21. Dezember 2017, 00:00 Uhr

Streifzug-Jahresrückblick

Zeit zum Träumen

Europa bewegt sich zwischen rückwärtsgewandten Nationalisten und einem neuen Aufbruch. Was daraus wird, wer am Ende die Oberhand behält, das bleibt erst mal offen. Fakt ist: Es hätte alles viel schlimmer kommen können.
21. Dezember 2017, 00:00 Uhr

»Jedesmal, wenn ich die Deutschen über Europa reden höre, habe ich Lust zu weinen. Was gibt es Traurigeres als eine deutsche Rede über Europa? Es gibt darin nichts, was zum Träumen anregte.« Das hat eine Frau gesagt, eine, die drei französischen Präsidenten und einem deutschen Kanzler diente. Ihr Name ist Brigitte Sauzay. Sie ist im Alter von 56 Jahren gestorben, und kaum jemand erinnert sich heute noch an sie. Sie war eine kluge Frau, sie hat mit Kopf und Herz für Europa gestritten, und sie hat recht: Wenn in Deutschland heute über die EU oder Europa gesprochen wird, dann geht es um Bürokratie, um Grenzen, um Handel, den Brexit, den Euro, um Gurken und Tomaten. Die Zeiten, in denen sich deutsche Politiker mit Worten für die Ewigkeit für Europa einsetzten, sind vorbei. Wann hat zuletzt jemand so etwas Schönes über Europa gesagt wie Hans-Dietrich Genscher vor elf Jahren? »Das Europa von heute hat eine Botschaft. Das ist das Europa der gleichen Würde der Menschen, der Völker, der Gerechtigkeit, Freiheit, Demokratie.« Heute traut sich offenbar kein Politiker mehr, über seinen Traum von Europa zu sprechen.

Dabei gibt es doch viele Träume – und so viel Schönes zu sagen: Über Frieden und Freiheit, über Tugenden und Werte, über den Wald bei Verdun, die innerdeutsche Grenze, über Wohlstand und Chancen, über junge Menschen, die vom Nordkap nach Sizilien reisen und sich ihren eigenen Traum erfüllen. Was wir heute vor allem haben, wenn es um Europa geht, sind Hass, Diskriminierung, Anfeindungen. Nationalisten und Populisten haben Zulauf.
 

+++ Hier finden Sie alle bisher erschienenen Teile des Streifzug-Jahresrückblicks +++


Ist Europa also out, von gestern, nicht mehr zeitgemäß? Wenn man der Google-Hitliste des Jahres 2017 glauben darf, dann suchen die Menschen nicht einmal mehr im Internet danach. Unter den Top-Begriffen finden sich die WM-Auslosung, die Bundestagswahl, der Wahl-O-Mat, das Iphone 8 (warum eigentlich nicht gleich das iPhone X?) und das Dschungelcamp. Kann ja sein, dass die Menschen in Deutschland alles über Europa wissen, was man wissen muss. Aber vielleicht ist es auch ganz anders, nämlich, dass Europa vielen nicht mehr wichtig ist. Und wenn man sich Reden auf den Parteitagen der AfD, der österreichischen FPÖ, des französischen Front National und der niederländischen Wilders-Partei anhört, dann ist Europa das Schlimmste, was der Menschheit passieren konnte.

Die Briten wollen raus aus der EU, Separatisten in Katalonien wollen sich selbstständig machen. Was Mut macht: Nicht die Nationalisten haben in den genannten Ländern triumphiert. Die Rechten sind zwar nach wie vor stark, die Wahlen haben aber andere gewonnen: Vor allem liberale, weltoffene, der EU freundlich gesinnte Politiker. Bestes Beispiel: Emmanuel Macron in Frankreich. Er ist die große Hoffnung der Befürworter einer starken EU. Europa geht es am Ende des Jahres besser als befürchtet. Aber eine Euphorie ist das noch lange nicht. Es müssten vielleicht viel mehr Menschen ihren Traum von Europa erzählen. bb

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