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Superhund unterwegs!

  • vonMaren Bonacker
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Wie weit geht ein Mensch, um das, was er als moralisch richtig sieht, umzusetzen? In ihrem Debütroman »Die Farbe der Wahrheit« geht Nina Hamaim dieser Frage nach. Ihren Protagonisten Elias Daniel schickt sie dafür in ein Machtspiel zweier seit Jahrzehnten verfeindeter Männer und lässt den Leser damit sein eigenes Gewissen prüfen.

So ein Hundeleben ist hart! Immer soll Bob mit seinem Frauchen und seinem Herrchen spielen, einen Ball holen und fröhlich durch die Gegend springen. Dabei hat er doch den ganzen Tag so viel zu tun! Er muss die kleinen Vogelbabys im Garten vorm dicken Kater Franz retten, jeden Morgen den Briefträger erschrecken und immer ein wachsames Auge auf die Nachbarschaft haben. Da ist es doch klar, dass er müde ist, wenn seine Menschen nach Hause kommen!

In dieser Woche ist besonders viel los: Pudeldame Zita jault in höchster Not, als ein Einbrecher sie im Küchenschrank einsperrt. Und auch Angstdackel Skipper wird nicht gut von dem Mann mit der Leiter behandelt - der sperrt ihn doch glatt in der Toilette ein! Gestohlen wird bei den beiden Einbrüchen nichts, aber der Einbrecher wirft alles durcheinander. Und die Hundebesitzer glauben, dass ihre Hunde schuld an dem Durcheinander sind! Das kann ein Superhund wie Top Bob nicht zulassen. Und als der Einbrecher auch bei ihm zu Hause auftaucht, gibt es eine wilde Verfolgungsjagd.

Harmen van Straaten beschreibt aus Hundeperspektive eine abenteuerliche und arbeitsreiche Woche, in der es nicht immer nur gerecht zugeht. Das Lob für die Ergreifung des Diebes nämlich streicht nicht etwa der heldenhafte Tob Bob ein, sondern ein ganz anderer. Gut, dass Bob das mit einer gewissen Lässigkeit hinnimmt, weil er weiß, was er jeden Tag für einen tollen Job macht! Witzige und lebendige Bilder zeigen Bobs wildbewegte Woche, und davon zu lesen, macht nicht nur Hundefreunden großen Spaß. Ein wirklich schönes Buch für kleine Lesestarter, empfiehlt euch heute eure Maren

Harmen van Straaten: Top Bob, dein Hund und Retter. Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf. Stuttgart: Verlag Freies Geistesleben, 2021. 61 Seiten. 12 Euro. Ab 5 Jahre.

Der eine ist Journalist und soll für den »Spiegel« eine Geschichte über die Ostdeutschen schreiben. Der andere scheint sich mit seinem ungewöhnlichen Lebenslauf geradezu dafür aufzudrängen. Beide verbindet, in der DDR geboren und in Ost-Berlin aufgewachsen zu sein. Am Schluss erscheint der Magazintext dann doch nicht - was Teil der Geschichte ist, die der Berliner Journalist und Schriftsteller Alexander Osang (58) über seine beiden Figuren in seinem lesenswerten Roman »Fast hell« erzählt. Der ist, drei Jahrzehnte nach der Deutschen Einheit, gerade im Aufbau Verlag erschienen.

Der Ich-Erzähler hat viel mit Osang gemeinsam. Er ist Reporter, war Auslandskorrespondent in New York und Tel Aviv und lebt inzwischen wieder in Berlin. Uwe, den er aus seiner Zeit in den USA kennt, scheint am Anfang ein idealer Gesprächspartner zu sein, belesen und eloquent, auskunftswillig und redefreudig.

»Der Osten war unberechenbar und farbenfroh«, schreibt Osang. »In den historischen Fernsehdokumentationen sehen die Leute alle gleich aus.« Uwe ist anders, er würde den Rahmen solcher Dokus sprengen. Er ist schwul, vielsprachig, glatzköpfig, Enkel eines Schauspielers und Neffe einer Republikflüchtigen, die im Kofferraum eines argentinischen Diplomaten von Ost- nach Westberlin geflohen war. Er besitzt ein Haus in New York, er kennt sich nicht nur in Moskau aus, sondern auch in Peking, Hongkong, Buenos Aires und Tel Aviv.

Es klingt nach einer vielversprechenden Geschichte. Und so verabreden sich die beiden Männer zu einer viertägigen Schiffsreise von Helsinki nach St. Petersburg. Dabei soll der eine dem anderen sein Leben erzählen, der dann allerdings beginnt, über sich selbst nachzudenken und dem Leser immer mehr über die eigenen Erfahrungen und Erinnerungen berichtet.

Der Titel »Fast hell« ist auf interessante Art mehrdeutig: Fast hell ist es im Sommer während der weißen Nächte wie in St. Petersburg, wenn die Sonne nie ganz untergeht. Fast hell heißt aber auch: nicht ganz hell. Manches bleibt im Dunkeln - das gilt gerade für Uwes Lebensgeschichte. Stimmt es wirklich, dass er nicht auf die erweiterte Oberschule gehen darf, weil der Vater einer Mitschülerin bei der Stasi ist, es auf ihn abgesehen hat? Kann es sein, dass er von der Mafia in Moskau erpresst wird, als er neben dem Dolmetscherstudium eine Filiale einer deutschen Teehandelskette eröffnen will?

Stimmt es, dass Uwes guter Freund Chris noch am Tag zuvor die Maschine geflogen hat, die bei den Anschlägen am 9. September 2001 über Pennsylvania abstürzt? Uwes Erzählungen erscheinen wie der Plot aus einem Abenteuerfilm. Auch wie weit er sich als junger Erwachsener mit der Stasi eingelassen hat, ist nicht ganz klar, die Akte ist unauffindbar.

Osang hat aus all dem einen vielschichtigen Roman gemacht, bei dem es um große Fragen geht: um die, wie sehr man Erinnerungen trauen kann zum Beispiel - und um die Suche nach Wahrheit in der Vergangenheit.

Um Osangs eigene Geschichte geht es auch - und um die deutsche nach dem Mauerfall. »Ich hatte immer gehofft, dass der Westen neugierig auf uns ist«, sagt Uwe einmal. »Aber das war nicht der Fall. Das war vielleicht meine größte Enttäuschung.«

Am Schluss steht fest: Uwes anfangs so vielversprechend erscheinende Geschichte lässt sich nicht auf wenigen Seiten erzählen. Das journalistische Projekt endet in einer Sackgasse. Und das ist auch gut so - sonst gäbe es den Roman nicht. dpa

Alexander Osang: Fast hell. Aufbau Verlag, Berlin, 237 Seiten, 22 Euro, ISBN 978-3-351-03858-8

Sind fünf Menschenleben weniger wert als viele? In der Ethik wird gerne das Trolley-Dilemma herangezogen. Es ist ein moralphilosophisches Gedankenexperiment in dem es darum geht, das ein Güterzug außer Kontorolle geraten ist und droht, ungebremst auf seinem Gleis in einen voll besetzten Personenzug zu rasen. Dabei würden vielen Menschen sterben. Doch man selbst hätte die Chance, die Weichen umzustellen. Dort stehen allerdings fünf Arbeiter auf den Schienen. Was tut man? Diese Problemstellung ist ein essenzieller Bestandteil des Handelns der Figuren in »Die Farbe der Wahrheit«.

Liebesgeschichte und Krimi inklusive

Doch Nina Hamaims Debütroman ist keineswegs eine philosophische Abhandlung, vielmehr ein Stück, das dazu anregt, sein eigenes Gewissen zu prüfen. Dazu schickt sie ihren Protagonisten Elias Daniel in ein undurchschaubares Geflecht von rätselhaften Vorgängen, die weit in die Vergangenheit zurückreichen und ihn zum Spielball zweier mächtiger Gegner machen. Ein bisschen Krimi und eine Liebesgeschichte gibt es inklusive, denn nachdem Elias etwas Unbegreifliches mitansehen musste und nach Israel flüchtet, trifft er auf die geheimnisvolle Valeria und droht, nicht nur sein Herz an sie zu verlieren.

»Jeder kann dabei für sich selbst prüfen, wie es um sein Gewissen steht«, sagt die Autorin, die in Rockenberg aufwuchs und das Abitur an der Weidigschule in Butzbach ablegte, mit Blick auf die Handlung und die Entscheidungen, die Elias trifft. »Damit dies gelingt, ist der Leser immer auf dem gleichen Stand wie der Protagonist und kann sich selbst überlegen, ob er die Entscheidung auch so getroffen hätte.«

Ihre Magisterarbeit an der Justus-Liebig-Universität in Geschichte hat Hamaim über Adolf Eichmann geschrieben, einen der Hauptorganisatoren des Holocaust, der stets betonte, dass sein Gewissen ihn nicht quäle. »Seitdem habe ich ein Faible für moralische Gedankenspiele. Gewissensfragen üben eine Faszination auf mich aus.«

Als Hamaim (der Name ist ein Pseudonym) dann mit ihrem Ehemann für zwei Jahre nach Israel zog, kam ihr plötzlich auf dem Weg zum Strand in Tel Aviv die Idee zu der Handlung. Die Auslandserfahrung findet sich im Roman wieder. »Das Leben in Israel war für mich sehr inspirierend und ich wollte zeigen, dass Israel ein offenherziges und buntes Land ist«, sagt Hamaim. Nach den Israel-Episoden geht es für Elias wieder in die Heimat und die Ereignisse nehmen ihren Lauf. Und es wird eine Fortsetzung der Geschichte geben, kündigt Hamaim an.

Zielgruppe online erweitern

Dass es nicht einfach ist, mitten in der Corona-Krise ein Buch zu veröffentlichen, musste die Autorin gerade bei ihrem Erstlingswerk erfahren. »Es finden keine Buchmessen oder Lesungen statt und wie will man als Verlag dann neue Autoren präsentieren?«, sagt Hamaim. Ihr Verlag, Alea Libris aus Wannweil, baut sein Online-Angebot aus. Mit digitalen Lesungen und Schreibwettbewerben versucht man, die Zielgruppe zu erweitern.

»Die Farbe der Wahrheit« setzt sich aus zwei Hardcover-Bänden zusammen. Der Clou: Bei einem der beiden Exemplare wurde die Schrift in weißer Farbe auf schwarzen Hintergrund gedruckt und bei dem anderen befindet sich schwarze Schrift auf weißen Seiten. Zusammen umfassen die Bücher gut 800 Seiten. Bestellen kann man sie direkt beim Verlag.

Nina Hamaim: Die Farbe der Wahrheit, zwei Bände: Episoden 1-5; Episoden 6-10), Alea Libris Verlag, Wannweil, 370 bzw. 480 Seiten, je 24,90 Euro, ISBN 9-783945-814536 / 9-783945-814550.

Heute stellen wir Ihnen, lieber Leserinnen und Leser, drei sehr unterschiedliche Bücher vor. Nina Hamaim, die aus der Wetterau stammt, hat mit »Die Farbe der Wahrheit« ihr Debüt veröffentlicht. Der Roman stellt eine philosophische Frage, die den Leser dazu anregt, sein eigenes Gewissen zu prüfen. Auch in »Fast hell« von Alexander Osang ist Mitdenken gefragt: Welcher Teil der Erinnerung des Protagonisten entspricht der Realität, was hat die Zeit verzerrt? Und unser heutiger Kinderbuchtipp nimmt die jüngsten Leser mit in ein tierisches Abenteuer. kan

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Als Nina Hamaim mit ihrem Ehemann für zwei Jahre in Israel lebte, kam ihr eines Tages auf dem Weg zum Strand plötzlich die Idee zu ihrem Debütroman.

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