Zwischen allen Stühlen: Lost in Heilbronn

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Hawaii - wer denkt dabei nicht an Sonne, Strand und Südseeparadies? Da klingt es wie bittere Ironie, dass ausgerechnet ein Problemviertel Heilbronns so heißt, ein sozialer Brennpunkt in einem Industriegebiet mit vielen Migranten und Armen. Dieses hässliche Quartier mit dem verheißungsvollen Namen ist der Hotspot in Cihan Acars erstem Roman.

"Hawaii" ist eine wundervoll raue Liebeserklärung an seine Heimat zwischen Lidl, Knorr und Audi. Es ist aber auch ein aktuelles Gesellschaftsporträt, das weit über Heilbronn hinausgeht. Kemal Arslan ist der Held des Romans. Er ist jung, berühmt und gescheitert. Noch vor Kurzem war er der Star eines großen türkischen Fußballvereins. Er verdiente viel Geld, die Fans lagen ihm zu Füßen. Doch dann verursachte er einen Autounfall, brach sich den Fuß, und vorbei war es mit der Kicker-Karriere. Nun ist Kemal zurück in Heilbronn, in Hawaii. Sein Siegerimage ist futsch, er hat kaum Geld, keinen Job und seiner Freundin hat er schon vor Längerem den Laufpass gegeben. Sein Jaguar steht kaputt in einer Tiefgarage rum. Kemal ist deprimiert: "Ich schau nur nach hinten, nie nach vorne. Ich bin einundzwanzig und denke wie einer, der schon alles hinter sich hat." Es folgt ein wildes Wochenende kreuz und quer durch Heilbronn, eine Achterbahnfahrt der Sinnsuche durch türkische Kaffeehäuser, Striplokale und Wettbüros, ein Hin- und Herzappen zwischen ganz unterschiedlichen Milieus und Lebenswelten. Kemal versucht, überall anzuknüpfen und ist doch nirgendwo wirklich zu Hause. Sein Vater will ihn in die bürgerliche Spur zurückbringen und vermittelt ihm ein Bewerbungsgespräch beim Geschäftsmann Tayfun. Aber der entpuppt sich als bestechlicher Aufschneider, der gefälschte Rolex-Uhren verschenkt und nicht einmal ordentlich Türkisch spricht.

Freund Emre gibt Kemal einen todsicheren Tipp, schnell an Geld zu kommen: eine Fußball-Wette mit einem geschmierten Spieler. Doch die Sache geht nach hinten los und Kemal verliert sein letztes Geld. Acar schildert diese und andere Szenen mit beißender Situationskomik.

Ein anderer Teil des Romans spielt jenseits von Hawaii in der Upperclass Heilbronns. Auf einer Party versucht Kemal, seine Ex-Freundin Sina zurückzugewinnen, die er in der Zeit seines flüchtigen Ruhms sitzen gelassen hat. Doch in der Umgebung des arrivierten Bürgertums wirkt der gescheiterte Fußballer wie ein Fremdkörper, dem man deutlich zu verstehen gibt, dass er als türkischer Migrant nicht dazugehört. Ernüchtert steigt Kemal wieder hinab zum "Rest der Stadt, zum Dampf und Rauch, zum Lärm und Geschrei", nur um festzustellen, dass er auch dort nicht mehr richtig verwurzelt ist. Er ist und bleibt "der Typ zwischendrin." An diesem Roman gibt es nur eins zu kritisieren: Das überspitzte Finale mit den bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen zwischen einer rechten Bürgerwehr und einer migrantischen Schlägertruppe. Sprachlich und atmosphärisch ist Acar, der gebürtige Heilbronner und erklärte Fußballfan, ganz nah dran am Milieu, er erzählt frech, aber auch melancholisch und liefert so ein Porträt unserer Gegenwart.

Sibylle Peine

Cihan Acar: Hawaii. Hanser Berlin, München, 254 Seiten, 22 Euro, ISBN 978-3-446-26586-8

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