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Viel Spannung im Süden Frankreichs

  • Norbert Schmidt
    VonNorbert Schmidt
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Pünktlich zur Sommersaison gibt es neue Frankreich-Krimis von Sophie Bonnet und Christine Cazon. Sie sind zwar keine Urlaubsliteratur mit Wohlfühlcharakter, schwärmerisch wird es dennoch hin und wieder.

Kriminalromane, deren Handlung in einer prominenten Region Frankreichs angesiedelt ist, haben einen Extra-Platz in den Auslagen des Buchhandels inne. Millionseller unter den (in Frankreich vernarrten, aber dort meist nicht originär wurzelnden) Autoren sind der Brite Martin Walker (»Bruno, chef de police«, angesiedelt im Périgord) sowie der Literaturwissenschaftler und Verleger Jörg Bong alias Jean-Luc Bannalec. Aber auch das Echo auf die Arbeit weiterer Autorinnen und Autoren ist nicht von schlechten Eltern: Sophie Bonnet und Christine Cazon, von denen heute hier die Rede ist, oder etwa Alexander Oetker und Cay Rademacher halten sich seit Jahren im oberen Bereich der Belletristik-Hitlisten.

Signifikant für das Genre: Meist ermittelt ein ehedem in Paris tätiger »Kieberer«, den eine biografische Unwucht in die Provinz verschlagen hat. Und in allen Fällen sind die besseren der nur äußerlich konform erscheinenden Romane landeskundlich, historisch und/oder gesellschaftlich sehr profunde Wissensvermittler. Sind keineswegs in erster Linie »Urlaubsliteratur mit Wohlfühlcharakter« oder Sehnsuchtstreiber. Dass es hin und wieder schwärmerisch wird - nun ja, das ist dem Sujet geschuldet. C’est la vie!

Zerplatztes Idyll

Von der Hamburger Erfolgsautorin Heike Koschyk alias Sophie Bonnet liegt seit einigen Tagen der achte »Fall für Pierre Durand« vor. Titel: »Provenzalischer Sturm« (Blanvalet; ISBN 978-3-7645-0758-9, S. 368, 16 Euro). Gewöhnlich agiert dieser Dorfpolizist im fiktiven Örtchen Sainte-Valérie, das Kennern der Region vorkommt wie eine Kopie des Lubéron-Kleinods Gordes. Dass in den Geschichten der passionierten Köchin (und Kochbuch-Autorin) Bonnet der kulinarische Genuss traditionell einen hohen Stellenwert hat, ist bekannt. Mit ihrer Wahl, Verbrechen und Aufklärung in den Weinfeldern von Châteauneuf-du-Pape anzusiedeln, bereitete sie den Gaumenfreuden ein bukolisch anmutendes Umfeld.

In der Sache streift Bonnet, ähnlich einer politischen Journalistin, aktuelle Tatbestände, die das Bild von »la douce France« gehörig in Turbulenzen bringen. Etwa die klimatischen Veränderungen, die sich bei einzelnen Rebsorten auf Ertragsqualität und/oder Verarbeitungszyklen auswirken. Oder die Rolle der wohlhabenden Chinesen. »Das Reich der Mitte« hinter dem östlichen Horizont unserer europäischen Welt stellt, man mag es kaum glauben, den - nach den USA - zweitgrößten Absatzmarkt für französische Weine dar. Nicht minder lässt das chinesische Interesse an historischen französischen Edelimmobilien aufhorchen, an den Châteaus. Die Asiaten sind bei Immobilienmaklern gern gesehene Kunden. Das und etliches mehr fließt in Sophie Bonnets Plot mit ein.

Schauplatz ist ein Schlosshotel inmitten der malerischen Landschaft oberhalb der Rhône, unweit des Dorfes mit den Überresten der im 14. Jahrhundert errichteten Sommerresidenz der weiland exilierten Päpste von Avignon. Dorthin hatte sich Durand mit Freundin Charlotte eigentlich zurückziehen wollen, um in aller Ruhe die Lebensplanung zu konkretisieren. Der Tod eines Winzers, der sein Gut hatte verkaufen wollen, und - Tage später - eines Maklers lassen das Idyll platzen.

Gut konstruiert

»Nicht ohne« ist zudem Christine Cazons neuer Krimi »Lange Schatten über der Côte d’Azur« (KiWi; ISBN 978-3-462-00116-7, S. 304, 11 Euro). Die deutsche Autorin, Jahrgang 1962, die es mit 40 - zunächst als Aussteigerin - nach Südfrankreich verschlagen hatte, wo sie mit ihrem Mann in Cannes lebt, lässt zum achten Male Kommissar Léon Duval ermitteln. Den Ansatzpunkt für die neuerliche Geschichte lieferte eine Ausstellung im Stadtarchiv zu Cannes. Diese dokumentierte die Zeit der deutschen Besatzung 1943/44. Bei einem Stadtspaziergang war Cazon im jüdischen Teil des Friedhofs Le Grand Jas auf ein Grab gestoßen, dessen Inschrift mehrere Personen deutschen Namens auswies mit dem gemeinsamen Todesjahr 1942. Was war damals passiert? Die Spurensuche führte unter anderem nach Saint-Martin-Vésubie 40 Kilometer nördlich von Nizza, wo während des Zweiten Weltkrieges Juden versteckt wurden, um sie vor der Deportation zu schützen. Auch Drancy spielt eine Rolle in der Geschichte, das Sammellager bei Paris, von dem aus die Menschen in den Osten transportiert wurden, in die Todeslager.

Der eigentliche Kriminalfall beginnt mit dem Auffinden der Leiche eines jungen Mannes auf einem der Gräber im israelitischen Feld des Cimetière La Grand Jas. Gut kons-truiert. Und aktuell zudem: Die Tatsache, dass Saint-Martin-Vésubie im Herbst 2020 von einem höllischen Unwetter heimgesucht wurde, in dessen Verlauf Wassermassen Teile des Dorfes mitrissen, ist zum Ende der Erzählung hin in die Geschehnisse eingeflochten.

Passend dazu der Hinweis auf www.gedenkorte-europa.eu/content/list/349/, wo freilich auch Dieulefit/Drôme zu finden ist, die Partnerstadt von Lich in Oberhessen. Und hoffentlich nicht vergebens dieser Hinweis auf ein hier schon ausführlich vorgestelltes Buch, das man gar nicht oft genug empfehlen kann: David Foenkinos’ »Charlotte« (2016, Verlag Penguin), die tragische Geschichte der sich in Südfrankreich sicher wähnenden deutschen Malerin Charlotte Salomon, die 1943 in Auschwitz ermordet wurde.

Sophie Bonnet: Provenzalischer Sturm, Blanvalet; ISBN 978-3-7645-0758-9, S. 368, 16 Euro

Christine Cazon: Lange Schatten über der Côte d’Azur, KiWi; ISBN 978-3-462-00116-7, S. 304, 11 Euro

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