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Suche nach einem Haustier

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Bestsellerautor John Grisham greift in seinen Thrillern immer wieder brisante Themen aus dem amerikanischen Justizsystem auf. Auch sein neuer Roman "Die Wächter" enthält eine Botschaft. Es geht um Menschen, die unschuldig viele Jahre in der Todeszelle sitzen.

Es ist eine komplexe, faszinierende und alles andere als kindliche Geschichte: Frau Hitschkes Hund ist weg, einfach verschwunden. Dabei war sie nur kurz einkaufen. Und nun ist sie genauso verzweifelt wie hilflos, weil sie nicht weiß, was sie tun soll, um ihren kleinen Kläffer namens Power wiederzubekommen.

Deshalb bittet sie Kerze um Hilfe. Kerze ist noch ein Kind, aber anders als "die Hitschke" selbstbestimmt, ohne Angst und mit klaren Vorstellungen davon, was zu tun ist: Sie verspricht, den Hund zu finden. Genau das ist, was Kerze am besten kann, schreibt Verena Güntner in ihrem neuen Roman "Power" über ihre ungewöhnliche Protagonistin: "Versprechen halten. "Power" erzählt eine starke Geschichte, aber keine mit einer einfachen Botschaft. Das spricht eher für als gegen den Roman.

Verena Güntner: Power. DuMont Bucherverlag, Köln, 250 Seiten, 22 Euro, ISBN 978-3-8321-8369-1

Michel Abdollahi hat eigentlich immer das Gespräch gesucht, mit Nichtmuslimen, auch mit Rechten, gerne mit ungewöhnlichen Aktionen. 2015 stellte er sich mitten auf den Hamburger Jungfernstieg, vor sich ein Schild mit der Aufschrift "Ich bin Muslim. Was wollen Sie wissen?". Doch die Reaktion auf dieses Gesprächsangebot war niederschmetternd. Denn die Passanten reagierten nicht etwa mit Neugier, sondern mit einer kalten Abfuhr. Die häufigste Frage war: "Wann geht dein Rückflug?" Man wies ihm, dem Hamburger Jung, die Tür.

Eine Erfahrung, die Abdollahi (38), der erfolgreiche Künstler, Journalist und Literat, wie viele andere Migranten immer wieder in seinem Leben machte. Mit fünf Jahren kam der in Teheran geborene Sohn eines Akademikerpaars nach Hamburg, er ging hier zur Schule, machte hier seine Abschlüsse, erwarb die deutsche Staatsbürgerschaft, wurde schließlich bekannt als Poetry-Slammer und Journalist. Abdollahi wurde "vom Ausländer über Migrant zu einem "Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund". "Nur Deutscher, das wurde ich nie." Warum das so ist und was das mit dem grassierenden Rassismus zu tun hat, beschreibt er in seinem Buch "Deutschland schafft mich. Als ich erfuhr, dass ich doch kein Deutscher bin". Obwohl Abdollahi zum Zeitpunkt der Niederschrift noch nichts von dem Hanauer Attentäter wissen konnte, scheint diese terroristische Tat wie zuvor schon die Ermordung von Walter Lübcke oder der Anschlag auf die Synagoge in Halle seine Thesen aufs Traurigste zu bestätigen. Islamophobie, Antisemitismus und Rassismus, die es schon immer gab, sind inzwischen zur mörderischen Bedrohung durch die Neue Rechte geworden.

Sarrazin-Buch war Wendepunkt

"Mittlerweile", schreibt Abdollahi, "haben wir ein Deutschland geschaffen, in dem Menschen anderer Hautfarbe, Religion, sexueller Orientierung oder auch anderer Ansicht auf offener Straße beleidigt, beschimpft, verprügelt, abgestochen oder erschossen werden." Aber das alles ist nicht vom Himmel gefallen, sondern hat eine lange Vorgeschichte. Ein entscheidender negativer Wendepunkt ist für ihn das 2010 erschienene Sarrazin-Buch "Deutschland schafft sich ab", auf das sich der Titel seines eigenen Buches "Deutschland schafft mich" natürlich direkt bezieht. Sarrazin war eine Art Dammbruch, Ressentiments und Rassismus waren plötzlich wieder gesellschaftsfähig. Den Rest erledigten die sozialen Medien und die AfD.

Harsche Kritik übt Abdollahi an den etablierten Medien, speziell den Talkshows und ihrer "völlig außer Kontrolle geratenen Debattenkultur". Man hätte Höcke und Co. "niemals die Möglichkeit geben dürfen, vor einem Millionenpublikum zu sprechen, denn ihre Absichten waren damals schon glasklar. Aber die Sorge vor den Sorgen der Besorgten führte in weiten Teilen der Medienlandschaft zu einem Totalausfall, der bedauerlicherweise in Teilen noch immer anhält. Man lädt sie weiter munter ein. Man springt über ihre Stöckchen."

Mit Rechten reden, das scheute Abdollahi einst selbst keineswegs. Bekannt ist sein vierwöchiger Ausflug in das Nazidorf Jamel in Mecklenburg, wo er im Sommer 2015 als Reporter von "Panorama" versuchte, mit Nazis ins Gespräch zu kommen. Heute spricht er, der seit Langem Opfer von rechten Hasskampagnen im Internet ist, nicht mehr mit Extremisten. Rassismus, Hass und Menschenverachtung sind für ihn keine zu diskutierende Meinung, Punkt.

Abdollahi verknüpft überzeugend und sehr berührend seine eigene Biografie mit der gesellschaftlichen Entwicklung Deutschlands in den vergangenen Jahrzehnten. Er hat ein kluges, engagiertes, teilweise auch bedrückendes Buch geschrieben, das vor allem "die Anständigen" in diesem Land wachrütteln und alarmieren will. dpa

Michel Abdollahi: Deutschland schafft mich. Als ich erfuhr, dass ich doch kein Deutscher bin, Hoffmann und Campe, Hamburg, 256 Seiten, 18,00 Euro, ISBN 978-3-455-00 893 -7

John Grisham ist ein Phänomen. Seit gut 30 Jahren veröffentlich der frühere Anwalt, der gerade seinen 65. Geburtstag feierte, mit schöner Regelmäßigkeit Romane, die die Bestsellerlisten stürmen. Immer wieder im Mittelpunkt steht darin das amerikanische Justizsystem mit seinen Unzulänglichkeiten.

In seinem neuen Roman "Die Wächter" nimmt sich der US-Schriftsteller ein besonders kontroverses Thema vor: Das Drama von Menschen, die unschuldig in der Todeszelle sitzen und denen das Justizsystem nie eine gerechte Chance gegeben hat.

Im Mittelpunkt des Romans steht Cullen Post, ein ehemaliger Anwalt, der nach einer Lebenskrise Geistlicher wurde und sich schließlich bei den "Wächtern" engagierte. Diese kleine, durch Spenden finanzierte Organisation nimmt sich Fällen von Menschen an, die in der Todeszelle sitzen, von deren Unschuld die Gruppe aber überzeugt ist. Durch seinen juristischen Hintergrund ist Post besonders qualifiziert.

Die Organisation befasst sich im Roman mit mehreren Fällen, aber auf einen konzentriert sich Grisham ganz besonders. Quincy Miller wurde vor 22 Jahren von einem Gericht in Florida zum Tode verurteilt, weil er einen Anwalt in dessen Kanzlei erschossen haben soll. Grundlage für die Verurteilung war die Aussage einer Frau, die kurz nach der Tat einen Afroamerikaner mit etwas, das ein Gewehr gewesen sein könnte, in der Nähe des Tatorts gesehen haben will.

Post, für den es nichts zu geben scheint außer seiner Arbeit, macht sich voller Elan daran, dem Mann zu helfen. Immer im Mittelpunkt steht dabei der Versuch, Gründe für einen neuen Prozess zu finden. Nur wenn es neue Beweise gibt, die die Unschuld seines Mandanten belegen, kann Post seinen Mandanten aus dem Gefängnis holen. Dabei geht es aus juristischen Gründen immer nur um die Unschuld des Verurteilten, nicht darum, wer der wirkliche Täter war. Aber natürlich steht diese Frage immer im Raum, als sich Post in den Fall hineinarbeitet, Zeugenaussagen hinterfragt und die alten Dokumente auf Lücken untersucht.

Post ist ganz eindeutig Grishams Sprachrohr, als er die psychische Ausnahmesituation von Gefangenen schildert: "Gefängnis ist für diejenigen, die es verdient haben, ein Albtraum. Für die, die es nicht verdient haben, bedeutet es einen täglichen Kampf darum, nicht den Verstand zu verlieren. Insassen, die erfahren, dass es Beweise für ihre Unschuld gibt, und trotzdem in Haft bleiben, treibt die Situation in den Wahnsinn."

Grisham lässt seine Hauptfigur wie einen Detektiv nach der Wahrheit suchen und dabei Abgründe im Justizsystem entdecken, die schlimmer sind als alles, was er vorher gekannt hatte. Die mittelamerikanische Drogenmafia scheint den gesamten Staat Florida unterwandert zu haben und zu allem fähig zu sein, um diese Machtposition zu behaupten. Hinzu kommt, dass Gerichte und Polizei zutiefst rassistisch geprägt sind. In einer beeindruckenden Szene lässt Gri- sham einen früheren Anwalt schildern, wie er dazu gebracht wurde, seinen Beruf aufzugeben und ein völlig neues Leben zu beginnen. Spätestens von dem Moment an weiß Post, in welche Gefahr er sich selbst bringen könnte, wenn er nachweist, dass Quincy Millers Todesurteil falsch war. Miller selbst ist bereits in Lebensgefahr.

Raffinierte Indizienfälle

Ein Gerichtsgutachter fasst zusammen, was für ein Fall den Kern des Romans bildet: "Ein spektakulärer Mord, dazu der perfekte Verdächtige mitsamt Motiv, eine raffiniert inszenierte Indizienfalle. Quincy entrinnt nur mit knapper Not der Todesstrafe und muss für den Rest seines Lebens hinter Gitter."

John Grisham ist dafür bekannt, in seinen Romanen dramatische Gerichtsverhandlungen äußerst effektvoll einzusetzen. Auch "Die Wächter" läuft auf eine solche Verhandlung als Höhepunkt hinaus. Hier zeigt sich Grisham wieder in erzählerischer Bestform. Immer wieder bieten ihm die Szenen vor Gericht Gelegenheit, Spannung aufzubauen und durch die Unübersichtlichkeit des Rechtssystems zusätzliche Risiken ins Spiel zu bringen.

Mit "Die Wächter" hat John Grisham einen herausragenden Justizthriller geschrieben, der sich mit seinen Klassikern wie "Die Jury" und "Die Kammer" messen lassen kann.

John Grisham: Die Wächter. Heyne Verlag, München, 448 Seiten, 24 Euro, ISBN 978-3-453-27 221 -7 5

"Rosemarie"- Der Mord an der Frankfurter Prostituierten Rosemarie Nitribitt im Jahr 1957 war einer der ersten großen Skandale der jungen Bundesrepublik. Nicht nur, dass die junge Frau offenbar sehr wohlhabende und einflussreiche Kunden aus Wirtschaft und möglicherweise auch Politik hatte, es gab auch Gerüchte um Erpressungen und die Verstrickung hoher gesellschaftlicher Schichten. Schon ein Jahr nach dem bis heute nicht aufgeklärten Mord veröffentlichte der Publizist Erich Kuby seinen Tatsachenroman "Rosemarie", der nun neu aufgelegt wurde. Kuby kann auch nur über die Geschehnisse spekulieren, aber der besondere Reiz seines Textes liegt darin, einen unverstellten Blick auf das gesellschaftliche Klima und die Moralvorstellungen der 50er Jahre zu bieten.

"Das verlassene Haus"- Unheimliche Dinge ereignen sich in dem kleinen Ortschaft Three Pines, in der die Kanadierin Louise Penny ihre Krimis spielen lässt. Mehrere Dorfbewohner veranstalten in einem leer stehenden Haus eine Geisterbeschwörung. Gerade ist das Licht ausgegangen, als eine der Teilnehmerinnen tot zusammenbricht. Allerdings ist sie keines natürlichen Todes gestorben. Eine Autopsie ergibt, dass sie vergiftet wurde. So wird eine Mordermittlung fällig. Mit ihr wird Inspektor Gamache von der Kripo Montreal beauftragt. Den hat Louise Penny schon in zwei früheren Romanen in Three Pines ermitteln lassen, sodass er die exzentrischen Dorfbewohner bereits kennt. Penny lässt sich viel Zeit, um Personen und Szenerie zu beschreiben und die Motive der handelnden Personen glaubhaft zu beschreiben.

"Exekution"- Mit einer bemerkenswerten Szene lässt der amerikanische Erfolgsautor David Baldacci seinen neuen Roman "Exekution" beginnen. Mitten in Washington, direkt vor der Zentrale des FBI, erschießt ein Mann ohne ein vorher erkennbares Zeichen eine vorbeigehende Frau und kurz darauf sich selbst. Die Szene wird zufällig beobachtet vom FBI-Agenten und Baldacci-Serienhelden Amos Decker. Dessen besondere Eigenart ist, dass er nie etwas vergisst. Baldacci macht den Fall immer komplexer und lässt die Ermittlerteams zu überraschenden Ergebnissen kommen. Was als Krimi beginnt entwickelt sich nach und nach zu einem komplexen Verschwörungsthriller. dpa

Der Meister des Justizkrimis hat wieder zugeschlagen: John Grisham veröffentlicht mit "Die Wächter" eine Geschichte, in der es um Menschen geht, die in den USA unschuldig hinter Gittern sitzen. Immer die Angst im Nacken, dass die gegen sie verhängte Todesstrafe vollstreckt wird, ehe ihre Unschuld bewiesen ist.

Nicht minder eindrucksvoll ist Michel Abdollahis Bestandsaufnahme dieser Republik. Am eigenen Beispiel zeigt er wie hier geborene Menschen mit Migrationshintergrund ins Abseits gestellt werden. Und wie der lange verborgene Rassismus in Deutschland wieder salonfähig wird. rüg

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