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Großstadt mal anders: Autor Georg Magirius - hier im Dom - hat sich auf Spurensuche nach der Stille begeben.

Stille Oasen gibt’s auch in Frankfurt

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Stille Oasen in der sogenannten Mainmetropole Frankfurt zu finden, scheint ein mutiges Unterfangen. »In Frankfurt ist fast immer etwas zu hören. Ruhe im messtechnischen Sinn findet man selten«, stellt der Schriftsteller und Theologe Georg Magirius im Vorwort seines neuen Handbuches »Stilles Frankfurt« fest. Sein eindeutiger Befund: Selbst im beschaulichen Gärtnerdorf Oberrad gackern deutlich hörbar die City-Hühner.

Und sie bestätigen damit eine andere Erkenntnis, die sich nicht nur bei Spöttern herumspricht: »Frankfurt hat eine höchst überschaubare Innenstadt, die von Dörfern umgeben ist.« Und während Magirius seine Leser auch in den Dom und die Rotunde der Schirn Kunsthalle mitnimmt, zeigt sich das scharrende Federvieh reichlich wenig von der Skyline im Hintergrund beeindruckt.

Magirius ist in allen Himmelsrichtungen auf die Suche nach insgesamt 13 stillen Oasen gegangen. »Die Zwölf wäre eine zu symbolträchtige Zahl gewesen, die Dreizehn ist eine augenzwinkernde Entwarnung an alle Abergläubischen«, sagt der evangelische Theologe, der sich seine Freiheiten lässt und daher seine Botschaften lieber in Büchern, Vorträgen und Konzerten in Kirche oder Hörfunk verkündet statt predigend auf der Kanzel.

Verordnete Stille kann krank machen

Und so führt er den Leser zielsicher vorbei an den dämonischen Wasserspeiern auf dem Domturm und lässt ihn über die Schirn Richtung Römer und Sachsenhausen schauen: Doch geht es da vor allem nach Corona weiterhin so still zu? »Eine verordnete Stille kann auch krank machen«, räumt Magirius mit Hinblick auf den Lockdown ein. Eine lebendige Altstadt darf es durchaus geben, individuelle Räume, um zu entspannen und zu sich zu finden, kann es dort trotzdem geben.

Etwa im harmonischen Gewölbe des nahezu quadratischen Doms oder unter der Glaskuppel der Schirn, die mit ihren engen Streben die »Weiten des Himmels zeigt«. Oder im Chinesischen Garten, der Mensch und Tier zu Meditation und zum anschließenden Spaziergang durch die Wallanlagen auf den Spuren von Friedrich Schiller, Ludwig van Beethoven oder Philipp Reis einlädt.

Wanderungen durch die Wälder

»Ich liebe ruhige Wanderungen etwa im Spessart, aber ich wollte solche Touren auch in Frankfurt unternehmen können«, sagt der gebürtige Kelsterbacher. Manche stille Oasen in seinem Buch sind von den regelmäßig durchgeführten spirituellen Wanderungen inspiriert, im vergangenen Sommer etwa ging’s zum Wasserwerk Hinkelstein: Ein acht Kilometer langer Weg, der von der lauten S-Bahnstation Gateway Gardens in den meditativen Wald mit dem fast märchenhaft anmutenden Bauwerk führt, gekrönt von einer Laterne mit Nixe.

Die übrigen stillen Orte versucht Magirius nach der Fließrichtung des Mains gleichmäßig von Westen nach Osten zu berücksichtigen: Der Fechenheimer Mainbogen, Berger Hang und Niddahang bei Berkersheim kommen bei ihm ebenso vor wie das Willemerhäuschen am Mühlberg und der Jacobiweiher im Stadtwald. Und im Westen haben es dem Autor die Höchster Schiffs- und Schlosslandschaft sowie die weiten Flächen der Schwanheimer Wiesen und die Düne angetan, die einen Hauch von Nordsee in die Felder vor Frankfurts Toren zaubert.

Manchem Ort entlockt Magirius auch ein Geheimnis: Etwa Frankfurts einzige Mineralquelle am Berger Hang, die unterirdisch nach Bad Vilbel geleitet und dort als »Hassia Azur« abgefüllt wird. Oder die magische Zahl Sieben, die sich hinter den mystisch gebundenen Kräutern der Frankfurter Grünen Soße verbirgt. Es darf geschmunzelt werden - auch über das Federvieh, das übrigens zum »Hühnermobil« gehört, einer städtischen Genossenschaft. Gernot Gottwals

Georg Magirius: »Stilles Frankfurt«, Echter Verlag, 85 Seiten, 9,90 Euro, ISBN 978-3429055141.

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