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Drehtermin bei der Bundeswehr für die kontrovers diskutierte Youtube-Serie „Die Rekruten“.

Plakat-Werbung

„Gas, Wasser, Schießen“ - Bundeswehrplakat erreicht den Bundestag

Mit einer geschichtsvergessenen Kampagne wirbt die Bundeswehr um neues Personal. Das fällt der Armee im Netz auf die Füße.

Von Daniel Dillmann

Update 06. Juni 2019: Die Diskussion um das Bundeswehrplakat hat mittlerweile das Parlament erreicht. Der Bundestagsabgeordnete Karl Lauterbach (SPD) schaltete sich in die Debatte ein und kritisierte die Werbung als „dumm und peinlich“. 

Die Assoziation, die der Spruch mit „Gaskrieg“ wecke, sei unvermeidlich, sagte Lauterbach, der gelernter Mediziner ist und seit 2005 im Bundestag sitzt.

Bundeswehr wirbt mit „Gas, Wasser Schießen“ um Nachwuchs

Die Bundeswehr sucht dringend neue Rekruten. Seit Abschaffung der Wehrpflicht leidet die deutsche Armee unter Personalmangel. Um Abhilfe zu schaffen, hat Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen in den vergangenen Jahren zahlreiche Werbekampagnen starten lassen, ob als Plakatwerbungen, in Form von Youtube-Kanälen oder Kampagnen auf Social Media. Die Stoßrichtung ist eindeutig: Junge Leute sollen dort erreicht werden, wo sie sich in Mehrzahl rumtreiben: auf der Straße und im Internet.

Das hat sich die Armee in der Vergangenheit so einiges kosten lassen. Rund 12,5 Millionen Euro hat die Bundeswehr für die Werbekampagne „Mach, was wirklich zählt“ laut FR-Informationen allein in einem Jahr ausgegeben. Darunter fallen auch besagte Social Media Kanäle, in denen die Bundeswehr lautstark für eine berufliche Karriere bei der Armee wirbt.

Gamescom-Werbung der Bundeswehr löste bereits Kritik aus

Für die markigen Sprüche und grenzwertigen Werbemaßnahmen gerieten die Macher der Kampagne in der Vergangenheit bereits mehrfach in die Kritik. So zuletzt vor gut einem Jahr, als sie während der Spielemesse „Gamescom“ mit Begriffen aus der Spielewelt suggerierte, Kampfeinsätze seien mit Videospielen vergleichbar.

Nun hat ein Plakat erneut für Kritik im Internet gesorgt, besonders auf Twitter. Ebenfalls als Teil der Kampagne „Mach, was wirklich zählt“ steht da zu lesen: „Gas, Wasser, schießen. Handwerker (M/W/D) gesucht.“ Das ganze auf Tarnfarben gehalten und mit dem Slogan der Kampagne versehen.

Die Armee wollte mit dem Spruch wohl an das beflügelte Wort erinnern, das gemeinhin in Zusammenhang mit dem beruflichen Tätigkeitsfeld von Klempnern verwendet wird. Doch die Assoziation, die von der Twitter-Gemeinde gezogen wurde, war eine gänzlich andere. „Skandalös-geschichtsvergessen“ sei das Plakat, auf dem deutsche Soldaten mit dem Begriff „Gas“ in Zusammenhang gebracht werden. 

Vorwurf an die Bundeswehr: „Geschichtsvergessen“

Das deutsche Heer hatte im Ersten Weltkrieg bereits zu Kriegsbeginn 1914 Pläne zum Gaseinsatz an der Front entwickelt. Spätestens seit Januar 1915 wurde vor allem tödliches Chlorgas auf feindliche Truppen geschossen. Über 100.000 Soldaten starben aufgrund der Gasangriffe im Ersten Weltkrieg, über eine Millionen weitere erlitten schwere Verletzungen.

Im Zweiten Weltkrieg wurde Gas von deutschen Truppen an der Front nicht mehr eingesetzt, doch spielte der tödliche Kampfstoff an anderer Stelle eine entscheidende Rolle: beim Holocaust und der systematischen Vernichtung menschlichen Lebens durch die Nationalsozialisten. Fünf bis sechs Millionen Menschen starben in den Gaskammern der Nazis durch den Einsatz von Zyklon B.

Männlich, Weiblich oder Divers

Doch all das scheinen die Werbemacher der Bundeswehr nicht gestört oder schlichtweg vergessen zu haben, als sie „in einem militärischen Umfeld mit dem Wort „Gas“ zu operieren“ gedachten, wie ein User auf Twitter schreibt. 

Da nutzt es auch nicht viel mehr, dass die Macher der Kampagne in die Stellenanzeige „M/W/D“ aufgenommen hatten, was für „Männlich/Weiblich/Divers“ steht und wohl die Offenheit der Armee auch für Angehörige des dritten Geschlechts verdeutlichen soll. Das ist löblich, ersetzt aber auf keinen Fall das Geschichtsbewusstsein.

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