24. September 2018, 14:44 Uhr

WGs

Gemeinschaft auf Zeit – WG-Leben in Gießen

Die meisten Studierenden leben in einer WG – auch aus Kostengründen. Dabei stößt man schon mal auf Schwierigkeiten. Ein nicht repräsentativer Erfahrungsbericht aus mehr als zehn Jahren WG-Alltag.
24. September 2018, 14:44 Uhr
Was eine WG verbindet, hängt von ihren Mitgliedern ab. Im besten Fall geht es so harmonisch zu, wie in dieser Gießener WG. (Foto: Schepp)

Für manche ist es ein Familienersatz in einem neuen Lebensabschnitt, anderen geht es um einen Rückzugsort oder schlicht um eine billige Butze: Wohngemeinschaften können den Mitgliedern alles bedeuten – oder fast nichts. Vieles ist möglich, Hauptsache die Ansprüche passen zusammen.
Die Eintrittskarte für WGs erhalten Neulinge, wenn sie beim Casting überzeugen können – zumindest in aller Regel. Bei meiner ersten WG blieb mir das erspart.

Zum Studienbeginn war ich noch Pendler, und schnell wurde klar: Das Studentenleben ist nur halb so schön, wenn du abends immer noch deinen Bus kriegen musst. Nach ein paar Monaten rief mich eine Kommilitonin an: »Wir haben was gefunden, bist du dabei?«. Vier angehende Sozialwissenschaftler, zwei Katzen, ein Schlagzeug – die Eckdaten meiner ersten WG. Dreieinhalb Jahre hat das geklappt, und bis heute halten wir Kontakt.

 

Mehr als 40 Mitbewohner in sechs WGs

Auch studiengangübergreifend habe ich verschiedenste Typen kennengelernt, mehr als 40 Mitbewohner in sechs WGs. Darunter Gammler und Streber, Studis und Azubis, leise und laute Menschen. Ob schweigsame Sachsen, rheinische Frohnaturen oder fleißige Franzosen – mit fast allen ließ es sich im Alltag gut auskommen. Die ganz wenigen Ausnahmen bestätigen die Regel.

WGs sind meist im Wandel begriffen, von Fluktuation geprägt. Doch wie findet man den Richtigen oder die Richtige, um eine WG passend zu komplettieren? Die Mietpreise steigen, das Angebot ist knapp, Zimmer sind begehrt – da fällt die Auswahl mitunter schwer.

Meine Erfahrung: Wenn zu viele Bewerber eingeladen, einzelne Aspiranten allzu genau durchleutet werden, jede Eventualität bedacht wird, dreht man sich schnell im Kreis. Besser einfach machen. Wird bei der Vorstellungsrunde viel gelacht und nicht schon nach einer Viertelstunde der erste gelangweilte Blick auf die Uhr geworfen, dann ist die Wahrscheinlichkeit relativ groß, dass es eine gute Wahl für die WG sein könnte.
Kriterien wie Alter, WG-Erfahrung oder Studiengang, aber auch Ernährungsweise, Sport-Affinität oder Ansprüche an die Sauberkeit mögen die Entscheidung erleichtern.

 

Abgrenzung kann zusammenschweißen

Burschenschaften schließen viele Wohnungssuchende durch ihre Ansprüche aus, das kann man kritisieren. Bewerber können sich dann aber zumindest darauf einstellen, dass ihnen beim Gespräch weder Hippies noch Marxisten gegenübersitzen werden. Kriterien der Abgrenzung können, wie dieses Beispiel zeigt, durchaus zusammenschweißen.

Am Ende aber ist das Bauchgefühl oft ein gutes Maß dafür, ob die Chemie mit einem Bewerber stimmt.
Wer sich auf der anderen Seite als Zimmersuchender nach passenden WGs umschaut, muss ebenfalls Entscheidungen treffen. Wann lohnt es sich, auf eine Anzeige zu antworten? Schwer zu sagen. Texte, die das WG-Leben und Hobbys ausführlich beschreiben, lassen auf Mitbewohner schließen, denen viel gemeinsame Zeit und ein enges Miteinander wichtig ist. Wer nur schnell ein Zimmer will oder wochenends ohnehin nach Hause fährt, wäre dort wohl an der falschen Adresse.

Auch dann, wenn das Klima mild ist, bleiben Konflikte natürlich nicht aus. In Familien kracht es manchmal vielleicht, weil man sich zu gut kennt. Die Mitglieder einer WG haben dagegen jeweils unterschiedliche Vergangenheiten, müssen sich meist erst kennenlernen. Sie bilden eine Zweckgemeinschaft auf Zeit – selbst wenn in der Anzeige »keine Zweck-WG« ausgewählt ist.

 

Probleme offen ansprechen

Und manche Marotte tritt erst nach einer Weile zutage: Wenn eine Mitbewohnerin samstagmorgens die Bude zusammenschreit, weil zwar noch reichlich Nudeln da sind, ihre Packung aber angebrochen ist; wenn andere regelmäßig über Stunden das Bad blockieren oder ihren Putzdienst über Wochen hartnäckig ignorieren, dann kann das natürlich nerven.

Konflikte wollen gelöst werden. Teils ist die Harmoniebedürftigkeit eines WG-Mitglieds mit der Streitlust eines anderen aber schwer unter einen Hut zu bekommen.

Unterm Strich kann es jedenfalls nicht schaden, Probleme offen anzusprechen. Ein gesundes Maß an Gelassenheit gehört wohl dazu, über manches lässt sich getrost hinwegsehen. Doch bevor sich dauerhafte Wut anstauen kann, bevor die Kommunikation über, in angepisstem Ton beschriebene, Memos läuft, ist ein offenes Wort, vielleicht auch nur unter vier Augen, die nervenschonendere Variante.

 

Plenum mit Tagesordnung

Hin und wieder steht in vielen WGs ein Plenum auf dem Programm. Die Tagesordnung wird schnell lang: Stress mit dem Vermieter, Partyplanung, Mülltrennung, WG-Dienste, Lautstärke, politisch korrekte Sprache, die Wahl des richtigen Waschmittels zum Beispiel. Ein fester Zeitrahmen kann endlosen Laberrunden vorbeugen – nach Belieben verbunden mit einem WG-Essen als gemeinsamem Zielpunkt.
Neulich kam in meiner WG ein ehemaliger Mitbewohner vorbei, vor 20 Jahren hat er hier gelebt. Viele Ehemalige sind an unserer Wand verewigt, auch die aktuelle Besetzung. Wahrscheinlich wird es meine letzte WG sein. Nicht, weil es hier nicht schön wäre, sondern weil die Zeit gekommen ist. Dann bin auch ich eines der unbekannten Gesichter an der Wand. 

Info

WG-Mieten steigen
  • Die Preise für WG-Zimmer ziehen auch in Gießen weiter an – zu diesem Schluss kommt eine Erhebung des Moses-Mendelssohn-Instituts in Kooperation mit dem Portal WG-Gesucht.
  • Demnach kostet ein Zimmer in Gießen im laufenden Jahr durchschnittlich 328 Euro – etwas weniger als im Bundesschnitt. 2013 hatte der Gießener Durchschnittspreis bei 300 Euro gelegen.
  • Am stärksten verschärft hat sie die Situation auf dem WG-Wohnungsmarkt laut der Studie in München, Hamburg, Stuttgart und Frankfurt.

 

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