unsicher. "Es gibt keine vernünftige Regulierung", sagt Georg Wurth vom Deutschen Hanfverband. Es handele sich um einen "grauen bis schwarzen Markt". Eine der Fragen ist, ob CBD-Produkte ohne Zulassung der Europäischen Kommission als neuartiges Lebensmittel verkehrsfähig sind - bisher wurden zu CBD erst zwei solche Anträge gestellt. Behörden und auch Verbraucherzentralen meinen: Nein, ungeprüft kein Verkauf. Hersteller berufen sich hingegen etwa auf die lange Tradition der Hanfnutzung. Die unterschiedlichen Rechtsauffassungen beschäftigen Gerichte.

Fragen ungeklärt

Auch wenn manchmal Artikel wieder aus Regalen verschwinden: Das Angebot ist noch immer breit. Für die Überwachung zuständig sind Lebensmittelkontrolleure in den Kommunen. "Wir schaffen aber sowieso schon kaum die Kontrollen", heißt es aus einem Berliner Bezirksamt hinter vorgehaltener Hand. Personalmangel und immer neue Internet-Shops, man komme da nicht hinterher.

Auch Fragen zu Dosierung, Sicherheit, Neben- und Wechselwirkungen seien ungeklärt. Die etwa in Hanf-Shops erhältlichen CBD-Produkte seien fast immer so niedrig dosiert, dass sie keine Wirkung hätten, sagt Experte Yazdi. Die "angedichteten Wirkungen" seien "reine Geschäftemacherei". Der Arzneimittelexperte Gerd Glaeske von der Uni Bremen meint, Käufer CBD-haltiger Mittel wüssten oft nicht, dass hauptsächlich die rezeptpflichtigen Cannabisformen einen medizinischen Nutzen böten. Er sieht das CBD-Angebot auch als "ein Geschäft mit der Psyche und der Hoffnung von Menschen".

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare