28. März 2018, 17:43 Uhr

Gießener Köpfe 2018

Gießener Köpfe: Minke Bach im Porträt

Minke Bach ist Clown-Doktorin. Das klingt erst einmal nach einem heiteren Job - ist es aber nicht. Sie kommt, wenn bei anderen die Tränen das Lachen zu besiegen scheinen. Dabei hilft ihr ihre Art - und ihre Familie.
28. März 2018, 17:43 Uhr
Gießener Köpfe 2018: Mike Bach aka. Dr. Karamella (Foto: Schepp)

Gießener Köpfe

Ein Bild. Zwei Themen. Zehn Fragen. Die Gießener Köpfe sind eine Gemeinschaftsproduktion des Streifzug Gießen und der Gießener Allgemeinen Zeitung.

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Sie muss fröhlich und witzig sein, wenn gar nichts mehr zum Lachen ist. Minke Bach ist Dr. Karamella, die Clown-Doktorin. Sie besucht Menschen, die im Krankenhaus liegen, um sie aufzuheitern. Aber das alleine reicht nicht, sagt sie im Interview. Es gehört noch viel mehr dazu, anderen Menschen ein Trost zu sein.

 

LACHEN

Wie bringen Sie Kinder zum Lachen, denen eigentlich zum Heulen zumute ist?
Wir wollen Kinder, die von Krankheit und Angst umgeben sind, auf andere Gedanken bringen. Es geht dabei nicht nur ums Lachen. Erst mal betreten wir das Zimmer nur, wenn die Kinder das auch erlauben. Dann machen wir zum Beispiel Musik, spielen und reden mit den Kindern oder hören ihnen einfach nur zu. Natürlich machen wir auch Späße. Dabei gehen wir aber immer primär auf die Situation und die Stimmungslage der Patienten ein. Irgendetwas, dass nichts mit der Krankheit zu tun hat, blitzt bei den Kindern immer auf, darauf reagieren wir dann. Das erfordert viel Feingefühl. Wir bereiten uns auch vor, kennen zum Beispiel die Diagnose der Kinder und wissen, welche Untersuchungen oder Behandlungen anstehen. Wir unterliegen auch einer Schweigepflicht.

Womit punkten Sie bei den Kindern am verlässlichsten?
Wenn wir die Tür einen Spalt öffnen und Seifenblasen in das Zimmer fliegen lassen: Das bricht fast immer das Eis. Wir machen auch oft Musik, singen oder rappen auch schon mal. Und Musik weckt Emotionen, manchmal laufen dann auch ein paar Tränen, meistens bei den Eltern. Für die Umarmungen, die es in diesen Fällen braucht, sind auch wir zuständig.

Sind Clowns für viele Kinder nicht abschreckend?
Das hat in den letzten Monaten tatsächlich zugenommen. Bei älteren Kindern hat das auch mit der Verfilmung von Stephen Kings »Es« zu tun. Aber für die Patienten sind wir zuerst einmal Fremde. Das Vertrauen müssen wir uns erarbeiten.

Das Kostüm, die Maske und die Clownsnase sind als Schutz wichtig: Damit schlüpfe ich in die Figur der Dr. Karamella

Minke Bach

Wozu dient das Clown-Kostüm?
Als Dr. Karamella schlüpfe ich in die Rolle des unbekümmerten und staunenden Clowns – als wüsste ich nicht, wie schlimm alles sein kann. Vor zehn Jahren habe ich im Gießener Kinderherzzentrum regelmäßig ein kleines Mädchen besucht, das mehr als ein Jahr lang auf ein Herz gewartet hat. Heute ist das Mädchen 18, eine junge Frau. Zur Nachbehandlung in der Klinik wählt sie als Termin immer nur Dienstag und Donnerstag – weil sie weiß, dass dann Dr. Karamella auf Visite ist. Sie kommt dann auf mich zugerannt. Und ich laufe ihr entgegen. Sie umarmt bewusst nicht Minke Bach, sondern die Clownin mit der roten Nase.

Wie schaffen Sie es, dass Ihnen die Schicksale der Kinder nicht zu nahe gehen?
Ich komme normalerweise gut damit zurecht, da hängt nichts tagelang nach. Klar: Wenn ein Kind im Krankenhaus stirbt, geht uns das sehr nah. Dann nehmen wir uns auch mal für den Rest des Tages frei. Auch das Kostüm, die Maske und die Clownsnase sind als Schutz wichtig: Damit schlüpfe ich in die Figur der Dr. Karamella.



STERBEN

Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?
(Überlegt) Ja. Aber nicht im klassischen Sinn, ich glaube nicht an eine Aufteilung in Himmel und Hölle. Aber dass da irgendetwas ist, denke ich schon.

Können Sie als Hospizhelferin anderen Menschen die Angst vor dem Sterben nehmen?
Ich glaube, das kann niemand. Aber ich kann da sein. Die Menschen besuchen und begleiten, manchmal sitzt man auch nur still da und schweigt gemeinsam. Eine Frau, die ich als Hospizhelferin besucht habe, hat mit mir Socken gestrickt. Irgendwann aber hat sie sich für eine palliative Sedierung entschieden: Sie hat Schmerz- und Beruhigungsmittel bekommen und war somit stark sediert, bis sie gestorben ist. Natürlich habe ich Verständnis für diesen Schritt. Aber ich hätte auch gerne die Socken mit ihr zu Ende gestrickt.

Eine meiner Stärken ist, dass ich mich sehr gut in andere Menschen einfühlen kann

Minke Bach

Was tun Sie, um die Erfahrung mit dem Tod zu verarbeiten? 
Hospizhelferin war ich das erste Mal mit Ende 20, bei meiner Oma. Sie hat damals unter schweren Schmerzen gelitten, der Tod bedeutete das Ende ihres Leidens. Ich kann mich an den Moment erinnern, als sie gestorben war. Intuitiv habe ich das Fenster aufgemacht – und war nicht traurig. Ich habe damals die Erfahrung gemacht, dass der Tod nichts Schlimmes ist. Was mir sicher auch hilft: Ich habe eine wundervolle Familie. Ich meditiere außerdem täglich.

Inwiefern hilft Humor in der Hospizarbeit?
Eine Frau, die ich begleite, hat mir eine Anekdote erzählt: Ihr wurde als Kind das Fahrradfahren verboten. Dann hat sie heimlich das Rad ihrer Mutter oder ihrer großen Schwester genommen, ist aber gestürzt und hat versucht, es zu verheimlichen. Als die Frau mir die Geschichte erzählt hat, ist sie in Lachen ausgebrochen. Und wir haben beide gemeinsam laut und lange gelacht.

Sie haben Medienwissenschaft, Germanistik und Kunstgeschichte in Marburg studiert, später Schauspiel und Theaterpädagogik, sind ausgebildet zum systemischen Coach. Sie führen ein Unternehmenstheater und sind Familienhelferin. Was sind Sie von Beruf?
Am ehesten systemischer Coach. Kurz vor Studienende bin ich Mama geworden und brauchte einen Job, um meine Tochter zu ernähren. Da bin ich auf Achim Weimer gestoßen und habe gemerkt, dass ich das Theaterspielen aus der Schulzeit vermisse. 2007 bin ich mit in die Leitung des Tinko-Kindertheaters eingestiegen. Eines ist dann in das andere übergegangen. Eine meiner Stärken ist, dass ich mich sehr gut in andere Menschen einfühlen kann. Das ist für mich ein wichtiger Wert: dass man seine Mitmenschen respektiert, wie sie sind, dass man ihre Situation versteht. Ich helfe gerne anderen, habe aber kein Helfersyndrom. Vor allem als Clown-Doktorin möchte ich so lange arbeiten, wie ich es körperlich kann.

Info

Die Serie Gießener Köpfe

Den kenne ich doch irgendwoher?, werden Sie vielleicht über unseren Interviewpartner denken. Gut möglich, denn diese Gießener Köpfe prägen das Stadtbild, die lokale Kulturszene oder die Bildungslandschaft. Unser Fotograf Oliver Schepp hat acht Gießenerinnen und Gießener ins Rampenlicht gerückt. Und die jungen Journalistinnen und Journalisten vom GAZ-Magazin Streifzug haben mit ihnen über zwei oft ganz unterschiedliche Themen geplaudert. Alle Interviews mit großen Portätfotos gibt's in der Streifzug Sonderausgabe April 2018 an allen bekannten Vergabestellen und in unserer Geschäftsstelle in der Marburger Straße 20.

 

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