Zwei Personen stehen mit einem Schutzanzug in einem Labor.
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Forscher entwickeln einen Impfstoff gegen das MERS-Coronavirus. (Symbolbild)

Forschung

WHO warnt vor MERS-Coronavirus: Es darf kein zweites Sars-CoV-2 werden

  • Alexander Gottschalk
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Mit dem tödlichen MERS-Coronavirus soll sich die Katastrophe nicht wiederholen: Keine zweite Pandemie. Deswegen entwickeln deutsche Forscher an einem Impfstoff.

Marburg – Die Abkürzung „Corona“ hat sich durch die Pandemie zum Synonym für das neuartige Sars-CoV-2-Virus entwickelt. Außerhalb des wissenschaftlichen Diskurses geriet beinahe in Vergessenheit, dass es sich bei dem Erreger nur um einen einzigen aus einer ganzen Familie von Coronaviren handelt, von denen sich glücklicherweise nur wenige an den Menschen angepasst haben. Einer dieser „Corona“-Verwandten ist das MERS-Coronavirus, dem Forscher bescheinigen, „potenziell zu einer überregionalen Gesundheitsgefahr“ werden zu können, wie es das Deutsche Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) formuliert.

Das „Middle East Respiratory Syndrome Coronavirus“, kurz MERS-CoV, wurde 2012 erstmals auf der arabischen Halbinsel nachgewiesen. Es überträgt sich von Dromedaren auf den Menschen und kann dann von Mensch zu Mensch weitergegeben werden. Letzteres ist jedoch vergleichsweise selten. Dem DZIF zufolge treten Krankheitsfälle schwerpunktmäßig in Saudi-Arabien auf, „wo die Überträger-Kamele zu den Haustieren gehören“. Weltweit gab es laut dem Robert Koch-Institut (RKI) bis dato mehr als 2400 bestätigte MERS-Infektionen in 27 Ländern, über 800 Betroffene starben an den Folgen der Erkrankung.

MERS-Coronavirus kann schwere Atemwegserkrankungen verursachen

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stuft das MERS-Coronavirus als „besonders gefährlich für die öffentliche Gesundheit“ ein. Es verursacht eine Atemwegserkrankung, die in bis zu 35 Prozent der Fälle tödlich endet. Ausreichend belegt ist diese Sterberate allerdings nicht. Die WHO glaubt, dass sie zu hoch angesetzt sein könnte, weil viele milde Krankheitsverläufe, die genauso wie asymptomatische Verläufe möglich sind, gar nicht entdeckt würden. Für gesunde Menschen verläuft eine Ansteckung laut RKI „in der Regel asymptomatisch oder mit milden grippeähnlichen Symptomen“.

Die Inkubationszeit von MERS-CoV-Infektionen liegt gewöhnlich bei ein bis zwei Wochen. Anzeichen einer Erkrankung sind Husten, Fieber und Kurzatmigkeit. Auch Magen-Darm-Beschwerden, wie Durchfall, kommen häufig vor. In schweren Fällen kann sich eine Lungenentzündung ausbilden. Nach aktuellen Erkenntnisstand ist das Coronavirus besonders für ältere, immungeschwächte und chronisch kranke Menschen gefährlich. Wer beispielsweise Diabetes oder eine Lungenvorerkrankung hat, dem empfiehlt die WHO, Kontakt mit Kamelen zu vermeiden und auf den Konsum von roher Milch oder Fleisch der Tiere zu verzichten.

Von Dromedaren springt das MERS-Coronavirus auf den Menschen über. (Symbolbild)

MERS-Coronavirus: Nur drei Krankheitsfälle in Deutschland

In Deutschland sind bislang drei MERS-CoV-Fälle nachgewiesen worden, der letzte 2015, wie das RKI berichtet. Als Reisende brachten die Betroffenen das Virus aus Katar, den Vereinigten Arabischen Emiraten bzw. von der arabische Halbinsel mit in die Bundesrepublik. Zwei der drei Patienten überlebten die Infektion nicht. Eine einzige Kontaktperson steckte sich erwiesenermaßen an, blieb aber ohne Atemsymptome. Überhaupt gab es in ganz Europa bislang fast nur einzelne importierte Fälle. Diese seien jedoch „jederzeit möglich und könnten, wenn sie nicht rechtzeitig erkannt werden, im Krankenhaus zu weiteren Ansteckungen führen“, schreibt das Berliner Institut.

Größere Infektionsgeschehen beobachteten die Forscher in der Vergangenheit vor allem im Gesundheitswesen. Beispielhaft dafür stehen mehrere Ausbrüche in Krankenhäusern in Saudi-Arabiens Hauptstadt Riad seit 2015. Für die „globale Risikoeinschätzung“ ist laut RKI wichtig, „dass es bislang keine Hinweise auf eine anhaltende, unkontrollierte Mensch-zu-Mensch-Übertragung gibt“. Die WHO listet das MERS-CoV dennoch als eine von einem guten Dutzend „Priority Diseases“, zu denen auch Covid-19 zählt. Für sie sollen die Erforschung und die Entwicklung von Medikamenten höchste Priorität haben. Genau an diesem Punkt setzen nun Wissenschaftler aus Deutschland an. Bislang existiere nämlich kein „wirksamer zugelassener Impfstoff und kein spezifisch wirkendes Medikament“, wie das DZIF mitteilt.

MERS-Coronavirus: Deutsche Forscher entwickeln Impfstoff gegen Erreger

Das DZIF und die Firma IDT Biologika arbeiten seit einigen Jahren gemeinsam an einem MERS-Corona-Impfstoff. Das Pharmaunternehmen aus Dessau-Roßlau produziert unter anderem die Vakzine von AstraZeneca und Johnson & Johnson, die gegen Sars-CoV-2 schützen, und tüftelt an einem hauseigenen Vakzin gegen das Pandemie-Virus. Für den Impfstoff, der dem Kampf gegen die auf der arabischen Halbinsel entdeckte Corona-Verwandtschaft dienen soll, entwickelte es laut einer Mitteilung „eine eigene Zelllinie und Technologie für die großtechnische Produktion“. Für den MERS-Corona-Impfstoff nutzt man demnach „den gleichen viralen Impfvektor“ wie beim hauseigenen Sars-CoV-Vakzin: nämlich MVA.

MVA steht für „Modifiziertes Vacciniavirus Ankara“. Hinter dem sperrigen Namen verbirgt sich ein „abgeschwächtes Virus, das bereits während der Impfkampagne zur Ausrottung der Pocken zum Einsatz kam und somit gut getestet“ ist, wie das DZIF schreibt. Auf ihm basiert der MERS-Corona-Impfstoff. In das Virus wurden Protein-Bestandteile des MERS-Coronavirus eingebaut. Dieser rekombinante, sogenannte vektorbasierte Impfstoff, wissenschaftlich kurz MVA-MERS-S genannt, soll die Abwehr gegen die MERS-Coronaviren ankurbeln. Entwickelt haben das Vakzin Forscher der Universitäten in Marburg und München.

MERS-Coronavirus: Vorbereitung auf Viren kann „nie früh genug“ sein

Unter der Leitung von Professor Stephan Becker von der Marburger Philipps-Universität sollen nun Tests stattfinden, die Erkenntnisse zu „Verträglichkeit und Sicherheit“ des MERS-Corona-Impfstoff und der Immunantwort bringen sollen. Die Frage soll lauten: „Werden ausreichend Antikörper und T-Zellen gebildet, um vor einer Infektion gegen das MERS-Coronavirus zu schützen und den Krankheitsverlauf zu bremsen?“ Um diese zu beantworten, beginnt nun eine internationale Phase-Ib-Studie mit 154 Probanden am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. In einer ersten Pilotstudie mit 23 Probanden habe sich der Impfstoff bereits „als gut verträglich erwiesen und eine anhaltende Bildung von Antikörpern ausgelöst“, teilt das DZIF mit. Gute Nachrichten, denn wie Studienleiterin und Professorin Marylyn Addo sagt: „Wenn wir etwas aus der gegenwärtigen Pandemie gelernt haben, ist es, dass wir uns nicht früh genug auf neu auftretende Viren vorbereiten können.“ (ag/pm)

Studienteilnehmer gesucht

Für die aktuelle MERS-Impfstudie werden in Hamburg noch gesunde Probanden gesucht. Teilnehmen können sowohl Frauen als auch Männer zwischen 18 und 55 Jahren. Die Studie wird am UKE in Zusammenarbeit mit dem Clinical Trial Center North durchgeführt und umfasst acht ambulante Visiten über einen Zeitraum von sieben Monaten. Eine Teilnahme für Personen, die bereits gegen SARS-COV-2 geimpft sind oder noch geimpft werden wollen, ist erlaubt. Interessierte melden sich unter: studienteilnahme@ctc-north.com

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