„Eher politischer Natur“

Corona: Streeck kritisiert Richtwerte - und plädiert für „testweise“ Gastro-Öffnung

  • vonKim Schreiber
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„Restaurants könnten mit guten Vorkehrungen sicherer sein als der häusliche Bereich“: Virologe Hendrik Streeck bricht eine Lanze für Lockerungen für die Branche.

  • Der Virologe Hendrik Streeck äußert Skepsis hinsichtlich der Orientierung an dem Schwellenwert 35.
  • In der Debatte um Corona-Lockerungen spricht er sich für eine probeweise Gastronomie-Öffnung aus.
  • In dem Zusammenhang empfiehlt Streeck eine Corona-Ampel.

Berlin - Die Lage bleibt kompliziert. Auf der einen Seite sinken die Infektionszahlen in Deutschland und die Hoffnung auf Lockerungen nimmt zu. Auf der anderen Seite verbreiten sich die Mutanten* deutschlandweit und geben Anlass zur Sorge. Während die Schulen in manchen Bundesländern bereits geöffnet wurden, können auch Friseure am 01. März wieder Kund:innen empfangen und von ersten Lockerungen profitieren.

Andere Branchen wie die der Gastronomie und des Einzelhandels verharren jedoch weiterhin in einem Lockdown* und das seit November 2020. Der Schritt von Bundesregierung und Bundesländern, den Grenzwert für die Sieben-Tage-Inzidenz*, unterhalb dessen Lockerungen möglich sein sollen, auf 35 zu senken, wird vielerorts kritisiert. Die davon abhängigen Lockerungen und Öffnungen vieler Betriebe wird dadurch noch erschwert.

Corona in Deutschland: Virologe Streeck für probeweise Öffnung von Restaurants aus

Der Virologe Hendrik Streeck hat sich nun dafür ausgesprochen, Restaurants probeweise aufzumachen: „ Man sollte jetzt testweise Restaurants öffnen und diverse Hygienemaßnahmen, von der Distanz zwischen Tischen über die Lüftung bis hin zur Kontaktverfolgung auf den Prüfstand stellen“ sagte Streeck dem Nachrichtenmagazin Focus. Streeck hatte sich schon häufiger kritisch gegenüber dem Fahrplan in der Pandemie-Bekämpfung Deutschlands geäußert. Auch jetzt betont er die „vorherrschende Tendenz, alles zu schließen“. Dabei könnten Restaurants mit guten Vorkehrungen sicherer sein als der häusliche Bereich“, so der Virologe.

Streeck: „Restaurants könnten mit guten Vorkehrungen sicherer sein als der häusliche Bereich“

Zudem steht Streeck der Tatsache, dass weitere Öffnungen von dem kürzlich neu festgelegten Schwellenwert von maximal 35 abhängig sind, kritisch gegenüber. „Das Problem an diesen Richtwerten ist, dass sie keine wissenschaftliche Grundlage haben, sondern eher politischer Natur sind“ sagt er.

Durch die neuen Mutationen des Corona-Virus* und deren schnelle Verbreitung in Deutschland* könnte das Erreichen von 35 oder niedrigeren Werten jedoch noch dauern und die Öffnung einzelner Betriebe weiter hinauszögern. Ein Wettlauf gegen die Zeit, den viele Betriebe nicht mehr lange mitmachen können.

Stühle und Tische stehen im Schnee vor dem Brandenburger Tor. Wegen der Corona-Pandemie bleiben viele Geschäfte und Gaststätten bis zum 7. März geschlossen.

Virologe Streeck empfiehlt eine Corona-Ampel als neue Herangehensweise

Angesichts der Notlage, in der sich viele vom Lockdown betroffene Branchen in Deutschland mittlerweile befinden, empfiehlt Streeck eine neue Herangehensweise. Anstelle des Kriteriums der Infektionsinzidenz könne man nach einer Corona-Ampel vorgehen.

Abhängig von der Belegung der Kliniken mit Covid-19-Patienten, der nach Altersklassen unterteilten Zahl von Neuansteckungen und dem Reproduktionsfaktor sollte sie jeweils auf Rot, Gelb oder Grün gestellt werden. Auf diese Weise könnten Restaurants öffnen und gegebenenfalls reagieren. Eine zeitnahe Öffnung wäre für viele Betriebe überlebensnotwendig. Vor allem, da die versprochenen Wirtschaftshilfen mancherorts weiterhin auf sich warten lassen.

Versprochene Wirtschaftshilfen lassen weiter auf sich warten-Insolvenzen drohen

Die Existenzängste in vielen betroffenen Branchen nehmen immer weiter zu und die Forderungen nach Lockerungen, besonders in Hinblick auf die sinkenden Infektionszahlen, werden lauter. Am 16. Februar hatte Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU*) zu einem Wirtschaftsgipfel geladen. Unter anderem wurde über mögliche Öffnungsperspektiven und Wirtschaftshilfen gesprochen. Erst genannte wurden nun wieder hinausgezögert, zweit genannte kommen seit Wochen nur schleppend an. Geld, das die weiter laufende Kosten der geschlossenen Betriebe decken soll, fehlt überall. Dafür hagelt es Kritik.

Altmaier gibt sich beschwichtigend und sprach nach dem Wirtschaftsgipfel davon, „die Probleme gelöst zu haben“. Die Problematik zahlreicher Betriebe, die vor dem finanziellen Ruin stehen, scheint er da kurz außer Acht gelassen zu haben. Streecks Vorschlag mit der Corona-Ampel könnte zumindest das Thema „Öffnungsperspektive“ neu ankurbeln. (ks/dpa) *Merkur.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks

Rubriklistenbild: © Kira Hofmann

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