28. August 2018, 10:09 Uhr

Tim Bergmann

"Das Drehbuch hat mich anfangs verwirrt"

Taunuskrimi-Kommissar Tim Bergmann liest beim Gießener Krimifestival aus dem neuesten Roman »Im Wald«. Dem Streifzug erzählt er, warum ihn das Drehbuch anfangs verwirrt hat.
28. August 2018, 10:09 Uhr

Herr Bergmann, am 29. September kommen Sie zur Lesung aus Nele Neuhaus’ Krimi »Im Wald« nach Gießen. Was dürfen die Besucher erwarten?

Tim Bergmann: Es wird keine reine Lesung. Ich gehe nicht einfach durch die Kapitel, sondern es gibt immer wieder Momente jenseits des reinen Vorlesens, in denen ich dann spontan etwa eine Anekdote vom Dreh erzähle oder auch zu dem ganzen Phänomen Taunuskrimi. Ich bin ja seit 2012 Teil dieses »Universums«, und daher glaube ich, dass es reizvoll für die Zuhörer ist, dass der Ermittler, den sie aus dem Fernsehen kennen, vorliest.


Gehen Sie auch selbst als Zuhörer gern zu Lesungen?

Bergmann: Tatsächlich ist das ganz selten. Das kann man an einer Hand abzählen.


Warum?

Bergmann: Ehrlich gesagt, lese ich lieber selber ein Buch. Obwohl es natürlich spannend ist, bei einer Lesung auf den Autor treffen zu können. Auch für den Autor ist diese Begegnung mit dem Publikum ein besonderer Moment. In dem Zusammenhang fällt mir gerade ein, dass mir ein australischer Autor bei einer Lesung erzählte, dass ihn seine Kollegen vor seiner ersten Lesung in Deutschland beglückwünschten. Bei bekannten Autoren kommen hier teilweise 2000 Menschen zusammen.

 

Kaum zu glauben.

Das ist schon ein Phänomen – wenn man es denn glauben mag, vor allem ein deutsches. Ich meine, da liest jemand aus seinem Buch vor, das klingt jetzt erst mal nicht sehr spannend. Andererseits ist es auch etwas ganz intimes. Man kennt es vielleicht von früher, wenn die Eltern einem vorgelesen haben. Diese unmittelbare Intimität, die uns so vertraut ist, teilen wir auf einmal mit vielen anderen in einem größeren Rahmen. Und das funktioniert mit 30 genauso wie mit 300 Leuten.
 

Wann haben Sie begonnen, aus den Neuhaus-Büchern zu lesen?

Bergmann: Tatsächlich erst zu dem Roman »Im Wald«. Erst da ist die gemeinsame Idee entstanden. Und so kam es dann im Januar 2017 dazu. Nele sagte, dass es gerade bei diesem Roman sinnvoll ist, da er ja auch als Oliver von Bodensteins persönlichster Fall beworben wird.
 

Haben Sie denn alle Krimis von Nele Neuhaus im Vorfeld der Verfilmungen gelesen?

Bergmann: Ich bin dazu übergegangen. Im Vorfeld zu dem ersten Dreh waren mir die Krimis nicht bekannt. Es war März 2012, als das Angebot kam und Drehbeginn war dann schon im Juni. In der Auseinandersetzung mit den dann folgenden Drehbüchern habe ich damals gemerkt, dass mich der Roman eher in meiner Vorbereitung verwirrt. Wir haben beispielsweise den vierten Roman »Schneewittchen muss sterben« als erstes Buch verfilmt. Deshalb war das Drehbuch in vielen Punkten anders als der Roman. Aber mit der Zeit haben wir uns in die Chronologie der Romane wieder eingereiht. In diesem Moment bin ich dazu übergegangen, die Romane vorher zu lesen und komme damit absolut gut klar.
 

Wenn man eine Rolle so lange spielt. wie Sie den Ermittler Oliver von Bodenstein: Wie viel von der Figur steckt in Ihnen oder ist es eher anders herum, steckt mehr von Ihnen in der Figur?

Bergmann: Wenn, dann steckt eher etwas von mir in der Figur. Es ist schon so, dass ich ihn bei manchen Entscheidungen verstehe, dass ich etwas Ähnlich machen würde. Auch, was sein Verantwortungsbewusstsein angeht – das kann ich durchaus nachvollziehen. Alles Unbewusste und Intuitive fließt sowieso jeden Augenblick in die Rolle mit ein. Das ist bei jeder Schauspielerin, bei jedem Schauspieler genauso und macht die Darstellung einer Figur einzigartig und unverwechselbar.
 

Ist es für Sie einfacher, die Rolle zu spielen, oder »nur« zu lesen, nur die Stimme dafür zu haben?

Bergmann: Das sind zwei verschiedene Vorgänge. Aber klar, im Vergleich zu anderen Romanen, bei denen ich in der Verfilmung nicht die Hauptfigur spiele, gibt es bei »Im Wald« eine ganz andere Verbindung. Nicht nur zu der Figur, sondern auch zum ganzen Werk. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich bisher jede Lesung von der anderen unterscheidet. Je nach dem, ob der Film noch gar nicht gedreht wurde, schon fertig war oder ihn die Zuschauer auch schon gesehen haben.


Suchen Sie sich die Kapitel, die sie vorlesen, selbst heraus?

Bergmann: Nein, es ist in der Regel so, dass man die Lesestellen vom Verlag genannt bekommt. Das ist legitim, aber natürlich gibt es dazu immer einen gewissen Spielraum. Ich versuche sehr genau darauf zu achten, was die Zuschauer nachvollziehen können, und überlege, welches zusätzliche Kapitel noch spannend wäre. Allerdings war es ursprünglich so gedacht, dass Nele und ich bei meiner Premiere eine gemeinsame Lesungen machen. Dazu ist es dann leider nicht gekommen. Anfang 2017 war Nele verhindert und so bin ich allein ins kalte Wasser gesprungen. Wir werden das aber nachholen. Vielleicht ja schon bei ihrem nächsten Roman, der im November erscheinen wird.
 

Kommen Sie neben den ganzen Drehbüchern und Skripten, die Sie beruflich lesen müssen, auch privat zum Schmökern?

Bergmann: Während eines Drehs fällt mir das schwer. Da fehlt mir die Ruhe und Konzentration, weil ein Drehtag oft sehr lang ist. Aber wenn ich vor den Dreharbeiten einen Roman angefangen habe, der mich packt, dann lese ich ihn auch während der Dreharbeiten zu Ende. Aber ein 800-Seiten-Buch beginne ich eher dann, wenn ich auch die Zeit dazu habe und sie mir frei einteilen kann.


Welches Genre bevorzugen Sie?

Bergmann: Ich lese gar nicht mal so viele Krimis. Das habe ich erst in den letzten Jahren vermehrt getan, in denen mich dieses Genre ja sehr begleitet hat. Aber ich lese auch gerne Biografien oder Sachbücher. Das ist ganz unterschiedlich.
 

Was muss ein guter Krimi für Sie haben, damit er Sie packt?

Bergmann: Mein außergewöhnlichstes Krimierlebnis war auf jeden Fall Stieg Larssons Millennium-Trilogie. Ich habe die Bücher innerhalb von zwei Wochen gelesen. Es sind nicht nur komplexe, außergewöhnliche Charaktere, sondern die Bücher haben ganz viele Ebenen. Der politische Überbau, die Verstrickungen privat und beruflich – das hat mich auf allen Ebenen gepackt und mitgenommen. Vergleichbares habe ich so nie wieder erlebt.
 

Sind Sie der Typ offenes Ende oder sollte sich die Geschichte lieber noch auf den letzten Seiten auflösen?

Bergmann: Natürlich darf es sich auflösen. In einer Tragödie, oder auch in einem Happy End. Das kann man aber nicht verallgemeinern, da natürlich auch ein offenes Ende sehr gut zu einer Geschichte passen kann. Die bewusste Verweigerung einer Auflösung stößt mir aber eher auf, als wenn ich das Gefühl habe, dass ein Autor zum Schluss noch zusieht, dass der Böse festgenommen wird und alles gut ausgeht. Das kann mich nach 600 gelesenen Seiten schon frustrieren.
 

Blättern Sie denn, wenn es zwischendrin besonders gruselig oder spannend wird, auch schon mal ans Ende?

Bergmann: Nein, das habe ich noch nie gemacht und würde es nie. Ich würde ja auch nicht auf die Idee kommen, wenn ich mir eine DVD einlege, schon mal ans Ende zu spulen. Das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.     Katharina Ganz

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