Tun, was dran ist

Orientierung in herausfordernden Zeiten - ein hehrer Anspruch. Oder eher ein Angebot, sich mit seinen eigenen Sichtweisen darüber, was gutes Leben ist, auseinanderzusetzen. Ein Mutmachbuch zum Reflektieren der eigenen Haltung in Corona- und anderen Krisenphasen.

Anselm Grün steht für heilsame Perspektiven und Klarheit in den komplexen Themen unserer Zeit. Der weit über die Grenzen des christlichen Spektrums hinaus bekannte und geschätzte Mönch der Abtei Münsterschwarzach ist ein gefragter Autor, Redner und Gesprächspartner. Der spirituelle Lehrer setzt sich seit Langem mit Fragen auseinander, die gerade jetzt in der Corona-Pandemie, wo alles im Fluss scheint, Ängste wachsen und vieles ins Wanken gerät, hochaktuell und drängend sind.

Wie wollen wir künftig leben, wer wollen wir sein? Worauf kommt es wirklich an im Umgang miteinander, aber auch im Umgang mit unserer Lebenswirklichkeit, mit unseren Sorgen, Problemen und unserer Umwelt? "Orientierung in herausfordernden Zeiten" ist der Untertitel seines neuen Buches "Was gutes Leben ist". Und wie immer bei Anselm Grün lohnt der Blick hinein.

Natürlich ist da viel Bekanntes - wie könnte das auch anders sein bei einem Autor, der seit Jahrzehnten die ganz langen Linien menschlichen Lebens und Verhaltens verfolgt und in einen spirituellen Zusammenhang stellt. Dennoch muss kein Christ sein, wer sich von Grüns Ausführungen inspirieren lassen möchte.

Die Themen Angst und eigene Grenzen, Vereinsamung und Beziehungsfähigkeit, Vertrauen als Lebensgrundlage, Konfliktkultur oder die Kunst, das Gute zu stärken und Festigkeit in Zeiten von Instabilität zu erlangen, sind allgegenwärtig in unserer Gesellschaft. Und ein Blick, der nicht beim vordergründigen Ratgeberjargon stehen bleibt, kann helfen, herausfordern oder provozieren - alles gut, wenn es zum Hinterfragen des eigenen Denkens und Handelns führt.

Grün geht es nicht um Belehrung, das wird jeder bestätigen können, der ihn je auf einem Kirchentag oder in einem Interview hat sprechen hören. Er benennt die Dinge, erzählt kleine Alltagsbegebenheiten und motiviert dazu, herauszufinden, was wir wirklich brauchen - als Einzelner wie als Gesellschaft. "Die Krise hat uns zumindest auch gezeigt, dass wir mit weniger auskommen, als wir bisher gedacht haben", schreibt Grün. Das könnte uns zu der Frage führen, was uns wirklich gefehlt hat. Jeder von uns schleppt Ballast mit sich herum - inneren wie äußeren. Das sind auch Haltungen, Meinungen, Vorurteile - über sich selbst wie über andere Menschen. "Wir sind jeden Tag dafür verantwortlich, wie wir mit Menschen, zu Menschen und über Menschen sprechen", heißt es im Kapitel "Jetzt ist die Zeit".

Tun, was dran ist: Gelassen und engagiert zugleich. So könnte man die Haltung beschreiben, die Grün in dieser und in allen anderen Krisen des eigenen Lebens als gute Basis empfindet. Dabei nach kreativen Lösungen suchen, die Oberflächlichkeit verlassen, Verantwortung übernehmen, ohne Macht an sich zu reißen. Mitgefühl, Zuwendung und Solidarität, aber auch Verzicht und Disziplin und ein eigener Rhythmus gehören für ihn zu einem gelingenden Leben dazu. Einfachheit als Lebensstil und eine bewusstere Gestaltung der eigenen Zeit können ganz neue Perspektiven eröffnen.

Vielleicht trauen wir uns dann auch, die Frage zuzulassen: "Was suche ich eigentlich?" Und jetzt, wo in dieser Corona-Krise so viel von Freiheit die Rede ist: Die Krise fordert uns heraus. Nehmen wir uns jetzt die Freiheit, etwas daraus zu lernen, nachzudenken und unsere Prioritäten vielleicht neu zu setzen? Das Buch bündelt jede Menge Ansätze dazu.

Anselm Grün: Was gutes Leben ist. Orientierung in herausfordernden Zeiten. Verlag Herder, 256 S., 22 Euro, ISBN: 978-3-451-03274-5

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