Wilde Bestäuber: Bienen bringen die Natur zum Blühen und sorgen für eine leckere Süßspeise. Nicht nur im Stock, sondern auch im Wald fühlen sie sich wohl. FOTO: DPA
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Wilde Bestäuber: Bienen bringen die Natur zum Blühen und sorgen für eine leckere Süßspeise. Nicht nur im Stock, sondern auch im Wald fühlen sie sich wohl. FOTO: DPA

Waldwelt der Honigbienen

  • Martin Schäfer
    vonMartin Schäfer
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Der Hund ist treu, die Schlange falsch: Menschliche Eigenschaften werden gerne auch auf Tiere übertragen. Die Biene hat sich das Prädikat "fleißig" erarbeitet. Ein Forscher und ein Fotograf haben sich auf die Suche gemacht, um das Leben der wilden Honigbienen im Wald zu dokumentieren

Von den fliegenden Kleinlebewesen haben die Menschen vermutlich neben Schmetterlingen und Libellen die Bienen am stärksten in ihr Herz geschlossen. Ihr Summen in blühenden Lindenbäumen beruhigt und erfreut. Gern verfolgt unser Auge die emsige Arbeit der Bienen von Blüte zu Blüte.

Vor tausend Jahren war ihr Honig das einzig verfügbare Süßungsmittel. Später trat das Bienenwachs ihrer Waben für Beleuchtungszwecke mittels Wachskerzen in den Vordergrund. Da war die Bedeutung der allgegenwärtigen Bestäuber noch gar nicht erkannt. Heute wissen wir, dass die Bienen rund 80 Prozent aller Nutz- und Wildpflanzen bestäuben. Ihr weltweiter ökonomischer Nutzen liegt bei rund 245 Milliarden Euro.

Ursprünglichkeit und Wildheit

Die Honigbiene ist auch ein Symbol der Verflechtung von Kultur und Natur: Von Imkern in künstlichen Behausungen kultiviert, sind die Bienen doch auf eine (wiederum von Menschen kultivierte) intakte Natur angewiesen. Bienen haben sich eine gewisse Ursprünglichkeit und Wildheit bewahrt. Das musste jüngst eine junge Imkerin erfahren. Sie hatte im Frühjahr kurz vor der Schwarmzeit neue Bienenkästen für das hinausdrängende Volk vorbereitet, doch ein Regenguss unterbrach die Arbeiten. Am nächsten Tag war die Hälfte des Volks mit der Hälfte des Honigs in vollgeschlagenen Mägen ausgerückt. Der Schwarm fand sich - mit Leitern unerreichbar - im hohen Nussbaum.

Pfadfinderbienen sind dann ausgeschwärmt und haben Bäume in Distanzen der nächsten Kilometer sondiert. Als artgerechte Behausung suchen sich Bienenvölker meist zurückgelassene Baumhöhlen, häufig ehemalige Spechthöhlen, typischerweise sechs Meter über dem Boden, mit viel Platz zum Ausbau.

Zurück im Schwarm, informieren die Pfadfinderbienen das Volk mit ihrem Schwänzeltanz über die Qualität ihres Funds. Mit anderen Pfadfinderinnen geraten sie in Wettstreit, bis sich die Kunde von der besten Baumhöhle im Umkreis durchsetzt. Dann setzt sich der Schwarm in kollektive Bewegung, angeleitet von den Pfadfinderinnen.

In atemberaubenden Bildern und Nahaufnahmen beschreibt der jüngste Bildband "Honigbienen" des Fotografen Ingo Arndt und des vielfach ausgezeichneten Würzburger Bienenforschers Jürgen Tautz die "geheimnisvollen Waldbewohner".

Denn der Wald ist das ursprüngliche Habitat der Bienen. Dort nahmen sie ihren Ausgang. Die Waldimkerei - die sogenannte Zeidlerei - stand auch ganz am Anfang der Bienenbewirtschaftung in Mitteleuropa. Die Zeidler schafften in Bäumen künstliche, wenngleich naturnahe Bienenstöcke.

Beobachtungen im präparierten Baum

Die natürliche Lebensweise der Bienen im Wald hat es auch Jürgen Tautz angetan. Schätzungen zufolge gibt es ein wild lebendes Honigbienenvolk auf einen bis fünf Quadratkilometer Wald.

Ein solches Wildbienenvolk im präparierten Baum beobachtet Ingo Arndt per Fotoapparat. Und Tautz informiert, wie das Volk in der Baumhöhle zusammenlebt, wie sich die Bienen im Wald orientieren und gegen Feinde wie etwa Hornissen verteidigen. Dabei kommt Tautz häufig auf die Unterschiede zur Bienenzucht und Imkerei zurück. Lassen sich die Erkenntnisse aus dem Wald für den Imker übertragen? In natürlicher Umgebung scheinen etwa Parasiten wie die Varroamilbe eine geringere Rolle zu spielen. Liegt das daran, dass andere Bewohner der Baumhöhle die Milben in Schach halten?

Das Buch gibt bislang ungesehene Einblicke in ein Bienenvolk im Walde und wirft spannende Fragen auf, wie wir weiter mit Biene, Natur und Umwelt umgehen. Und es ist mit seinen Querverweisen Ausgangspunkt, sich weiter mit diesen faszinierenden Brummern zu beschäftigen.

Ingo Arndt, Jürgen Tautz:

Honigbienen - geheimnisvolle Waldbewohner, 192 Seiten mit 173 farbigen Abbildungen, 38 Euro, ISBN 978-3-95728-362-7

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