Surreale Wunder und sprachliche Nüchternheit

Er geht auf die Knie, bekreuzigt sich, legt die Stirn auf den Boden und spricht das Vaterunser. Von einem Moment auf den anderen findet Tobias seine Seele - und ist »vernichtet«. In einer schmucklosen Sichtbeton-Kirche in Belgrad ist sich die Hauptfigur in Jakob Noltes »Kurzes Buch über Tobias« noch nicht sicher, ob ihre Gesten »ironisch oder zynisch« sind.

Als christliche Erweckung ist die Szene aber von zentraler Bedeutung.

Zwar konstruiert der 1988 geborene Nolte in seinem dritten Roman keine Heilsgeschichte an sich - wie der Titel in Anlehnung an die Bücher der Bibel suggerieren könnte. Der massive Unterbau religiöser Motive aber zieht sich durch bis zum letzten Kapitel.

Von seinem neu gefundenen Glauben macht Allerweltstyp Tobias zunächst nicht viel Aufhebens. »Er befürchtete, dass man es als eine seiner wahllosen Sponatanbegeisterungen abtun würde; als eine modische Religiosität, die jeden Moment von einem Musikgenre oder japanischem Handwerk abgelöst werden könnte.« Doch wird der Weg seinem bisherigen Leben nach und nach ein Ende setzen. Zuletzt wird er sich als Prediger im Fernsehen und Laienpriester engagieren, während von seinen Hobbys (Tischtennis) und Beziehungen (sein gleichnamiger Partner Tobias, Ex-Freundin Alina) letztlich nicht viel übrig bleibt.

Nolte verbindet in seinem Roman die ironisch angedeutete Sprache der Post-Popkultur mit den mystischen Elementen theologischer Symbolik. Beim Flugzeugabsturz über den Berner Alpen hat Tobias eine Erektion. Weil er am Notausgang sitzt, entkommt er als Einziger dem Flieger, bevor dieser zu brennen beginnt. Im Gepäckfach zurückbleiben muss die Laptoptasche und »seine ungeheuer bequeme Lacoste-Strickjacke«.

Der nahe Hannover aufgewachsene und heute in Berlin lebende Nolte schreibt unter anderem Prosa und Theaterstücke. Sein Roman-Zweitling »Schreckliche Gewalten« schaffte es 2017 auf die Longlist des Deutschen Buchpreises.

In seinem ziellosen Roman betreibt der Autor Fallenstellerei - und zirkelt sie bis aufs Äußerste. Manche Episoden bleiben im Vagen und Surrealen, andere fungieren als eine Art Gleichnis. Nolte kommt es zugleich auf einen Fortgang der Hauptfigur an wie auf die poetologische Dekonstruktion des eigenen Textes. »Kurzes Buch über Tobias« ist ein selbstreferenzieller Roman voller chronologischer Brüche und erzählerischer Andeutungen. Nur vom Innenleben des Protagonisten ist nicht viel zu erfahren. Und auch eine nachvollziehbare Entwicklung der Figur bleibt weitgehend aus. Als ob nichts geschehen sei, checkt Tobias etwa nach dem Flugzeugabsturz, dass sein Handy-Akku nur noch zu 20 Prozent geladen ist. Er hat einige neue Messages und eine E-Mail erhalten. So viel zum vermeintlichen Wunder der Auferstehung. dpa

Jakob Nolte: Kurzes Buch über Tobias, Suhrkamp, 231 Seiten, 22 Euro, ISBN 978-3-518-42 979 -2

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