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Farbenfroher Wintergast

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Exotisch bunt, mit langer Federhaube und schwarzen Gesichtszeichnungen, dazu am Ende leuchtend gelb gefärbte Schwanzfedern: Der Seidenschwanz ist eine Erscheinung. Kürzlich war er auch in unserer Region zu bestaunen.

Die überaus attraktiven Wintergäste aus dem hohen Norden sind Invasionsvögel, die bei uns in Mittelhessen in sehr unterschiedlicher Regelmäßigkeit und Häufigkeit auftreten. Umso größer war die Begeisterung zahlreicher Natur- und Vogelfreunde, die Bombycilla garrulus - so der wissenschaftliche Name - in der Wieseckaue bei Gießen in den letzten Wochen beobachten konnten.

Besondere Merkmale

Mit dem Fernglas oder Spektiv kann man an den Spitzen der Armschwingen "lackrote" Hornplättchen erkennen, die bei den erwachsenen Männchen am deutlichsten ausgeprägt sind. Der englische Name "Waxwing" leitet sich von diesen wachsartigen roten Armschwingenverlängerun-gen ab. Das Geschlecht und Alter der Vögel lassen sich anhand der Flügelmuster und der Zahl der roten Armschwingenspitzen bestimmen. Männchen haben sechs bis acht und die Weibchen nur fünf bis sieben rote Flügelspitzen. Die roten und gelben Farbpigmente im Gefieder der Seidenschwänze stammen von Karotinoiden, die über die Beerennahrung aufgenommen werden.

Obwohl die Seidenschwänze recht bunt gefärbt sind, wird man wohl eher über den charakteristischen, trillernden Ruf auf die starengroßen Vögel aufmerksam. In Europa brüten Seidenschwänze in Nordfinnland und -russland. Die Brutpaare verteidigen keine Reviere, und die Nester können je nach Nahrungsangebot nahe beieinanderliegen. Wahrscheinlich hat dieses Verhalten zum Verlust eines markanten Gesangs geführt.

Invasion aus der Ferne

Die meisten Seidenschwänze überwintern bei gutem Angebot an Beeren und Früchten gewöhnlich im Brutgebiet oder etwas weiter südlich. Bei fehlender Beerennahrung (Vogelbeere) und zu großen Beständen weichen die Vögel in manchen Jahren aus und unternehmen nach der Brutzeit in Trupps oder Schwärmen oft Wanderungen, die sie bis zu uns nach Mitteleuropa führen. Während im Norden Deutschlands fast jedes Jahr zumindest einzelne Vögel zu beobachten sind, fehlt die Art im Süden oft jahrelang. Das Auftreten von Seidenschwänzen im Herbst hat allerdings nichts mit der Strenge des kommenden Winters zu tun. In den letzten hundert Jahren hat es in Mitteleuropa mindestens 22 große Invasionen gegeben, die jedoch in sehr unregelmäßigen Abständen eintraten. In Hessen hat es besonders in den Wintern 67/68 und 75/76 solche Masseneinflüge mit Tausenden Seidenschwänzen gegeben. Da die fennoskandische Population nur etwa 10 000 Brutpaare umfasst, ist davon auszugehen, dass bei einem solchen Massenauftreten verstärkt auch Seidenschwänze aus Nordrussland zu uns als Wintergäste gekommen sind.

Als typische Fruchtfresser machen sich Seidenschwänze über alle erreichbaren Beeren und gerne auch über Äpfel in Streuobstwiesen und Hausgärten her. Dabei sind sie in Parks und Gärten ziemlich vertraut und unvorsichtig. Meistens zählen die Trupps weniger als 50 Vögel. Ob und wie viele Seidenschwänze auftauchen, hängt mit der Qualität des Winterquartiers zusammen: Mehr Früchte bedeuten mehr Wintergäste. Besonders Vogel- und Mistelbeeren scheinen den Seidenschwänzen zu schmecken. Mit einem naturnahen Garten und vielen heimischen Sträuchern und Gehölzen sorgt man dafür, dass die seltenen Gäste bei uns ein reichhaltiges Nahrungsangebot vorfinden. Die frühesten Seidenschwänze erscheinen Ende Oktober/Anfang November, und die letzten verlassen uns erst im April wieder. Im mittelalterlichen Europa sah man das periodisch massenhafte Erscheinen der Vögel als böses Omen an und gab dem Seidenschwanz den Namen "Pestvogel".

Tragischer Alkoholflug?

In vergangenen Jahren hat es wiederholt Berichte über Seidenschwänze gegeben, die durch Anflug an Glasscheiben verunglückt seien. So wurden beispielsweise im Frühjahr 2013 an einem verglasten Fußgängerüberweg in Bad Boll etwa 100 Seidenschwänze tot aufgefunden. Es bestand der Verdacht, dass die Vögel regelrecht betrunken gewesen sind, weil sie größere Mengen an gegorenen Beeren gefressen hatten und somit infolge eines tragischen Alkoholfluges ums Leben gekommen waren - so zumindest die Vermutung.

Mittlerweile weiß man, dass das nicht der Grund gewesen sein kann, da Seidenschwänze einen "Stiefel" voll Alkohol vertragen können. Es waren vielmehr Spiegelungseffekte, die zum tragischen Anflug führten. Seidenschwänze sind wie andere beerenfressende Vögel, zu denen auch Stare, Amseln oder Wacholderdrossel gehören, trinkfeste Gesellen. Sie sind von Natur aus vor einem alkoholbedingten Rausch gefeit. Verantwortlich für den rasanten Abbau des Alkohols ist ein spezielles Enzym. Deshalb können sich Seidenschwänze, Stare, Amseln oder Wacholderdrosseln im Spätherbst und Winter auch von den Früchten von Weißdorn und Heckenrose ernähren, die bis zu fünf Prozent Alkohol enthalten können. Andere Vögel, wie beispielsweise Hühner oder Enten, können da kaum mithalten. Sie würden bei übermäßigem Alkoholgenuss wohl tragisch enden.

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