29. März 2018, 16:11 Uhr

Gießener Köpfe 2018

Gießener Köpfe: Heribert Ohlig im Porträt

Im Interview spricht Heribert Ohlig, der ehemalige Schulleiter der Gießener Ostschule über seinen Umgang mit Schülern und erklärt, wie sich seine Sicht auf Flüchtlinge verändert hat.
29. März 2018, 16:11 Uhr
Gießener Köpfe 2018: Heribert Ohlig (Foto: Schepp)

Gießener Köpfe

Ein Bild. Zwei Themen. Zehn Fragen. Die Gießener Köpfe sind eine Gemeinschaftsproduktion des Streifzug Gießen und der Gießener Allgemeinen Zeitung.

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Heribert Ohlig war 20 Jahre lang Schulleiter der Gießener Ostschule. Im Gießener-Köpfe-Interview spricht er über seine Rückschläge als Lehrer und die Notwendigkeit von Empathie und Macht. Außerdem berichtet er von seinen Erfahrungen mit Flüchtlingen bei seinen Deutschkursen.

SCHULE

Sie waren 20 Jahre lang Schulleiter der Gießener Ostschule. Sah Ihr Arbeitsalltag wie in den klassischen amerikanischen Filmen aus, wo Schüler für ihr unartiges Verhalten bestraft werden?
Manchmal stellen sich Lehrer vor, dass der Schulleiter dafür sorgt, dass es keine Probleme mehr gibt. Aber das ist eine kindliche Fantasie. Klar kamen Lehrkräfte zu mir und fragten mich, wie man ein Problem lösen kann und ob ich moderieren könnte. Dabei war immer wichtig, dass deutlich gemacht wurde, dass es Regeln gibt.

Sie sind für Ihre unkonventionellen pädagogischen Entscheidungen bekannt. Haben Sie ein Beispiel dafür?
Ich bin immer ein Gegner von willkürlichen Bestrafungen gewesen. Stattdessen habe ich versucht, herauszufinden, was die Ursache für die Störung im Unterricht war. Oft ging es nicht um das Thema, was wir im Unterricht behandelt haben. Als ich mal einen Schüler fragte, was er am liebsten machen würde, antwortete er mir: »Nach Hause gehen und meinem Vater in die Fresse hauen.« Da wusste ich das Thema für den Text, den er schreiben sollte. Durch das Aufschreiben können die Schüler ihre Konflikte aufarbeiten, statt sie nach außen zu tragen.

Wenn man mit jungen Menschen arbeitet und sieht, wie sie an ihrem Leben zweifeln, ist das für mich ein Rückschlag

Heribert Ohlig

Wie haben Sie gemerkt, dass Sie die Schüler beeinflussen?
Ein 14-jähriger Junge sagte auf einer Klassenfahrt, er möchte sein Taschengeld sparen, damit er sich die Rede von Adolf Hitler nach dem siegreichen Einmarsch in Polen kaufen kann. Darüber habe ich heftig mit ihm diskutiert. Ich habe mich immer als einen Antifaschisten verstanden, auch schon aus familiärer Erfahrung heraus. Als ich ihn 30 Jahre später wiedertraf, sagte er zu mir: Das war eine wichtige Erfahrung für mich, dadurch bin ich von diesen Ideen weggekommen. Aus ihm ist ein Mensch geworden, der sich solidarisch für andere engagiert.

Gab es auch Rückschläge in Ihrer Laufbahn als Lehrer?
Wenn ich Menschen nicht erreichen konnte und sie etwas ganz Furchtbares machten, sich zum Beispiel das Leben nahmen. Auch wenn man es objektiv gesehen nicht hätte verhindern können. Wenn man mit jungen Menschen arbeitet und sieht, wie sie an ihrem Leben zweifeln, ist das für mich ein Rückschlag.

Welche Eigenschaften haben Ihnen dabei geholfen, den Job zu bewältigen?
Empathie sicherlich. Aber auch Macht, um notwendige Dinge erreichen zu können. Das muss aber schon an einem irgendwie gearteten Gemeinwohl orientiert sein. Was mir persönlich immer wichtig war, ist eine gewisse Ordnung zu erreichen. Auch wenn man sich damit viel zusätzliche Arbeit machen kann.

 

EHRENAMT

Seit 2015 engagieren Sie sich in der Flüchtlingshilfe Gießen-Ost. Erzählen Sie mal.
Die Initiative wird von der Thomus-Morus-Gemeinde, der Martin-Luther-Gemeinde und von der Andreas-Gemeinde getragen. Wir geben montags, mittwochs und freitags jeweils für anderthalb Stunden Deutschkurse. Als meine Frau und ich im Dezember 2015 von einer Freundin gefragt wurden, ob wir bei der Initiative mitmachen wollen, haben wir beide ja gesagt, obwohl wir nach 40 Jahren als Lehrerin und Lehrer eigentlich nicht mehr unterrichten wollten. Es stellte sich aber heraus, dass es hauptsächlich Bedarf an Deutschkursen gab. Insbesondere Somali hatten keinen Anspruch auf die regulären Deutschkurse. So haben wir uns engagiert.

Ich dachte am Anfang, dass die Frauen vielleicht ein Problem damit haben, mit den Männern zusammenzuarbeiten – haben sie aber gar nicht

Heribert Ohlig

Welche Probleme gibt es in den Deutschkursen?
Je jünger Menschen sind, desto leichter können sie lernen. Wir haben einen Teilnehmer, der ist weit über 70. Dem fällt das Lernen besonders schwer. Bei den Teilnehmern, die wenig Bildung mitbringen, ist das größte Problem, dass sie nicht wissen, wie lernen geht. Sie sind schon erstaunt, wenn ich ihnen erkläre, wie man mit einem Vokabelheft lernt oder wie man Arbeitsblätter ordnet. Und natürlich stellen auch die vielen verschiedenen Sprachvoraussetzungen, die die Kursteilnehmer mitbringen, ein Problem dar.

Wie hat Ihre Arbeit die Sicht auf die Flüchtlinge verändert?
Interessant ist zum Beispiel, dass es kriegerische Auseinandersetzungen zwischen Somalia und Äthiopien gab, oder dass es verschiedene Religionsgemeinschaften gibt. Das spielt in meinem Kurs erkennbar keine Rolle. Das finde ich großartig. Ich dachte auch am Anfang, dass die Frauen vielleicht ein Problem damit haben, mit den Männern zusammenzuarbeiten – haben sie aber gar nicht.

Gab es Momente, in denen Sie spürten, dass Sie zur Integration der Geflüchteten beitragen?
Am Anfang wollte ich herausfinden, wie die Frauen reagieren, wenn ich ihnen die Hand gebe. Manche gaben mir die Hand, manche nicht. Heute hat sich das geändert. Ich kann sogar, ohne in den Verdacht des Sexismus zu geraten, eine Teilnehmerin trösten, indem ich ihr die Hand auf die Schulter lege. Oder sie loben und sagen »Super gemacht!«. Darüber freut sie sich und gibt mir auch von sich aus die Hand.

Angenommen, Sie bekämen die Möglichkeit, die Flüchtlingsarbeit politisch zu verbessern. Was würden Sie zuerst tun?
Ich würde deutlich mehr Geld in die Deutschkurse investieren, auch um mehr Lehrkräfte für die Kurse zu qualifizieren, gerade für die Kinder. Da viele Teilnehmer Kinder haben, würde ich auch in die Kinderbetreuung investieren.

Info

Die Serie Gießener Köpfe

Den kenne ich doch irgendwoher?, werden Sie vielleicht über unseren Interviewpartner denken. Gut möglich, denn diese Gießener Köpfe prägen das Stadtbild, die lokale Kulturszene oder die Bildungslandschaft. Unser Fotograf Oliver Schepp hat acht Gießenerinnen und Gießener ins Rampenlicht gerückt. Und die jungen Journalistinnen und Journalisten vom GAZ-Magazin Streifzug haben mit ihnen über zwei oft ganz unterschiedliche Themen geplaudert. Alle Interviews mit großen Portätfotos gibt's in der Streifzug Sonderausgabe April 2018 an allen bekannten Vergabestellen und in unserer Geschäftsstelle in der Marburger Straße 20.

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