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Zuhören, auch wenn’s schwerfällt

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Lieber Debatte und Gespräch anstelle von Kampfbegriffen: Die Autorin beschreibt Ansätze, wie man sich gemeinsam und ohne Fronten für eine gerechtere Gesellschaft engagieren kann. © DPA Deutsche Presseagentur

Mit harschen Worten, spaltenden Begriffen und einer »Schwarz Weiß-Mentalität« wird die Debatte über Identitätspolitik, Diskriminierung und Rassismus in Deutschland immer weiter angeheizt. Die Fronten verhärten sich und die Debatte über Gleichberechtigung weicht immer mehr einem Kampf, in welchem jeder darauf pocht, im Recht zu sein. Canan Topçu, eine türkischstämmige Journalistin, erhebt in diesen lauten Zeiten ihre Stimme - doch nicht um mitzuschreien.

Die Autorin Canan Topçu möchte in ihrem Werk (»Nicht mein Antirassismus - Warum wir einander zuhören sollten, statt uns gegenseitig den Mund zu verbieten. Eine Ermutigung«) zum Nachdenken anregen. Über sich selbst, über die Ansichten anderer und über die Frage, wie wir uns gemeinsam und ohne Fronten »für eine gerechtere Gesellschaft engagieren« können. Sie plädiert für das »besonnen miteinander Umgehen«, für weniger Beschuldigungen und dafür, »nicht um jeden Preis recht behalten« zu wollen.

Topçu beginnt mit ihrer Lebensgeschichte. Sie überlegt, wer sie ist, was sie ausmacht und welche Erlebnisse sie besonders geprägt haben. Diese Eindrücke, beschrieben sowohl aus der Sicht des Kindes, das die Dinge erlebt, als auch aus der Sicht der erwachsenen Frau, die nun auf die Geschehnisse ihrer Kindheit zurückblickt, geben dem Werk einen besonders persönlichen Charakter. Und sie schaffen eine offene Atmosphäre, durch die das Nachdenken über Topçus Überlegungen und Fragen möglich wird.

Ein sinnvoller Ansatz, denn nicht jeder scheint Canan Topçus Meinung zu teilen. Oftmals eckt sie an und setzt sich Kritik aus. So geschieht es auch, wenn sie die Einteilung in »Opfer« und »Täter«, in »Weiße« und »Nichtweiße« kritisiert. »Unsere Gesellschaft ist viel komplexer, und Zugehörigkeiten sind nicht so klar abgrenzbar, dass politische Kampfbegriffe sie erfassen können«, erklärt Topçu und wehrt sich strikt gegen eine solche Frontenbildung. Durch solche Einteilungen könne man keine Vorurteile abbauen, nicht die Schubladen im eigenen Kopf überdenken.

Auch ist Topçu nicht sicher, was eigentlich rassistisch ist und was nur schnell als solches abgestempelt wird. »Keine Frage: Es gibt Rassismus, es gibt Gewalt gegen Menschen, die aufgrund ihres Äußeren oder ihres Namens als fremd wahrgenommen und vorverurteilt werden. Was mir Unbehagen bereitet: Es wird zu wenig differenziert und kaum in Erwägung gezogen, dass das wahrgenommene Schlechtbehandeltwerden, das Benachteiligtwerden und die Ausgrenzung … nicht allein auf Rassismus zurückgeführt werden können.«

Stattdessen wünscht sich Topçu, dass die Menschen nachfragen, das Gespräch suchen und so möglicherweise eine persönliche Beziehung aufbauen, die Diskriminierung und Rassismus keinen Platz mehr lässt. Unterstützt werden sollte dies auch durch das Wissen historischer Begebenheiten, wie die Arbeitsmigration nach Deutschland und die Situation der Gastarbeiter in der Nachkriegszeit. Da dieses Thema insbesondere in der Schulbildung vernachlässigt wird, wie Topçu kritisiert, bietet sie dem Leser einen Einblick. Denn diese Kenntnisse sind »gerade im Zusammenhang mit den aktuellen Debatten um Identitätspolitik und Rassismus« notwendig, um sich eine fundierte Meinung über aktuelle Geschehnisse zu bilden. So auch für die folgenden Kapitel, in denen unter anderem das Attentat von Hanau thematisiert wird. Auch die derzeitig große Diskussion über Sprachwahl findet einen Platz, und die unterschiedlichsten Begriffe und Fragen werden diskutiert. Topçu geht immer wieder in den Dialog, lässt in ihrem Buch auch anderen Menschen und deren Sichtweisen Platz, hinterfragt immer wieder ihren eigenen Blickwinkel und fasst auch unangenehme Gedanken und Gefühle ins Auge.

Letztlich hat Canan Topçu nicht auf jede Frage eine Antwort - wie auch. Doch ihre Schlussfolgerung ist immer: Kommunikation. »Eine gut funktionierende Gesellschaft braucht Begegnungen und Austausch - sowohl Plaudereien als auch tiefsinnige Gespräche und auch Streit, sofern er in guter Absicht und konstruktiv ausgetragen wird.« Denn nur wenn Menschen miteinander sprechen, können Lösungen geschaffen werden.

Canan Topçu: Nicht mein Antirassismus. Quadriga Verlag, 224 Seiten, 16,90 Euro. ISBN 978-3-86995-115-7

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