02. April 2018, 16:00 Uhr

Gießener Köpfe 2018

Gießener Köpfe: Tam Herring im Porträt

Tam Herring ist eine vielseitige Frau. Nach ihrem geisteswissenschaftlichen Studium wurde sie Damenschneiderin. Außerdem hat sie sich in der Frankfurter Hip-Hop-Szene einen Namen gemacht.
02. April 2018, 16:00 Uhr
Gießener Köpfe 2018: Tam Herring (Foto: Schepp)

Gießener Köpfe

Ein Bild. Zwei Themen. Zehn Fragen. Die Gießener Köpfe sind eine Gemeinschaftsproduktion des Streifzug Gießen und der Gießener Allgemeinen Zeitung.

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Im Interview spricht die 48-jährige Tam Herring über ihre bunte Biografie, ihre Freude am Upcyclen von alten Klamotten und warum sie früher mit Moses Pelham in Radlerhosen und Leggins in Frankfurt gechillt hat.

MODE

Frau Herring, Sie haben zunächst Germanistik, Religionswissenschaften und Ethnologie studiert. Wie sind Sie dann Schneiderin geworden?
Ich habe neben Schule und Studium fünf Jahre lang in einem Nähladen gearbeitet. Ich habe dann schnell gemerkt, dass mich dieses Handwerk sehr reizt – über eine Nebenbeschäftigung hinaus.

Gibt es Aufträge, die Ihnen besonders viel Spaß machen?
Brautmode ist ein tolles Thema. Das Ergebnis zu sehen, ist schon erhebend. Aber Weißnäherei ist auch hohes Niveau. Darüber hinaus macht es Spaß, Kindheitsträume zu erfüllen. Ein Kunde, der schon als Kind ein Fan von Winnetou war, hat mich gebeten, ihm ein Winnetou-Kostüm zu nähen. Wir haben dann zusammen die Filme geschaut, um alles möglichst detailgetreu zu machen. Er fährt jetzt mit dem Kostüm zu Winnetou-Conventions und hat den dritten Preis bei einem Kostümwettbewerb gewonnen. Natürlich flicke ich auch gerne einfach mal eine Jeans, das hat für mich fast etwas Meditatives.

Die Leute müssen lernen, dass man Klamotten nicht einfach in den Müll schmeißt

Tam Herring

Sie bezeichnen sich selbst als »Jeanshealer«. Was heißt das?
Die Leute bringen ihre alten Kleider bei mir vorbei, damit ich sie repariere oder die Sachen dann upcyceln kann. Nur sechs Prozent aller Altkleider werden ordentlich entsorgt. Die Leute müssen lernen, dass man Klamotten nicht einfach in den Müll schmeißt. Ich gebe im Jugendbildungswerk und beim Ferienkarussell Kurse für Kinder und Jugendliche. Sie sehen dann, wie viel Zeit und Arbeit in den Sachen steckt. Früher war es normal, dass Kleidung geflickt oder an die Geschwister weitergegeben wurde. Heute heißt es dann gleich man wäre arm. Die Menschen legen heute nicht mehr viel Wert auf Nachhaltigkeit. Ich möchte dafür wieder ein Bewusstsein schaffen.

Wie gestalten Sie Ihre ungewöhnlichen Modenschauen?
Meine Kunden präsentieren die Sachen. Es haben immer viele Lust mitzumachen. Zur Eröffnung in der Weidengasse hatte ich mir für die Show das Thema »Märchenland« ausgedacht. Dazu habe ich mir dann eine Story überlegt. Wir haben mit den einfachsten Mitteln ein Dornröschen, ein Aschenputtel und so weiter ausgestattet. Die Leute waren begeistert.

Sie arbeiten im Stadttheater und sind gleichzeitig Ihr eigener Chef. Haben Sie noch Ziele für Ihre berufliche Zukunft?
Mein großer Traum wäre es, eine soziale Manufaktur zu gründen, wie Sina Trinkwalder. Sie produziert regional und nachhaltig und stellt Menschen ein, die auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt sind. Ich würde gerne das Pendant dazu schaffen, nur mit Flüchtlingen.

 

MUSIK

Sie haben eine Leidenschaft von der nur wenige Menschen wissen: Texten von Musik oder Geschichten. Was hat es damit auf sich?
Mein Studium ging ja in diese Richtung und das hat mich nicht losgelassen. Die Leute bekommen das manchmal bei meinen Modenschauen mit, wenn ich eine Story dafür texte, die ich dann während der Show erzähle, aber dass ich das auch auf einem professionelleren Niveau mache, wissen die wenigsten.

Sie haben früher selbst Musik gemacht. Wie kamen Sie dazu?
Viele Leute wissen das nicht, aber ich war mal mit einem Popstar, dem Echo-Gewinner A.K. - SWIFT, verheiratet und habe zwei Kinder mit ihm. Ich bin damals bei der ersten Rock-Messe im Rahmen der Frankfurter Pop-Messe aufgetreten. Wir gehörten zu den wenigen Hip-Hop-Frauen in Frankfurt. Ich habe früher mit Moses Pelham in Radlerhosen und Leggins vor der Frankfurter Oper gechillt. Er war ein Homie von mir.

Eigentlich habe ich mir für meine Kinder alles gewünscht, nur nicht das Showgeschäft

Tam Herring

Ihr Sohn macht unter dem Künstlernamen Sharif Blaqsoul auch Musik. Unterstützten Sie ihn dabei?
Eigentlich habe ich mir für meine Kinder alles gewünscht, nur nicht das Showgeschäft. Aber er wollte das so unbedingt, deswegen unterstütze ich ihn. Wir sitzen manchmal zusammen, viben und texten oder ich mache ihm Vorschläge, die er dann verarbeitet. Auf seinem ersten Album habe ich mehrere Lieder mitgeschrieben, eins komplett. Es handelt von einem Konflikt zwischen ihm und seiner Gesangslehrerin, Neivi Martinez, die das Lied später auch mit ihm eingesungen hat. Das Lied ist als Bonus-Track auf dem Album, es heißt »Hold on«.

Wo sehen Sie die Verbindung zwischen Musik und Mode?
Wer das fragt, hat von beidem keine Ahnung. Die beiden sind für mich gar nicht voneinander trennbar. Die beiden Themen spiegeln und ergänzen sich gegenseitig. Das beste Beispiel ist für mich Jean Paul Gaultier. Er wäre nicht so schnell berühmt geworden, hätte Madonna nicht seine Spitz-BHs getragen.

Spielt Musik bei Ihren Modenschauen eine Rolle?
Bei allen meinen Shows läuft Musik. Ein Kumpel von mir wollte mal unbedingt bei meiner »Reise nach Atlantis«-Show mitmachen, aber wollte nicht erkannt werden. Ich habe deshalb von einem anderen Kumpel eine Gasmaske ausgeliehen. Wir haben ihm dazu noch einen Ledermantel und gelbe Gummihandschuhe angezogen und ihm einen gelben Staubsauger in die Hand gedrückt. Dazu habe ich dann Queens »I want to break free« gespielt. Das war angelehnt an das Musikvideo zu dem Song, wo Freddy Mercury in Frauenkleidern das Haus putzt. Die Leute sind von ihren Stühlen gefallen vor Lachen, weil jeder es verstanden hat. Musik unterstreicht das Geschehen und die Kleidung auf dem Laufsteg.

Info

Die Serie Gießener Köpfe

Den kenne ich doch irgendwoher?, werden Sie vielleicht über unseren Interviewpartner denken. Gut möglich, denn diese Gießener Köpfe prägen das Stadtbild, die lokale Kulturszene oder die Bildungslandschaft. Unser Fotograf Oliver Schepp hat acht Gießenerinnen und Gießener ins Rampenlicht gerückt. Und die jungen Journalistinnen und Journalisten vom GAZ-Magazin Streifzug haben mit ihnen über zwei oft ganz unterschiedliche Themen geplaudert. Alle Interviews mit großen Portätfotos gibt's in der Streifzug Sonderausgabe April 2018 an allen bekannten Vergabestellen und in unserer Geschäftsstelle in der Marburger Straße 20.

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