Corona-Ausbrüche durch Superspreader

Zu oft verharmlost? 240 Forscher warnen dringlichst vor Gefahr durch Aerosole

  • Momir Takac
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Experten raten, die Gefahr einer Coronavirus-Infektion durch Aerosole in der Luft nicht zu unterschätzen. Geltende Empfehlungen will die WHO vorerst aber nicht ändern.

Update vom 9. Juli 2020, 15.26 Uhr: Weiterhin sorgt das Thema rund um die sogenannten Aerosole, die die Ausbreitung des Coronavirus wohl begünstigt haben, für Aufmerksamkeit und Diskussionen. Wie Virologe Professor Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin gegenüber der „Bild“-Zeitung (Artikel hinter Bezahlschranke) erklärte, seien Tröpfchen und Aerosole Flüssigkeitsmengen, die Menschen beim Sprechen, Singen, Niesen oder Husten produzieren. „Der Unterschied zwischen ihnen ist, dass Tröpfchen größer und schwerer sind und wie eine Art Regen zu Boden fallen. Aerosole sind kleiner und leichter und bleiben wie unsichtbare Wolken länger in der Luft schweben.“

Die Lebensdauer der Aerosole in der Luft bleibt weiterhin eine Forschungsfrage. Sprechen Forscher aus den USA von 14 Minuten, vermuten andere, dass sich Aerosole in geschlossenen Räumen über einige Stunden in der Luft halten können. Experten warnten vor der Gefahr die Ausbreitung des Coronavirus durch Aerosole zu unterschätzen. „Masken“, so Virologe Schmidt-Chanasit, „schützen nicht immer ausreichend vor Aerosolen.“ So können langlebige Partikel beispielsweise an Mund und Nase gelangen, wenn eine Maske nicht eng am Gesicht sitzt.

Während die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Bedeutung der Aerosole hinsichtlich des Coronavirus verharmloste und auch auf die Warnung von über 240 Experten (wir berichteten, siehe Erstmeldung) zurückhaltend reagierte, schien sie nun die Meinung zu ändern. Auf einer Pressekonferenz am Dienstag forderte WHO-Experten Benedetta Allegranzi einem Bericht der „Bild“-Zeitung zufolge sprach sie von möglichen Beweisen und forderte die Mitgliedstaaten auf, offen für Erkenntnisse hinsichtlich der Aerosole und für Vorsichtsmaßnahmen, die dadurch getroffen werden müssten, zu sein. Dennoch sagte sie auch, dass man behutsam vorgehen müsse, bevor man Schlüsse ziehen könne.

Coronavirus: Luftfilter soll Coronavirus zu 99,8 Prozent abtöten

Indes haben US-Forscher scheinbar einen Luftfilter entwickelt, der das Coronavirus zu 99,8 Prozent abtöten kann, wie "Focus Online" berichtet. Der Filter besteht aus einem elektrisch auf 200 Grad erhitzten Nickelschau. Den Forscher zufolge kann dieser in gängige Klimaanlagen und Belüftungen integriert werden und das Ansteckungsrisiko durch virenhaltige Aerosole senken. „Der Filter könnte in Bürogebäuden, Schulen und auf Kreuzfahrtschiffen nützlich sein, aber auch in Flugzeugen oder auf Flughäfen“, sagen die Wissenschaftler. Auch soll es möglich sein den Filter in größeren Mengen zu produzieren.

Erstmeldung vom 8. Juli:

München/Genf - Seit dem Ausbruch des Coronavirus* streiten Forscher auf der ganzen Welt darüber, ob sich kleinste flüssige Schwebeteilchen, Aerosole genannt, länger in der Luft halten und somit eine Ansteckung mit dem gefährlichen Virus begünstigen. Die einen sagen ja, andere waren eher der Meinung, dass sie nach dem Ausstoß durch Niesen oder Husten zügig zu Boden fallen und damit hinsichtlich einer Übertragung ein kleineres Risiko darstellen.

Doch jetzt gibt es neue Daten und Erkenntnisse. Am Montag erschien in der Fachzeitschrift "Clinical Infectious Diseases" ein Artikel, worin 239 internationale Wissenschaftler davor warnten, dass sich das Coronavirus über "kleine bis mittlere Distanzen" in der Luft übertragen könne. Möglich seien Entfernungen von "mehreren Metern bis zur Größe eines Raums". Zwar nannten Forscher darin Händewaschen und Abstandsregeln „angemessene“ Maßnahmen*, für einen ausreichenden Schutz vor Mikrotröpfchen seien sie allerdings unzureichend.

Corona-Infektion durch Aerosole: Experten warnen vor Verharmlosung

Gesundheitsbehörden wie der Weltgesundheitsbehörde (WHO) warfen die Experten zudem vor, die Gefahr durch Aerosole in der Luft zu vernachlässigen. Expertin Linsey Marr sagte der New York Times, Masken* und Belüftung seien genauso wichtig wie Händewaschen, wenn nicht sogar wichtiger. Ein hohes Risiko gehe von vollen, schlecht gelüfteten Räumen aus, worin Menschen sich lange aufhielten. Studien ließen daran kaum Zweifel.

Die Übertragung über Aerosole sei die einzige Erklärung für mehrere Superspreading-Ausbrüche, bei denen einzelne Infizierte viele Menschen ansteckten. Diese Superspreading-Ereignisse, wie etwa vermeintlich geschehen beim Fleischfabrikanten Tönnies in Gütersloh, passierten trotz Einhaltung der Hygieneregeln, die eine Ansteckung durch größere Tröpfchen oder im direkten Kontakt verhindern sollten.

Übertragung durch Aerosole: WHO reagiert zurückhaltend auf Vorstoß

Die WHO reagierte inzwischen auf den Appell der Experten. Sie sehe zwar zunehmende Indizien für eine Übertragung* des Coronavirus auch über mehrere Meter hinweg in der Luft. Man sei aufgeschlossen gegenüber neuen Datenlagen in diesem Feld, müsse aber sehr behutsam vorgehen, bevor sie Schlüsse ziehe, sagte die WHO-Expertin Benedetta Allegranzi auf einer Pressekonferenz am Dienstagabend in Genf.

Bestehende Empfehlungen wie Schutzmasken und Abstand wolle die Weltgesundheitsorganisation nicht ändern. Laut der WHO-Chefwissenschaftlerin Soumya Swaminathan sichte man täglich im Schnitt 500 Publikationen unterschiedlicher Qualität. (mt/dpa/afp) *merkur.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

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