Weder jung noch Bestie

Böswillig könnte man sagen, der beste Satz des Buches "Die jungen Bestien" findet sich im Klappentext: "Dieser Roman lässt uns verstehen, warum wir Italien nie verstehen werden." Vielleicht fehlt Mittel- und Nordeuropäern wirklich der Einblick in die italienische Seele, sicher ist aber, dass Davide Longo wenig zur Überwindung dieser Kluft beiträgt. Das gehört nicht unbedingt zu den Aufgaben eines Krimi-Autors, doch ein paar Grundanforderungen des Genres wie Spannung oder Überraschungseffekte hätte er schon erfüllen können.

Das Thema ist verführerisch und böte alle Zutaten zu einem soliden Thriller: Nach der Entdeckung von zwölf Skeletten in der Nähe von Turin wird die Ermittlung vom Staatsschutz schnell abgewürgt mit dem Verweis auf Gefallene des Zweiten Weltkriegs. Kommissar Arcadipane und sein Team finden jedoch schnell heraus, dass die Knochen aus den 70er Jahren stammen. Die Spur führt zu den Roten Brigaden, einer linksterroristischen "Stadtguerilla", der deutschen RAF nicht unähnlich.

Da läuft dem Krimi-Fan das Wasser im Mund zusammen. Leider macht der Fall, der dann eher unspektakulär einer halbgaren Lösung zugeführt wird, nur etwa die Hälfte des Buches aus. Die anderen 200 Seiten begleitet der zunehmend frustrierte Leser - wie so oft in der (europäischen) Kriminalliteratur - einen vom Leben geplagten Polizisten durch seine diversen Krisen und Wehwehchen.

Arcadipane hat Potenzprobleme, schläft schlecht, seine Ehe steht auf der Kippe und die Kinder verstehen ihn genauso wenig wie er sie. Geraucht wird sowieso dauernd und Lakritzbonbons spielen eine große Rolle. Da hilft nur eines zur Rettung des Haussegens: ein Hund. Den wünscht sich zwar seine Tochter, doch erst mal begleitet das neue Familienmitglied den Commissario auf seinen Ermittlungen. Warum auch nicht, Trepet, so der Name des Tieres, hat nur drei Beine, Darmprobleme und ist halb blind. Dagegen erscheint sein Besitzer schon fast bestialisch gesund.

Kenner der Materie fühlen sich - sehnsuchtsvoll - an den österreichischen Autor Heinrich Steinfest erinnert. Dessen einarmiger Detektiv Markus Cheng und sein nahezu tauber Begleiter Lauscher sind längst Ikonen des hintergründigen Krimi-Vergnügens. Doch auch Humor sucht man vergebens bei Longo. Spätestens die Sitzungen bei Arcadipanes neuer Psychologin lassen den Plot vollkommen unglaubwürdig werden. Die an Rachitis leidende Frau Doktor Ariel hat nach eigener Aussage "einen Verlobten und zwei Geliebte" und nichts dagegen, sich beim Sex mit dem Hausmeister zusehen zu lassen. Sie heilt ihren Patienten in fünf Sitzungen, der trägt sie zum Dank auf einen heiligen Berg bei Asti.

Warum das alles passiert und was das mit dem Fall zu tun hat, bleibt das Geheimnis des Autors. Der Leser ist dieser Ansammlungen an Klischees und Plausibilitätsausdehnungen schnell überdrüssig. Longo hat sich mit "Die jungen Bestien" quasi selbst ins Austragshäuschen evakuiert. Bleibt zu hoffen, er möge bald wieder ins Haupthaus zurückfinden, schließlich hatte er sich mit seinen Vorgängerromanen eigentlich schon einen Platz in der Ahnengalerie gesichert. Florian Kapfer

Davide Longo: Die jungen Bestien, Rowohlt Verlag, Hamburg - 412 Seiten, 22 Euro, ISBN 978-3-498-03 946 -2

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