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Archäologen finden Pavianschädel, der auf ein 3.300 Jahre altes Königreich hindeutet

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Von: Ines Alberti

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Ein 3300 Jahre alter Pavianschädel, der aus Punt stammen soll.
Ein 3300 Jahre alter Pavianschädel, der aus Punt stammen soll. © The Trustees of the British Museum

Ein sagenumwobenes Königreich, von dem niemand weiß, wo es war - dieses Problem beschäftigt die Wissenschaft im Fall von „Punt“. Paviane sollen zur Lösung des Rätsels beitragen.

Alte ägyptische Legenden erzählen von einem magischen Ort, an dem es allerhand Raritäten und Reichtümer wie Weihrauch, Myrre und Gold gibt. „Punt“ wurde der Ort genannt - in Hieroglyphen „Pwnt“ -, der als so sagenumwoben galt, dass die Ägypter ihm auch den Namen „Ta netjer“ gaben, was so viel wie „Land der Götter“ bedeutet. Doch wo genau Punt lag, wissen wir heute nicht - lediglich, dass es tatsächlich existiert hat. Von der 5. Dynastie im 25. Jahrhundert v.Chr. bis in der 20. Dynastie entsandten die Pharaonen Ägyptens immer wieder Handelsexpeditionen, schreibt die Archäologin und Wissenschaftsjournailstin Angelika Franz auf dem Portal wissenschaft.de.

Ein 3.300 Jahre alter Pavianschädel hat die Wissenschaft in dieser Frage nun einen Schritt weiter gebracht. Die alten Ägypter verehrten Mantelpaviane und verstanden sie als Inkarnation Thoths, des Gottes der Weisheit und des Mondes. Außerdem galt der Pavian als Berater der Sonnengottes Ra. Die Affen finden sich in vielen Bildern wieder, sie wurden geschützt und nach ihrem Tod sogar mumifiziert.

Legende von Punt: Was haben Mantelpaviane in Ägypten zu suchen?

„Trotzdem ist der Pavian eine seltsame Wahl“, schreibt der Evolutionsbiologe und Anthropologe Nathaniel Dominy, der den Pavianschädel untersucht hat. „Zum einen würden die meisten Menschen, die auf Paviane treffen, sie als gefährliche Schädlinge betrachten“, denn die Tiere gehen gern auf Raubzüge in Städten* oder auf Feldern und vermiesen Bauern so die Ernte. „Zum anderen ist es das einzige Tier in der ägyptischen Götterwelt, das nicht in Ägypten heimisch ist“, führt Dominy in der Wissenschaftszeitschrift Scientific American aus. Und das, obwohl die Ägypter auch den Anubispavian importierten. Diese Art genoss kein vergleichbares Ansehen.

Aufschluss über diese Selektion könnten die Verbreitungsgebiete der Arten geben. Während der Anubispavian in weiten Teilen des mittleren Afrikas angesiedelt war und ist, zählen die heutigen Länder Sudan, Eritrea, Äthiopien, Somalia sowie die Arabische Halbinsel zum Lebensraum der Mantelpaviane. Das Gebiet, in dem auch das sagenumwobene Punt vermutet wird.

Mantelpavian
Mantelpaviane wie im Bild importierten die alten Ägypter offenbar aus einer südlichen Region am Roten Meer. © Morales/Imago

Mit ihrer Forschung wollen Dominy und seine Kollegen einerseits das Rätsel lösen, wie die Mantelpaviane zu ihrem Ruhm kamen und zum anderen klären, wie sie überhaupt nach Ägypten kamen. „Faszinierenderweise beleuchten unsere Einblicke in die Beschaffung heiliger Paviane ein weiteres bleibendes Rätsel: den wahrscheinlichen Standort des sagenumwobenen Königreichs Punt.“

Verehrung von Pavianen in Ägypten gibt Rätsel auf

Schon im 20. Jahrhundert versuchten Wissenschaftler eine Erklärung dafür zu finden, was die Mantelpaviane mit dem Sonnengott zu tun hatten. Eine Theorie: Die Tiere wurden beim morgendlichen Sonnenbaden beobachtet, was Menschen zu damaliger Zeit womöglich als Begrüßung der Sonne interpretierten. Demnach könnten die Menschen vermutet haben, die Paviane seien heilig, weil sie mit dem Sonnengott kommunizierten. Das wirft jedoch die Fragen auf, ob diese Spezies tatsächlich der Morgensonne besondere Aufmerksamkeit schenkt und ob dieses Verhalten eine Eigenheit dieser Art ist.

Anmerkung der Redaktion

Dieser Artikel wurde ursprünglich am 97.12.2021 veröffentlicht. Da er für unsere Leserinnen und Leser noch immer Relevanz besitzt, haben wir ihn erneut auf Facebook gepostet.

Und tatsächlich: In den vergangenen Jahren fanden Wissenschaftler heraus, dass die Intensität des morgendlichen Sonnenbadens mit dem Lebensraum und der Ernährung der Tiere zu tun hat. Mantelpaviane scheinen dies mehr zu benötigen als etwa die Anubispaviane. Die Analyse von Dominy und Kollegen untermaure daher die Annahme, „dass Ägypter die Mantelpaviane beim ‚Begrüßen der Sonnenscheibe‘ beobachteten.“ Das könne auch erklären, weshalb die Ägypter für ihre Gottesdarstellungen den Mantelpavian und nicht den Anubispavian wählten: „Vielleicht hat ihre Ernährungsökologie morgendliche Verhalten hervorgerufen, die stärker zu ihren religiösen Überzeugungen passten.“

Verehrung von Pavianen in Ägypten: Kamen sie aus dem „Goldland“ Punt?

So viel also zu der Verehrung aufgrund einer möglichen Sonnenaffinität. Der Ägyptologieprofessor Salima Ikram vertritt zudem die Annahme, dass die Mantelpaviane als besondere Haustiere gehalten wurden. Dass sie in royalen Gräbern vorkommen und mit großer Sorgfalt und Qualität mumifiziert wurden, deute darauf hin, dass sie womöglich als exotische Statussymbole galten. Nur die Wohlhabendsten konnten sich das wohl leisten. Die Forscher um Nathaniel Dominy wollen daher herausfinden, woher genau die Affen kamen, und nachvollziehen wie viel Aufwand die Ägypter betrieben, um an die Tiere heranzukommen.

mumifizierter Pavian
Ein mumifizierter Pavian, der im Tempel des Chons im ägyptischen Luxor gefunden wurde. © Trustees of the British Museum

Stammten die importierten Mantelpaviane wirklich aus dem gelobten Land Punt? Um das herauszufinden, untersuchen die Forscher die Zusammensetzung des Gewebes der Mumien. Dafür schauen sie sich die Strontiumkonzentration in den Zähnen der Tiere an. Strontium ist ein Element, das über Wasser und Pflanzen aufgenommen wird. Die Konzentrationen sind je nach Aufenthaltsort unterschiedlich, wodurch ermittelt werden kann, wo sich das Tier in seinen frühen Lebensjahren aufgehalten haben muss.

Forscher: Herkunft der Paviane stimmt mit Punt-Vermutung überein

Die Forscher glichen den Gehalt des Strontiums mit anderen in ganz Afrika verteilt lebenden Arten ab und kamen in einer Studie vom Dezember 2020 zu dem Schluss, dass die mumifizierten Paviane außerhalb Ägyptens in einer Region südlich am Roten Meer geboren sein müssen - das umfasst die heutigen Länder Äthiopien, Eritrea, Somalia und Dschibuti. Diese Gegend wird von Historikern auch als potenzielles Gebiet von Punt beschrieben. „Eine große Stärke unseres Ergebnisses ist, dass es Punt in die natürliche Verbreitung der Mantelpaviane eingeordnet wird“, schreibt Dominy.

Zwar müsse das morgendliche Verhalten der Affen und weitere Aspekte weiter untersucht werden. Jedoch hält Anthropologe Dominy fest: „Man fragt sich, was die puntitischen Händler von der Pavianbesessenheit der Ägypter hielten. Es ist verlockend zu spekulieren, dass sie nur zu eifrig einen lokalen Schädling gegen ägyptische Handelswaren eintauschen wollten. Aber dieser kulturellen Eigenart verdanken wir die Beleuchtung einer der wichtigsten Handelsrouten der Menschheitsgeschichte.“ (ial) *fr.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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