21. Dezember 2017, 14:59 Uhr

Streifzug-Jahresrückblick

Auf dem Balkon

Bei den Sondierungsgesprächen zwischen Union, FDP und Grünen entstehen schöne Bilder. Aber leider haben wir noch immer keine neue Regierung in Deutschland.
21. Dezember 2017, 14:59 Uhr

Es gibt den Vogel des Jahres, den Baum des Jahres, den Mann des Jahres, die schönste Frau des Jahres und viele andere Auszeichnungen, von denen manche einen tieferen Sinn haben, andere aber nicht. Seit dem Herbst 2017 haben wir auch einen Balkon des Jahres. Er ruht auf Säulen am Gebäude der parlamentarischen Gesellschaft in Berlin. Jedes Kind kennt mittlerweile diesen klotzigen Vorbau, von dem uns wochenlang schick gekleidete Menschen zugewunken haben. Es wurde geraucht, geschwatzt und gelacht. Am Ende aber gab es Heulen und Zähneklappern. Der Plan war, eine schwarz-gelb-grüne Regierung (auch Jamaika genannt) zu bilden. Und lange Zeit sah es auch gut aus, aber dann stieg Christian Lindner mit seinen liberalen Gefolgsleuten aus. Das war’s dann.

Und nun sondieren Kanzlerin Angela Merkel und SPD-Chef Martin Schulz die Lage. Könnte also sein, dass alles so bleibt, wie es ist: Große Koalition, Merkel Kanzlerin, Sigmar Gabriel Außenminister und Martin Schulz... Tja, was aus ihm werden könnte, weiß man noch nicht so recht. Aber vielleicht können sich Rote und Schwarze auch nicht einigen. Dann werden wir vielleicht bald wieder wählen. Was aber, wenn es ein ähnliches Ergebnis gibt wie im September? Werden dann wieder schick gekleidete Menschen auf einem Balkon stehen?

So ist das nun mal im Jahr 2017 in Deutschland: Union und SPD haben zusammen noch eine knappe Mehrheit. Wirklich groß wäre eine solche Koalition aber nicht. Aber für alle anderen traditionellen Koalitionen gibt es derzeit keine Chance. Schwarz-Gelb, Rot-Grün, Schwarz-Grün, Rot-Gelb – alles nur graue Theorie. Ein (gar nicht so) kleiner Trost: Wir haben zwar keine neue Regierung, aber unserem Land geht’s so gut, das System ist so stabil, dass von einer Staatskrise keine Rede sein kann.

Und sonst? Die AfD ist im Parlament, driftet aber weiter nach rechts. Im Moment sieht es so aus, als verwandle sich die einstige Professoren-Partei in einen rechtsradikalen Haufen. Die Gemäßigten leiden. Kann also sein, dass noch einige die Flucht ergreifen. Merkel ist in der Union nicht mehr unumstritten, Horst Seehofer muss die Macht teilen. 100 Prozent bei einer Wahl wird es wohl nie wieder geben. Der Osten wählt rechts, Steinmeier gewinnt an Statur, und ansonsten müssen wir warten.

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