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Allein im Wald: Ganz schön für Mattis.

Wie Mattis es verstanden hat

  • vonRedaktion
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»Die Vögel« ist noch eine bezwingende Wiederentdeckung aus dem Werk des Norwegers Tarjei Vesaas. Es geht um die einfachen Dinge, die doch die gewaltigsten sind.

Zahllos die Bücher, die erröten müssten vor diesem tiefsinnigen Roman, aber nicht wegen seines Tiefsinns, sondern wegen der lauteren Klarheit, mit der er von den gewaltigsten Dingen handelt. Die gewaltigsten Dinge, man ahnt es schon, sind nicht groß, sondern klein. Aber wesentlich.

Der Norweger Tarjei Vesaas (1897 - 1970) legte »Die Vögel« 1957 vor. Vesaas nicht zu kennen, sollte wiederum Leserinnen und Leser erröten lassen - der Guggolz Verlag hat allerdings schon mit »Das Eis-Schloss«, 2019, Gelegenheit dazu gegeben, diese Phase hinter sich zu lassen. In »Die Vögel« geht es um Mattis. Mattis weiß, dass er ein Dussel ist. Wir wissen nach ein paar Seiten, dass das Wort »Dussel« noch weniger sagt, als gemeinhin angenommen. Es gibt aber eine Vereinbarung, Menschen so zu nennen, die allem Anschein nach nicht mithalten können, vor allem bei der Arbeit nicht, von der es im ländlichen Norwegen in den Fünfzigerjahren mehr als genug gibt.

Die »Starken und Klugen«, Mattis kennt sie nur zu gut, arbeiten geschwind auf den Feldern, sind geschickt und konzentriert, hier fliegt das Heu, dort fallen die Bäume. Mattis, der das alles nicht kann und sich blamiert, wenn er es wieder versucht - um wenigstens einen Tag lang Geld zu verdienen -, lebt mit seiner Schwester Hege zusammen. Sie strickt und strickt und hält sich und den Bruder damit über Wasser. Ein kärgliches Leben, natürlich fragt man sich bald, wie es Hege bei alledem geht.

Mattis kann sich nicht ohne Weiteres vorstellen, dass Hege unglücklich ist. Es ist eigentlich schön in dem Häuschen, gemütlich. Als sie, meist verschwiegen, einmal doch ihr Leben beklagt und die Sinnlosigkeit des Ganzen, lobt Mattis ihre Strickarbeiten und ihr Einkommen. Hege winkt bloß ab. »Da musste er mit dem anderen heraus, das er erst hatte sein lassen wollen, weil es ihn so beschämte. ›Ich bekomme von dir zu essen, Hege, die ganze Zeit‹, sagte er. Sie sagte keinen Ton. ›Du hältst mich am Leben‹, sagte er, ›ist das denn nichts? Das ist doch wichtig.‹« Da will einem nichts Wichtigeres mehr einfallen.

»Die Vögel« spielt in einem aufregenden Sommer. Über dem Haus verläuft diesmal ein Schnepfenstrich, der täglich verlässliche Balzflug eines Vögelchens, den darum ein Jäger bequem erschießen kann. Mattis würde niemals eine Schnepfe erschießen, das fällt ihm gar nicht ein. Er kann aber, das stimmt, den Mund nicht halten, sodass er auch dem Jäger von der Schnepfe erzählt hat.

Später lernt Mattis auf einer Insel zwei junge Urlauberinnen kennen. Mattis ist bezaubert. »Sein Herz lag nackt und wehrlos vor ihnen.« Vesaas arbeitet jetzt mit einem blitzschnellen Perspektivwechsel und lässt uns Mattis’ Gesicht durch die Augen des Mädchens sehen. »Etwas darin war maßlos schön, ganz egal, wie einfältig und jämmerlich es war.«

Noch später schlägt ein Blitz in eine von zwei kargen Espen, die im Ort »Mattis und Hege« genannt werden (so eine Art von Humor ist das hier). Hat der Blitz in Mattis oder in Hege eingeschlagen? Wer von beiden muss sterben? Das sind die Fragen, die Mattis sich stellt. Der Begriff der »Einfalt« passt überhaupt nicht zu ihm, eher ist alles so kompliziert und verdreht. Umso wichtiger für Mattis, dass Vesaas nicht kompliziert und verdreht darüber schreibt. Was Mattis auch denkt und erlebt, hier wird es vorbehaltlos und ökonomisch dargelegt. Die Schönheit der Natur gehört dazu, und ihre stetige, sanftmütige (gleichmütige) Zeichenhaftigkeit, die sich Mattis vielfältig erschließt. Mit einem Vogel kann er sich über die zarte, feine Vogelschrift verständigen.

Noch später taucht ein sanfter Holzfäller auf und sucht ein Zimmer. Zwei Seiten später fällt Mattis auf, dass Hege sich jetzt gerne ein bisschen hübsch macht. Das Ende von »Die Vögel« ist so, dass man es praktisch nicht aushält.

Vesaas’ Sprache und Mattis’ Überlegungen zum Leben leuchten und sind meistens kristallklar und nur zweitere manchmal auch dunkel verschlungen. Die Neuübersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel ist sensationell ruhig und so ungezwungen und (fast) zeitlos klassisch, wie man sich das Original vorstellt. Ein schönes Beispiel dafür sind teils laut ausgesprochene, teils bloß gedachte Ausrufe. »Hör sich einer das mal an!« »Na, das war ja was!« In solchen Sätzen kommt die fast schon äußerste Emotion der Ruhigen zusammen mit schönster sprachlicher Konvention. Dem staunenden Mattis, der an seinem Leben und der Normalität und Friedlichkeit des Lebens überhaupt hängt, sprechen solche Sätze aus dem Herzen, wenn er sie nicht ohnehin selbst sagt. Das Wort Poesie liegt für all das nahe, aber es wirkt zu verziert. Man bewegt sich beim Lesen wirklich einmal an der Substanz.

Judith Hermann spricht in ihrem Nachwort davon, dass Vesaas »Die Vögel« als »Selbstporträt mit Vorbehalt« bezeichnet hätte. Das ist umwerfend, aber begreiflich.

Wenn sich zum Beispiel ein Großteil der deutschsprachigen Leser für den Kauf und die Lektüre dieses Buch entschieden, dann wäre die Gesellschaft im Anschluss daran besser als zuvor. Der Verleger Guggolz wäre außerdem Millionär. Mehrere wünschenswerte Veränderungen auf einmal also.

Tarjei Vesaas: Die Vögel. Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Guggolz, Berlin 2020. 279 Seiten, 23 Euro. ISBN 978-3-945370-28-5.

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