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China ist der größte Klimasünder der Welt – und leidet selbst massiv unter dem Klimawandel

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Von: China.Table

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Im Juni war die Stadt Nanchang in Südchina von Hochwasser betroffen.
Im Juni war die Stadt Nanchang in Südchina von Hochwasser betroffen. © Wang Guohong/Xinhua/Imago

Überschwemmungen, Dürre, Erdrutsche: In China zeigt sich das ganze Ausmaß des Klimawandels. Doch die Regierung in Peking steuert gegen – mit teils überraschenden Ideen.

Peking – Im Nordosten 40 Grad Celsius und mehr. Starkregen und Überflutungen, die Autos und Häuser mitreißen, in Teilen Südchinas – auch in der Volksrepublik gab es jüngst Extremwetterereignisse. Es kam zu Erdrutschen infolge des Starkregens. Fünf Menschen starben, nachdem ihr Haus von den Fluten mitgerissen wurde. In der Provinz Henan mit fast 100 Millionen Einwohnern kletterten die Temperaturen für mehrere Tage auf teilweise über 40 Grad.

Die Volksrepublik China ist mittlerweile der größte Klimasünder und für gut 30 Prozent der globalen CO₂-Emissionen verantwortlich. Zugleich ist das Land ein großes Opfer des Klimawandels. China droht bis zu 20 Prozent seiner Ernten zu verlieren. Überflutungen gefährden die Infrastruktur, und Hitzewellen schlagen sich nicht nur auf die Gesundheit der Menschen nieder, sondern verringern auch ihre Arbeitsproduktivität.

Die Regierung sieht den Klimawandel als „großes Risiko für Chinas Modernisierung“ an, wie aus der neuen „Nationalen Strategie zur Anpassung an den Klimawandel 2035“ hervorgeht. Mit der Anpassung sollen Schäden und wirtschaftliche Kosten verringert werden. Denn selbst wenn die Weltgemeinschaft ihre Klimaziele erreicht, werden die Folgen des Klimawandels nicht sofort verschwinden und die Schäden durch den Klimawandel zunächst weiter zunehmen. Freigesetztes CO₂ bleibt lange Zeit in der Atmosphäre und schädigt das Klima über Jahrzehnte. Eine Anpassung an diese neuen Bedingungen zur Minderung der Schäden wird als wichtig angesehen.

China: „Schwammstädte“ sollen dem Klimawandel trotzen

Die Strategie für Klimaschutz in China enthält einen bunten Strauß an Maßnahmen. Aufgrund der hohen Urbanisierungsrate fällt ein großer Teil der Schäden des Klimawandels in den Städten an. Der Plan sieht den Ausbau weiterer sogenannter „Schwammstädte“ vor. Sie sollen in der Lage sein, extreme Regenfälle und Überflutungen besser zu bewältigen. Die Versiegelung der Städte durch Straßen und andere Infrastruktur soll ein Stück weit aufgebrochen werden.

Doch der Umbau der Städte in Schwammstädte wird durch finanzielle Probleme ausgebremst. Die 16 Städte, die in einem ersten Pilotprogramm zu Schwammstädten werden sollten, haben von der Zentralregierung lediglich zwei Milliarden Euro an Unterstützung erhalten – für einen wirksamen Umbau der Infrastruktur viel zu wenig. Die neue Klimastrategie erhält zwar auch Passagen zur besseren Finanzierung von Maßnahmen. Doch sie nennt keine Details zum Umfang der Finanzmittel. Auch mehr Parks und Gärten sollen in den Städten dafür sorgen, dass mehr Regenwasser aufgenommen werden kann und das städtische Klima verbessert wird.

Zudem will China die Infrastruktur an den Klimawandel anpassen. Dazu gehört ein vor Extremwetter besser geschütztes Stromnetz. Wie ernst der Klimawandel genommen wird, zeigt sich in der geplanten Anpassung der Baustandards. Gebäude sollen in Zukunft stärkere Winde aushalten, die Fundamente stabiler gebaut werden, um die Gebäude gegen Überflutungen zu sichern.

In der nordchinesischen „Schwammstadt“ Qian‘an sorgt ein spezieller Bodenbelag dafür, dass Wasser besser abfließen kann.
In der nordchinesischen „Schwammstadt“ Qian‘an sorgt ein spezieller Bodenbelag dafür, dass Wasser besser abfließen kann. © Mu Yu/Xinhua/Imago

China entwickelt hitzeresistente Pflanzen und Tierarten

Um die Nahrungsmittelversorgung in Zukunft sicherzustellen, will China an den Klimawandel angepasste Pflanzen und Tierarten entwickeln. Hitzewellen und Dürren bedrohen Chinas zukünftige Ernten sehr stark. Chinesische Forscher arbeiten deshalb an der Erforschung hitzeresistenter Arten. Beim Reis wurden erste Erfolge erzielt und zwei Gene gefunden, die die Ernten unter Hitzestress verbessern könnten. Die Forscher hoffen, diese Gene auch in andere Arten einpflanzen zu können. Daneben will die Regierung einen Aktionsplan vorlegen, um die Qualität der landwirtschaftlichen Böden zu verbessern. Durch den hohen Pestizideinsatz und die Verschmutzung durch industrielle Prozesse haben Chinas Böden in den letzten Jahrzehnten massiv gelitten.

Auch das Gesundheitssystem soll an den Klimawandel angepasst werden. Durch vermehrte und längere Hitzewellen sind besonders ältere Menschen stark vom Klimawandel betroffen. Die Regierung will prüfen, ob das Gesundheitssystem darauf eingestellt ist. Beispielsweise soll ein Frühwarnsystem für klimabedingte Krankheiten und Gesundheitsschäden aufgebaut werden.

Frühwarnsysteme sollen ebenso in anderen Bereichen die Schäden durch den Klimawandel möglichst minimieren. Unternehmen und Banken sollen ihre Klimarisiken möglichst bald offenlegen. Damit sollen Finanzkrisen verhindert werden. Investieren zu viele Unternehmen in fossile Sektoren, die in Zukunft keine Gewinne mehr abwerfen, würden die Banken und dann die Wirtschaft in Nöte geraten.

China: Unrealistische Ziele zu Klimavorhersagen

Auch im Bereich der Klima- und Wettervorhersagen strebt China Verbesserungen an. Große Wetterereignisse sollen einen Monat, globale Klimaanomalien sogar ein Jahr im Voraus zuverlässig vorhergesagt werden. Experten bezweifeln, dass detaillierte Vorhersagen für so große Zeiträume überhaupt möglich sind.

China hat schon 2013 eine Strategie zur Anpassung an den Klimawandel vorgelegt. Die jetzt veröffentlichte Strategie stellt den verantwortlichen Stellen kein gutes Zeugnis aus:

Li Shuo von Greenpeace Ostasien stimmt mit dieser Einschätzung überein. Die Anpassung sei ein schwieriges Thema, für das sich schwer politische Aufmerksamkeit und Finanzierungen gewinnen lassen. „China macht nur erste Schritte bei der Anpassung an den Klimawandel“, so Li. Nach der Erneuerung der Strategie bleibe abzuwarten, ob es der Zentralregierung gelingt, „alle regional Verantwortlichen und alle Sektoren für die Klimawandel-Anpassung zu mobilisieren“.

China: Finanzierung der Maßnahmen ist problematisch

Bisher haben die Regionen und einige verantwortliche Ministerien dem Thema noch nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt, sagt Patrick Verkooijen. „Wir arbeiten daran, die Anpassungspolitik und -steuerung auf nationaler und regionaler Ebene zu verbessern“, so der CEO der Organisation Global Center on Adaptation. Die Organisation ist internationaler Partner des chinesischen Umweltministeriums und wirkt an der Umsetzung der Anpassungsstrategie und der Entwicklung von Anpassungsstrategien auf Provinzebene mit.

Auch die Finanzierung ist problematisch. In der Vergangenheit hat die Zentralregierung kaum Haushaltsmittel zur Anpassung bereitgestellt. Zwar wurden Gelder für den Hochwasserschutz und die Dürrebekämpfung bewilligt, doch laut Experten reicht das angesichts der Schwere des Klimawandels nicht aus.

Von Nico Beckert

Nico Beckert ist seit Januar 2021 Redakteur für die Table.Media Professional Briefings. Seine Themenschwerpunkte sind die deutsch-chinesischen Beziehungen, Wirtschaft und Finanzen, die Neue Seidenstraße sowie chinesische Klimapolitik. Zuvor schrieb Beckert als freier Autor für den Tagesspiegel und den Freitag.

Dieser Artikel erschien am 4. Juli 2022 im Newsletter China.Table Professional Briefing – im Zuge einer Kooperation steht er nun auch den Lesern der IPPEN.MEDIA-Portale zur Verfügung.

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